386 Concordia.
und doch künſtleriſch— frei von Künſtelei, unaffektirt, beſcheiden, aber mit dem kühnen Impulſe des wahren Künſtlers, der in der Freude an ſeiner Kunſt ſich ſelbſt und das Auditorium vergißt.
Ein ſo glänzender, unbeſtrittener Erfolg gewährte dem Mädchen das höchſte Vergnügen und hob Matthew Elgood in eine Region der Glückſeligkeit, die er früher niemals er⸗ reicht hatte. Zum erſten Male in ſeinem Leben fand er ſich mit reichen Mitteln zur Befriedigung ſeiner Wünſche verſehen. Der Direktor des Royal⸗Albert⸗Theaters hatte ſich beeilt, die liberalſten Bedingungen zu machen, da ſonſt andere Direktoren, immer auf der Lauer nach neu ſich erhebenden Talenten, ver⸗ ſucht haben würden, durch das Anerbieten einer höheren Gage Juſtina an ihre Bühne zu locken. Von wöchentlich drei Guineen, welche Matthew am Beginne gern akzeptirt hatte, verdoppelte er dieſe Summe, und verſprach eine weitere Er⸗ höhung, wenn Miß Elgood's zweite Rolle ſo erfolgreich ſein ſollte, wie die erſte.
„Mit einer ſo jungen Schauſpielerin ſteht man niemals auf ganz ſicherem Boden,“ ſagte er diplomatiſch.„Die Rolle in„Keine Karten“ war gerade geeignet für Ihre Tochter. Ich habe aber keine Idee, was ſie mir in der Folge ſein wird. Ich habe gar manche vielverſprechende Debuts ſpäter— zu nichts führen ſehen.“
„Meine Tochter hat Erfahrung und genoß den Unterricht eines erfahrenen Schauſpielers, Sir,“ erwiderte Matthew würdevoll.„Sie hat eine vollkommene Kenntniß ihrer Kunſt, und je mehr Sie auf ſie rechnen, deſto werthvoller wird ſie Ihnen werden. Eine Rolle wie in„Keine Karten“ iſt eine Bagatelle für ſie. Sie iſt wie für ſie geſchaffen, Sir.“
Sechs Guineen— keineswegs ein großes Einkommen in den Augen eines Familienvaters mit einer Gattin, mehreren Dienſtmädchen und einem halben Dutzend kleiner Kinder— ſchien Mr. Elgood ein Reichthum, da ſeine Ideen von Luxus durch eine Wohnung in Bloomsbury begrenzt waren, durch ein warmes Diner jeden Tag und ſein Glas Wachholder⸗ Branntwein mit Waſſer. Er dehnte ſich gleichſam ſelbſt aus in dieſem neuen Sonnenſchein, brachte ſeine Muße damit zu, die Tagesblätter durchzubuchſtabiren, ſeine Tochter nach dem Theater und zurück zu eskortiren, im Schauſpielerzimmer zu verweilen, wo er Anekdoten von Macready erzählte, von Juſtina's Talenten ſprach, wenn ſie nicht anweſend war, und ſonſt ſich angenehm zu machen ſuchte.
Mr. Elgood's Wohnung in Bloomsbury, obgleich in dem ſchmuzigeren Theile gelegen, ſchien doch ſeltſam nahe der hoch⸗ achtbaren Straße, wo Maurice Cliſſold in einem erſten Stock⸗ werke ſeine Zimmer hatte, und die Entfernung zwiſchen den zwei Wohnungen war daher von keiner Bedeutung für Mr.
Cliſſold.
Er kam fortwährend zu Elgood's, brachte Juſtina friſche Blumen oder ein neues Buch, oder neue Muſikalien. Sie hatte ihre Kenntniß von dieſer entzückenden Kunſt in den letzten zwei Jahren meſentlich vermehrt, und ſpielte und ſang nun vortrefflich und mit einem Geſchmack und Ausdruck,
welcher den Poeten bezauberte.
