Concordia.
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Verlangen, hierherzukommen, eine Aenderung hervorrufen könnten. Nein, Juſtina, wenn alle Rothſchild's mir morgen ihr Vermögen übertrügen, ich würde Nachmittags doch kommen, wie regelmäßig.“
Sie hatten viel über Literatur und Poeſie geſprochen, und auch über das neue Buch, über welches Juſtina geweint, aber Maurice hatte durch kein Wort ſeine Identität mit dem Autor angedeutet. Er liebte es, ſie über den unbekannten Poeten ſprechen zu hören— wenn ſie fragte, wie er wohl aus⸗ ſehe, und ſich ein ideales Bild von ihm machte.
„Wem glauben ſie wohl, daß er gleichen mag?“ fragte Maurice eines Tages.„Etwa Mr. Flittergilt, dem drama⸗ tiſchen Dichter?“
„Mr. Flittergilt?“ rief ſie kopfſchüttelnd.„Dem Manne, der immer ſchlechte Witze macht und von ſeinen Erfolgen ſpricht? Der uns erzählt, was für geiſtreiche Bemerkungen er geſtern ausgeſprochen? Nein, dem gewiß nicht!“
„Alſo Mr. Flittergilt nicht? Könnte er zum Beiſpiel mit mir einige Aehnlichkeit haben?“
Juſtina lachte und ſchüttelte wieder ſehr entſchieden den Kopf.
„Nein, Sie ſind zu munter und fröhlich für einen Dichter. Sie nehmen das Leben zu leicht, Sie ſcheinen zu glücklich.“
„In Ihrer Gegenwart, Juſtina. Sie ſehen mich niemals in meinem normalen Zuſtande,“ wandte Maurice lachend ein.
„Nein, ich kann mir nicht denken, daß der Autor dieſes Werkes Ihnen gleiche. Er iſt ein Mann, der gelitten hat.“
Maurice ſeufzte.
„Und Sie denken, ich habe niemals gelitten?“
„Er muß ein Mann ſein, der ein falſches und thörichtes Mädchen geliebt und bis in's innerſte Leben getroffen wurde durch Reue über ſeine Schwäche.“
„Ach, wir Alle ſind einmal in unſerem Leben ſchwach und geneigt, uns täuſchen zu laſſen, Juſtina. Glücklich der Menſch, der keine zweite Schwäche kennt und nicht einmal getäuſcht wird.“
Er ſagte dies ernſt genug für einen Poeten und Denker. Juſtina ſah mit einem verwirrten Ausdruck nach ihm.
„Jetzt ſcheinen Sie ein ganz Anderer,“ ſagte ſie.„Ich könnte Sie beinahe für fähig halten, ein Poet zu ſein. Ich weiß, es giebt zuweilen poetiſche Lichtblicke in Ihren Reden.“
„Wenn ich zu Ihnen ſpreche, Juſtina. Manche Leute haben einen Einfluß, der beinahe Begeiſternng iſt. Mir kommen allerlei heitere Gedanken, wenn Sie und ich beiſammen ſind.“
„Das kann nicht wahr ſein,“ ſagte ſie.„Sie ſind es, der die heiteren Gedanken mitbringt. Bedenken Sie, wie unwiſſend ich bin und wie viel Sie wiſſen— Sie umfaſſen die ganze große Welt der Poeſie, von der mir ſo viele Thore verriegelt ſind. Sie leſen Goethe und Schiller in der Sprache dieſer Heroen der deutſchen Dichtung; Sie vermögen es, bis in den ehrwürdigen Tempel vorzudringen, worin die griechiſchen Poeten die Unſterblichkeit genießen. Als Sie mich neulich in das Muſeum führten, zeigten Sie mir alle Statuen, und ſprachen von dieſen ſo vertraut, als ob es die Bildſäulen Ihrer beſten Freunde wären. Ich weiß kaum mehr als ein
Schulmädchen vom Franzöſiſchen, und kann nicht einmal Alfred de Muſſet leſen, von dem Sie ſo viel ſprechen.“
Sie kennen die Sprache, in welcher Shakeſpeare ſchrieb. Sie haben Alles, was edel und groß iſt in der Weltliteratur,
in Ihrer Hand, wenn Sie dieſen Dichter leſen. Ich denke, ein engliſcher Schriftſteller, der niemals etwas Anderes lieſt, als ſeine Bibel und ſeinen Shakeſpeare, würde einen edleren Styl haben, als ein Mann von der größten Beleſenheit, der dieſe zwei Bücher nicht im Herzen ſeines Herzens eingeſchloſſen hat. Andere Poeten ſind— Poeten. Dieſer eine Mann war der Gott der Poeſie. Aber wir werden einige von den Gedichten de Muſſet's zuſammen leſen, Juſtina, und ich will Sie etwas mehr, als ein Schulmädchen⸗Franzöſiſch lehren.“
Von nun galt es als eine ausgemachte Sache, daß Maurice und Juſtina täglich eine Stunde mitſammen laſen, gerade wie es für Maurice eine ausgemachte Sache war, zur Theezeit zu kommen. Er traf eine vorſichtige Auswahl von de Muſſet und ging dann zu Viktor Hugo über; und bald mangelte Juſtina jener werthvollere Theil der Erziehung nicht, welcher beginnt, wenn ein Schulmädchen ſeine Studien als ſolches beendet hat. Niemals gab es eine fröhlichere und intelligentere Schülerin. Niemals war ein Lehrer mehr intereſſirt bei ſeinem Berufe.
