Jahrgang 
2 (1879)
Seite
388
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388 Concordia.

ſchöpf wie ein alter Schiffskiel und hänge thatſächlich von dem Fleiße eines Mädchens ab! Es liegt etwas Ent⸗ würdigendes in dieſer Idee. Wäre es nicht Juſtina's wegen, ich nähme ein Engagement bei einem der unterſten Theater in London an und brüllte lieber mir die Lebensmittel in drei Piéècen jeden Abend zuſammen, anſtatt das Brot der Ab⸗ hängigkeit zu eſſen. Aber Juſtina will es nicht haben.Ich brauche Sie, Vater, damit Sie mich nach der Vorſtellung nach Hauſe führen, ſagt ſie. Und das iſt ein Argument, dem ich nicht widerſtehen kann. Die Straßen Londons ſind kein Ort für unbeſchützte Unſchuld nach Eintritt der Dunkelheit, und Droſchken ſind ein koſtſpieliger Luxus. Doch iſt es mir bitter, zu denken, daß ich geradezu in's Armenhaus gehen müßte, wenn Juſtina heiraten ſollte.

Kaum, wenn ſie einen ehrlichen Mann heiratet, Mr. El⸗ good, erwiderte Maurice.Kein ehrlicher Mann würde Ihre Tochter von Ihnen fortnehmen, ohne für Ihre Zukunft zu ſorgen.

Nun, ich habe es auch in dieſem Lichte betrachtet, ſagte Matthew nachdenklich, als ob ſich ihm die Frage ſo dunkel präſentirt hätte. Ich denke, ein ehrlicher Mann würde fühlen, daß es nicht ganz recht wäre, mir die Brotgewinnerin weg⸗ zunehmen und mich in meinen letzten Tagen der Noth und dem Mangel zu überlaſſen. Doch, wie Shakeſpeare ſagt: Das Alter iſt unnütz.Der Veteran iſt auf der Bühne überflüſſig. Man kommt aus der Modewie ein roſtiger Nagel.

Seien Sie verſichert, Mr. Elgood, daß, wenn Ihre Tochter einen Mann heiratet, der ſie wirklich liebt, auch für Ihr Alter geſorgt werden wird.

Ich möchte für mein Kind keine Laſt ſein, bemerkte der Schauſpieler mit Rührung.

Er hatte um dieſe Zeit ſeinen zweiten Becher mit Wach⸗ holder⸗Branntwein und Waſſer nahezu geleert.

Hundertundvier Pfund per Jahr zwei Pfund die Woche mir zugeſichert, würden mir allen Luxus geben, den ich verlange; meine beſcheidene Wohnung, ſagen wir in May's Court, St. Martin's Lane oder irgendwo zwiſchen der Black⸗ friarsbrücke und dem Temple; meine Speckſchnitte oder meinen Bücking zum Frühſtück, mein Beefſteak zum Diner; und mein Glas Wachholder, um die müden Nerven des Alters zu be⸗ ſänftigen. Das, und gelegentlich eine Unze Tabak iſt Alles, was ſich ein alter Mann erſehnt.

Ihre Wünſche ſind ſehr beſcheiden, Mr. Elgood.

Sie ſind es, mein guter Freund. Ich würde den Schmerz der Trennung von meinem ſüßen Kinde ertragen, wenn ich ſie in eine höhere Sphäre aufſteigen ſähe, und ich würde meinen beſcheidenen Platz ohne Murren behalten. Aber ich würde die zwei Pfund wöchentlich gern ſo ſicher gemacht ſehen, als es nach den Geſetzen des Landes möglich iſt.

Das war eine hübſche, klare Auseinanderſetzung ſeiner An⸗ ſichten, und nachdem Mr. Elgood ſich ſo weit ausgedrückt, lebte er ganz angenehm weiter, ſpeiſte täglich punkt zwei Uhr zu Mittag, nahm Nachmittags ſein Glas Wachholder mit Waſſer und nickte in ſeinem Lehnſtuhle, während Maurice und Juſtina laſen oder ſprachen, und erwachte erſt um fünf Uhr, wenn der Theekeſſel brodelte und die cchineſiſchen Schalen klapperten, weil Juſtina ſich damit am Theetiſche beſchäftigte.

