480 Eoncor 8.=
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Bevor er ſeinen Weg jedoch angetreten, war der Blas⸗ rohrmann ſeinem Part gemäß abgegangen, und zwar nach der mit dem Chef des Kunſtinſtituts vorher irrthümlichen, diesmal aber richtigen Seite.
Er erblickt das am Boden liegende Bündel, ſieht den noch gegenüberſtehenden Direktor, erfaßt die Situation und wirft, kurz entſchloſſen, den unglückſeligen Türkenanzug mit kühnem Schwunge wieder über die Bühne.
Gewitterſchwüles Gemurmel, Lachen im Publikum.
„Extemporiren!“ ruft auch er nun dem Spielenden zu.
Herr Direktor Grasberger hatte juſt die Hälfte des Po⸗ diums erreicht.
Bald war der unterirdiſche Weg glücklich zurückgelegt.
Ein ſeltſames Keuchen und Puſten hinter dem erſchrockenen Blasrohrmann und empor taucht die leibhaftige Erſcheinung des kühnen Argonauten, Grasberger geheißen, während wiederum in unerreichbarer Ferne ſein goldenes Vließ.
Extemporiren, ſchönes Wort; aber die Mimen des Gras⸗ bergeriſchen Thespiskarrens waren für einen derartigen Luxus uicht eingerichtet.
Hinter den Couliſſen Fluchen und Händeringen; gähnende Pauſe auf der Szene, und im Publikum kataraktartig er⸗ brauſendes Halloh.
„Meine Pläne, meine Erwartungen!“ heult Herr Gras⸗ berger;„ich ſtrafe Sie um eine, um zwei, nein, um drei ganze Monatsgagen, Sie— Sie.— Ich laſſe Sie pfänden morgen; ich laſſe Sie viertheilen, Sie— Sie— Blasrohr⸗ mann, der mich elendiglich ruinirt hat— der—“
Ein ungeheuerer Tumult unterbrach hier die rhetoriſchen
Ausbrüche des Herrn Direktors. Gleichzeitig machte ſich ein eigenthümlich klatſchendes Geräuſch auf der Bühne vernehmbar.
„Toni, Toni,“ fuhr ſich Herr Grasberger in die Haare,
„das ſind Aepfel und faule Eier!“
Mit dieſer Entdeckung kehrte ſeine Beſonnenheit wieder. Sein Entſchluß war gefaßt. Zu nicht minder heroiſcher That begeiſterte das beklagens⸗ werthe Mißgeſchick auch die edle Seele der Frau Direktorin. Hocherhobenen Hauptes aus der Couliſſe hervor ſchritt Herr Grasberger bis dicht an die Rampe, und wie auf ver⸗ abredetes Zeichen zugleich mit ihm die Frau Direktorin. Unmittelbar vor dem Souffleurkaſten waren ſie zuſaunmen⸗ getroffen. Aber die beabſichtigte„Rede“ an das„verehrliche Publikum“ vermochte Keines von Beiden zu halten. Das Halloh hatte zu rieſige Dimenſionen angenommen. Der niederſinkende Vorhang deckte die beleidigte Künſtler⸗ ehre.—— „Was ſind Hoffnungen, was ſind Entwürfe, Die der Menſch, der vergängliche, baut!“ deklamirte ſchluchzend die Frau Direktorin, ihrem Gatten von all' dem Unglück die Schuld gebend.
Anderen Tages bereits befand ſich Herrn Direktor Gras⸗ berger's Thespiskarren mit ſeinen ſämmtlichen Inſaſſen auf der Landſtraße nach dem weithin als kunſtverſtändig bekannten Dummkirchen, wo die„Geſellſchaft“ auch in der That den „verdienten Lorbeer“ gefunden.
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Plandereien.
Wallenſtein und ſein Lehrer.
