Jahrgang 
2 (1879)
Seite
505
Einzelbild herunterladen

ammnnmmn

ieree nn

Jedes Heft koſtet 20 Pfennige.

Die Herrin von Venwyn.

Frei bearbeitet nach dem Engliſchen von Xaver Riedl. (Fortſetzung.)

In einem Bande von Byron, welcherManfred und einige kleinere Gedichte enthielt, fand Maurice hie und da eine mit Bleiſtift geſchriebene Note in weiblicher Handſchrift, welche er als die Muriel Trevanard's erkannte, Worte des Lobes oder der Kritik, aber in allen Fällen einen gebildeten Geiſt und ein geſundes Urtheil anzeigend. Ein Mädchen, welches ſo ſchreiben konnte, mochte wohl kaum dem erſtbeſten Verführer zum Opfer gefallen ſein, der ihr in den Weg ge⸗ kommen.

Ich frage mich, wer in dieſes Buch geſchrieben, ſagte Viola.George Penwyn hatte keine Schweſter, und ſeine Mutter ſtarb, während er ſehr jung war. Vielleicht wurden dieſe Notizen von Miß Morgrave geſchrieben, der jungen Lady, von der ſein Vater wünſchte, daß er ſie heirate.

Ich würde kaum gedacht haben, daß ſie für ſolche Dinge auf genügend freundſchaftlichem Fuße lebten.

Man muß der Freundſchaft einer Perſon ſehr ſicher ſein, ehe man es wagen kann, ſeine Anſichten und Meinungen in deren Bücher zu kritzeln, erwiderte Viola.

Eine Stunde ſpäter verließ Maurice das Herrenhaus. Er war froh, allein zu ſein, um frei über ſein Tagewerk nachzudenken.

Die Idee, welche ihm bisher mehr als eine grundloſe Phantaſie, als das ſchattenhafte Gewebe ſeiner Träume er⸗ ſchienen, war jetzt in ihm zur Ueberzeugung herangewachſen. Er hielt es für eine gewiſſe Thatſache, daß Juſtina George Penwyn's Tochter ſei, und daß es ſeine Aufgabe ſein müſſe, das fehlende Bindeglied in der Geſchichte Muriel Trevanard's und das Weſen der verhängnißvollen Verbindung zu entdecken, die mit einem zerſtörten Verſtande und einem gebrochenen Herzen geendet.

Gott gebe, daß ich den Beweis finden mag, um meinen eigenen Glauben an die Reinheit des Mädchens und die Ehre pes Mannes zu beſtätigen, ſagte er zu ſich ſelbſt, als er mit pem Wagen nach Borcel⸗End zurückfuhr.Wenn die Anſicht des Volkes über George Penwyn richtig iſt, muß er ein zu

guter Mann geweſen ſein, um die Rolle eines gemeinen Be⸗ trügers zu ſpielen; zu gütig, um ſein Opfer unbeſchützt dem Sturme des elterlichen Zornes zu überlaſſen. Aber er war in ſeines Vaters Gewalt, und es iſt möglich, daß er lieber zu einer heimlichen Heirat ſeine Zuflucht nahm, anſtatt auf die Gunſt des alten Mannes und die Beſitzung Penwyn zu verzichten. Doch wenn dies der Fall war, iſt es ſeltſam, daß er England verlaſſen haben ſollte, ohne zu verſuchen, für die Sicherheit ſeines Weibes zu ſorgen daß er für die Geburt ſeines Kindes keine Vorſorge getroffen haben ſollte ein Ereigniß, deſſen Möglichkeit er hätte vorausſehen können.

Dies war ein verwirrender Punkt. In der That war die ganze Geſchichte in Geheimniſſe gehüllt. Entweder mußte George Penwyn Jeden getäuſcht haben, der ihn als einen moraliſchen Charakter kannte, oder er mußte ehrlich gegen Muriel gehandelt haben.

Es iſt nur eine Perſon da, von der ich es für wahr⸗ ſcheinlich halten kann, daß ſie die Wahrheit an dieſer Geſchichte kennt, ſagte Maurice zu ſich ſelbſt,und dieſe Perſon iſt Miß Barlow, die Lehrerin zu Seacomb. Mein erſtes Be⸗ mühen, muß ſein, Miß Barlow zu finden, wenn ſie noch eine Bewohnerin dieſer Erde iſt.

Er hatte ziemlich Wichtiges in Seacomb zu thun, war aber auch begierig, nach London zurückzukommen; deshalb er⸗ ſuchte er Martin, ihn am nächſten Morgen frühzeitig nach der alten Marktſtadt hinüberzufahren und Sorge dafür zu tragen, ihn in der älteſten Schänke des Ortes abzuſetzen einem ſich langhinziehenden alten Hauſe mit einem viereckigen Hofe einem Ueberbleibſel aus der guten alten Zeit der Poſtkutſchen.

Es giebt keinen beſſeren Ort, an dem ich die Traditionen einer Stadt kennen lernen kann, als eine alte Schänke in ihr, ſagte Maurice zu ſich ſelbſt.Ich hoffe, ich werde da irgend einen alten Aufwärter kennen lernen, der ſich an Alles erinnert, was in den letzten fünfzig Jahren zu Seacomb ge⸗ ſchehen iſt.

64