Auch das Wohnzimmer in dem alten Hauſe begann nach und nach ein heiteres und wohnlicheres Ausſehen zu gewinnen. Eine Vaſe mit Blumen, eine Reihe von Büchern, auf einem Nebentiſche nett geordnet, ein Tintenzeug von böhmiſchem Glas, weiße reine Muſſelindecken auf den mit verblichenem Zitz überzogenen Stuhllehnen das waren bleine Verſchöner⸗ ungen, wie ſie eine Frau mit den beſcheidenſten Mitteln her⸗ zuſtellen weiß. Das chineſiſche, mit bunten Drachen bemalte Theeſervice ſtand, wenn es nicht im Gebrauche war, auf einer Chiffoniére und machte die Hauptzierde des Zimmers aus. Gypsſtatuetten von Shakeſpeare und Dante, welche Maurice von einem wandernden Bilderhändler gekauft, ſchmückten das Kamingeſimſe, von wo ein Schäfer und eine Schäferin der Wirthin verbannt worden waren.

In einer ſo beſcheidenen Szenerie, in einem ſo engen Kreiſe brachte Maurice einige der glücklichſten Stunden ſeines Lebens zu. Er erinnerte ſich zuweilen mit einem Schmerz⸗ gefühle an Cavendiſh⸗Row, an den ſchattigen Salon dort in der Dämmerung, an den durch eine Wand von Blumen ge⸗ ſchirmten Balkon, einem ſo angenehmen Punkte, um daſelbſt zu verweilen, wenn unten auf dem großen Platze die Lampen angezündet waren und in dem langen Proſpekte der Wigmore⸗ Street die Lichterreihen zu einem glitzernden Punkte zuſammen⸗ liefen, wenn der Mond ſich über das düſtere Dach von Ca⸗ vendiſh⸗Houſe erhob Stunden des Glückes ſo lauter Träume, die vorüber waren, Tage, welche dahingegangen. Und er fragte ſich ſelbſt, ob dieſe zweite Geburt der Freude eine Täuſchung und eine Schlinge ſei wie die erſte.

8. Kapitel. Die Liebe iſt's, der wir bald zuſtimmen!

Maurice Cliſſold hatte nicht vergeſſen, was er in dem Kirchenregiſter zu Seacomb eingetragen geleſen, und eines Nachmittags, als Matthew, Juſtina und er traulich in dem alten Hauſe um den Theetiſch ſaßen, ergriff er die Gelegen⸗ heit, von ſeinen Wanderungen in Cornwall und von ſeiner Durchforſchung der kleinen abſeits liegenden Marktſtadt zu ſprechen.

Ich ſollte meinen, Ihr Kinder der Thespis müßtet das Leben in einem ſolchen Orte wie Seacomb etwas ſchwierig ge⸗ funden haben, ſagte er.Die dramatiſche Kunſt liegt jenen Minengräbern etwas außer dem Wege. Ich ſah drei Disſenters⸗Kapellen in der kleinen Stadt, eine von ihnen war daſſelbe Gebäude, welches einſt als Theater verwendet wurde.

Ja, ſagte Mr. Glgood mit einem gedankenvollen Blick, wir hatten eine ſchlechte Zeit in Seacomb. Mein armes Weib war krank, und wäre nicht die Herzensgüte der Leute geweſen, bei denen wir uns eingemiethet hatten, dann hätten wir mit dem Hunger eine nähere Bekanntſchaft gemacht, als ein Menſch es wünſchen mag.

Ihr ließt zu Seacomb ein Kind taufen, nicht wahr, Mr. Elgood?

Der Komödiant blickte mit einem Ausdruck der Ueber⸗ raſchung empor.

Woher wiſſen Sie das? fragte er.

Ich blätterte, nach einem anderen Poſten ſuchend, im Kirchenregiſter, und da kam ich zufällig auf die Taufe Ihres