Ehe Juſtina viele Wochen am Royal⸗Albert⸗Theater war, erſchien es als eine feſte Gewohnheit, daß Mr. Cliſſold jeden Nachmittag Thee trank mit Miß Elgood. Die ſanften Ver⸗ ſuchungen am Theetiſche, denen er in Eaton⸗Square ſo muthig
widerſtanden, verführten ihn hier in Bloomsbury, obgleich die ſimplen Genüſſe in einem zweiten Stockwerke ſich boten, unter dem ein franzöſiſcher Handwerker oft ziemlich geräuſchvoll ar⸗ beitete. Gar manche Stunde brachte Maurice Cliſſold in ſorgloſem glücklichem Geplauder in dem Sitzzimmer dieſer zweiten Etage zu, welches oft von Elgood's ordinärem Tabak duftete, eine dürftige altmodiſche Einrichtung hatte und wo überall das Weſen der Armuth und Alltäglichkeit vorherrſchte. Das Zimmer war für ihn doch von einer Gloriole durch⸗ ſtrahlt, wenn er an dem ſonnigen Fenſter ſaß und einen Abſud von Congo⸗ und Pecco⸗Thee aus einer Taſſe von blauem Delfter Steingut ſchlürfte.
Eines Tages fiel es ihm plötzlich ein, daß Juſtina hübſchere Theetaſſen haben ſollte, und einige Tage ſpäter kam eine Garnitur von ſeltſamen alten chineſiſchen Taſſen und Schalen, mit wunderlichen Drachen bemalt, an. Er war nicht in eine
Porzellanhandlung gegangen, wie ein reicher Mann, und hatte
das Neueſte und Reichſte ausgeſucht. Aber er hatte einen großen Theil von London durchwandert, bis er etwas fand, was ihm gefiel. Rothe und blaue Ungeheuer krochen ſchein⸗ bar über das dünnſte opaleszirende Porzellan, und es war ein Theegeſchirr, das ohne Zweifel einſt von einer alten Haus⸗ hälterin in einem ariſtokratiſchen Hauſe ſorgſam gehütet worden war. Dieſe alte gebrechliche Waare geſiel ihm über alle Maßen, und er brachte ſie ſorgfältig verpackt zu Juſtina.
„Ich denke nicht, daß dies heutzutage viel werth iſt, da chineſiſches Porzellan im Preiſe ſehr geſunken,“ ſagte er;„mich koſtet es eine Kleinigkeit. Aber ich dachte, es würde Ihnen gefallen.“
Juſtina war entzückt. Dieſe alten Becher und Taſſen waren das erſte Geſchenk, das ſie jemals empfangen— das erſte wirkliche Geſchenk, das ihr aus Rückſicht auf ihr Ver⸗ gnügen während ihres ganzen Lebens zutheil geworden war, ausgenommen deſſelben Gebers Geſchenke an Büchern und Muſikalien.
„Wie gut und freigebig Sie doch ſind!“ ſagte ſie mehr als einmal und mit einem Blicke, der dreimal ſo viele Worte werth war. Maurice lachte bei ihrem Vergnügen..
„Es iſt meine Wanderung durch London werth, Sie ſo erfreut zu ſehen,“ ſagte er.
„Was? Haben Sie ſo viele Mühe gehabt, es zu er⸗ halten?“
„Ich ging manche ſchöne Strecke deshalb. Das einzige Verdienſt, welches meine Gabe hat, iſt die Mühe, die ich mir nahm, ſie zu erhalten. Sie wiſſen, ich bin kein reicher Mann, Juſtina.“
Er nannte ſie jetzt immer bei ihrem Taufnamen, mit einer gewiſſen brüderlichen Freiheit, die Beiden nicht un⸗ angenehm war.
„Ich freue mich ſo ſehr darüber,“ ſagte ſie naiv.
„Wie? darüber, daß ich nicht reich bin? Nun, das iſt kaum freundlich, Juſtina.“
„Nicht? Aber wenn Sie reich wären, würden Sie viel⸗ leicht nicht ſo oft zu uns kommen. Reiche Leute haben ſo viele Freunde.“
„Ja, ein Kröſus hat gewöhnlich einen weiten Kreis— nicht immer die beſten Leute, möglicherweiſe aber eine Menge. Aber ich glaube nicht, daß aller Reichthum Indiens— der Pfauenthron des Großmoguls und ſo weiter— in meinem
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