In ſeiner Jugend hatte Wallenſtein das Gymnaſium zu Gold⸗ verg in Schleſien beſucht. Unter ſeinen Lehrern nennt man den Kantor Fechner, der nicht viel von dem ſtörriſchen Knaben hielt und ihn oft, nach der Sitte jener Zeit, das Gewicht ſeiner Hand fühlen ließ. Einſt war die Schuljugend mit dieſem Lehrer unter den Schulweiden, ihrem Spielplatz, verſammelt, und überließ ſich der Fröhlichkeit. Wallenſtein ſchlief indeſſen. Bei ſeinem Er⸗ wachen erzählte er der Geſellſchaft, es habe ihm geträumt, daß er mit ſeinen Mitſchülern auf dieſem Platze ſpiele und die Schul⸗
weiden ſich alle vor ihm zur Erde neigten. Die Jugend lachte und Fechner naunte ihn einen Träumer, der es wohl gar dem Joſef nachmachen wolle. Er fügte hinzu:„Wenn aus Dir ein großer Mann wird, ſo will ich Dein Hofnarr werden.“— Als der Feldmarſchall Wallenſtein im Jahre 1633 an der Spitze der kaiſerlichen Armee durch Goldberg marſchirte, dachte er hieran, und ließ den Kantor Fechner rufen. Der alte Mann erwartete bei Wallenſtein's bekannter Rauhheit das Schlimmſte und nahm daher von den Seinigen Abſchied. In der That wurde er aber auch wegen ſeiner harten Disziplin und beſonders jener Prophezeiung ſehr ernſt empfangen. Er bat demüthig um Verzeihung und ent⸗ ſchuldigte ſich mit ſeiner guten Abſicht rückſichtlich der erſten, ſowie mit dem Mangel an Vorherſehungsgabe in Hinſicht auf die letzte. Und ſiehe da, der ſtrenge Wallenſtein wurde ungemein gütig. „Mein lieber Fechner,“ ſagte er,„Ihr habt mir nicht zu viel ge⸗ than; meine damalige harte Natur war einer harten Erziehung benöthigt. Fürchtet daher nichts, Ihr habt es gut gemeint, und
Verautwortlicher Redakteur: Otts r de er Dresdeu.— Verlag von Orto Freitaag in Dresden.— D
es iſt auch gut gerathen. Euch ſoll dafür zur Dankbarkeit von meinen Soldaten kein Leid widerfahren; deswegen laſſe ich Eure Wohnung mit Wache verſehen(Goldberg wurde nämlich ſchrecklich geplündert). Zugleich nehmt dies Geſchenk von mir zum Andenken.“ — Fechner erhielt einen Beutel mit 700 Reichsthalern und ſchied froh von dem gefürchteten Feldherrn.
Wie die Fhat, ſo der Tohn.
Frau Der hatte eine herrliche Katze, die ihr Liebling war. Herr von G'r machte ſich das Vergnügen, das Thier todt zu ſchießen.—„Fehlt es an Rehen, ſo ſchießt man Haſen, fehlt es an Haſen— Katzen! So jagt man doch!“ dachte Herr von G'r und erlegte das edle Vieh. Frau von Dir ſchwieg; doch ſie ſann auf Rache. Sie ließ in ihrem, wie in den Häuſern der Nachbarn Freunde und Bekannten eine Treibjagd auf— Mäuſe anſtellen. brachte glücklich einige Hundert lebendige Exemplare zuſammen, ſchloß dieſelben in einen Koffer und ſchickte ihn an Frau von Gn. Dieſe, eine Modedame, öffnet den Koffer eigenhändig, da ſie glaubte, Frau D'“ ſchicke ihr einige Kleider nach der neueſten Mode zur Anſicht. Der Deckel ging auf, die Mäuſe hüpften heraus, Frau von Gre war einer Ohnmacht nahe. Die Dienerſchaft ſtürzte herein und die Mäuſe verbreiteten ſich im ganzen Hauſe. Als Herr von Ger nach Hauſe kam und wüthend den Koffer näher unterſuchte, fand er am Boden deſſelben folgendes Billet:„Gnädige Frau, Ihr Herr Gemahl ſchoß zu ſeinem Jagdvergnügen meine Katze todt; ich erlaube mir jetzt, Ihnen meine Mäuſe zu ſchicken.“
ruck von F. W. Gleißuer in Dresden.
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