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Mr. 21.
Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.
A zerri Soonm Die Herrin von Venwyn. Frei bearbeitet nach dem Efigliſchen von Javer Riedl. (Fortſetzung.)
Am Tage nach der Beerdigung ſeiner Mutter beſchäftigte ſich Martin damit, deren Sachen durchzuſehen, eine peinliche, aber keine ſchwierige Aufgabe. Brigitta Trevanard's Beſitz⸗ thümer waren vollkommen nett gehalten, jeder Spitzenſtreif, jedes Band lag zuſammengefaltet am paſſenden Orte. Alle die Kleinigkeiten an Putz und Schmuck aus ihrer Mädchenzeit befanden ſich in verſchiedenen Schachteln; Alles aus ihren Schultagen war noch in vollkommener Ordnung. Seltſam erſchien es, daß dieſer Tand weniger vergänglich war, als ſeine Eigenthümerin.
Aber trotz ſeiner ſorgfältigen Durchforſchung der Käſten und Schachteln fand Martin doch den Gegenſtand nicht, den er ſuchte, die alte Familien⸗Bibel mit der Meſſing⸗Schließe, welche er Maurice beſchrieben hatte. Das Buch war nirgends zu finden. Martin vertheilte die Kleider ſeiner Mutter; die beſten gab er der alten Mrs. Trevanard, daß ſie damit thue, was ihr gefalle, die übrigen den beiden Dienſtmädchen, die in ihrer Art erträglich treu geweſen und die aufrichtig eine Herrin betrauerten, welche, obgleich ſcharf und genau, doch immer gerecht geweſen war und für Alle gut geſorgt hatte. Die Schmuckſachen, das Nähzeug, das Schreibgeräthe und eine Sammlung von Büchern, meiſt religiöſen Inhalts, legte Martin Trevanard beiſeite und ſchloß ſie ein in einen alten Schreibtiſch, der gegenüber dem Bette ſeiner Mutter ſtand. Er bewahrte dies Alles für Muriel, mit einer ſchwachen Hoff⸗ nung, daß ihr eines Tages das Licht ihres Verſtandes zurück⸗ kehren könne.
„Niemand ſonſt hat ein ſo gutes Recht darauf,“ ſagte er zu ſich ſelber, als er dieſe Schätze beiſeite legte,„und Niemand ſonſt ſoll ſie haben, während ich lebe.“
„Ich glaube, meine theure Mutter muß dieſe Familien⸗ Bibel weggegeben haben,“ ſagte er zu Maurice, nachdem er dieſem ſein erfolgloſes Suchen beſchrieben.„Und doch ſah es ihr kaum gleich, eine alte Familien⸗Bibel wegzugeben. Sie legte ſo großen Werth auf alte Dinge und vor Allem auf religiöſe Bücher.“
von Fremden gegeben worden
In dieſem Moment blitzte in Maurice's Rückerinnerung ein bisher vergeſſenes Wort der verſtorbenen Frau auf.
„Gegeben— Familien⸗Bibel—“ Das Wort„gegeben“ bekräftigte Martin's Idee. Die Bibel war weggegeben worden— aber wem? Und warum betraf es
Maurice in ſeinem Verſuche, das Unrecht der Vergangenheit gutzumachen? Warum ſollte er das Faktum wiſſen, außer wenn die Bibel an Mr. und Mrs. Eden gegeben worden war, die Leute, die Muriel's Kind mit ſich fortnahmen?
Er überblickte in ſeinem Notizbuche die Geſchichte, welche Brigitta Trevanard ihm erzählt hatte. Er war ſorgfältig genug geweſen, alle Thatſachen niederzuſchreiben, jedes Detail ſo genau als möglich zu wahren, und er hatte dies einige Stunden ſpäter gethan, nachdem er die Geſchichte der Vergangen⸗ heit von den Lippen der Kranken erfahren. Als er in der zweiten Nacht nach dem Begräbniſſe das Notirte in der Ein⸗ ſamkeit ſeines Zimmers überblickte, kam er zu dem Satze: „Ich ließ ſie einen feierlichen Eid ſchwören auf die Bibel, der ſie verpflichtete, ihren Theil an dem Bündniſſe zu halten.“
Jetzt war es klar, daß Mrs. Trevanard die Bibel nach dem Dachboden getragen— daß der Eid auf ihre eigene Bibel geſchworen worden. War es nicht wahrſcheinlich, daß ſie bei einer ſo feierlichen Gelegenheit, als ſie ſich von den Leuten verabſchiedete, welche das namenloſe Kind aus dem Blute der Trevanard's mit ſich forttrugen, als eine religiöſe Frau ihnen die Bibel gegeben, das heiligſte Geſchenk, das Jenen als eine ſtete Erinnerung an den Eid dienen konnte?
Wenn ſie ihnen dieſe Bibel gegeben und in dieſe der Name von Martin's Urgroßmutter, Juſtina Trevanard, geſchrieben war, ſo gab dieſe Thatſache ein neues Glied zu der Kette von Beweiſen, welche Maurice Cliſſold in letzter Zeit zuſammen⸗ zufügen bemüht war.
Es war ihm in den Sinn gekommen, daß Juſtina Elgood Muriel's Tochter ſei— das Kind, das in die Verwahrung — und, o bitterer Gedanke, das Kind der Schande.
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