Matthew Elgood ſah dem nicht ohne Beiſtimmung zu. Zuerſt war er ein Mann, der das Leben leicht nahm. Dann hatte ihm der gutmüthige Mr. Flittergilt verſichert, daß Maurice Cliſſold ein Jahreseinkommen von einigen hundert Pfunden habe und der Sprößling einer guten Familie ſei. Um die gute alte Familie kümmerte ſich Matthew ſehr wenig, aber das Einkommen wußte er nach ſeinem ganzen Werthe zu ſchätzen, und ſo in der Hauptſache verſichert, ſah er nichts Uebles in der wachſenden Vertraulichkeit zwiſchen Juſtina und Maurice.
„Es wäre natürlich möglich, daß ſie es noch beſſer haben könnte,“ erwog Mr. Elgood;„Schauſpielerinnen haben ſchon Herzöge und noch höher hinauf geheiratet, und Unzählige bekamen Bankiers und Kaufleute. Doch iſt Juſtina nicht die Art von Schönheit, welche die Welt im Sturme erobert, und ihr jetziger Erfolg kann nur das Aufblitzen auf der Pulver⸗ pfanne ſein. Ich habe nicht viel Vertrauen in die Dauer dieſer geſegneten neuen Schauſpielerſchule, in dieſe Salon⸗ Komödien mit ihrem„Wie befinden Sie ſich?“ und„Wollen Sie nicht Platz nehmen?“⸗Dialoge. Das gute, alte, fünfaktige Drama wird gelegentlich wieder an die Reihe kommen, wenn das Publikum dieſer dramatiſchen Milch⸗ und Waſſerkur müde iſt. Und Juſtina hat kaum Kraft genug für das fünfaktige Drama. Es wäre ein ganz gutes Ding, ſie gut verheiratet zu ſehen, wenn ich nur ganz klar wäre über meine eigene Stellung.“
Dies war die allerwichtigſte Frage. Juſtina ledig und auf der Bühne bedeutete, als Minimum, ſechs Guineen die Woche zu Mr. Elgood's Verfügung. Das Mädchen überließ ihrem väterlichen Zahlmeiſter die Gage ohne Frage, und war dankbar, wenn ſie gelegentlich ein oder zwei Pfund zur Auf⸗ beſſerung ihrer einfachen Garderobe verwenden konnte.
Mr. Elgood verlor keine Zeit, zu verſuchen, mit Mau⸗ rice's Ideen über dieſen Gegenſtand in's Reine zu kommen.
„Es iſt eine harte Sache für einen Mann, wenn er ſeine Generation überlebt,“ bemerkte er elegiſch an einem Sonntags⸗ abende, als Maurice gekommen war und den alten Schau⸗ ſpieler allein fand, da Juſtina noch nicht von dem Abend⸗ Gottesdienſte zu St. Pancraz zurückgekehrt war.„Hier bin ich, im beſten Mannesalter, mit allen meinen Fähigkeiten in ihrer vollen Kraft, in den Hafen gelegt, ein ſo wabloſts Ge⸗


