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ſchwang ſich behende aus dem Sattel ſeines Handpferdes zur Erde, ſchlang die Zügel um den Pfahl zur Seite der Haus⸗ thür und erſtieg den großen Holzſtoß auf dem Wagen, von
dem er ein halbes Dutzend ſchöner und ſchwerer Stücke auf
die Erde warf, daß ſie hell aufklangen und die Splitter da⸗
vonflogen. Dann ſprang er vom Wagen und nüherte ſich
dem Fenſter des Chauſſeehauſes, aus welchem der Kopf eines
jungen Mädchens freundlich hervorguckte und den Gruß des
jungen Bauern zutraulich erwiderte. Es war Evelis, die ſich von dem jungen Bauern das Weggeld zahlen ließ. Sie hatte
auch den anderen Wagen bemerkt, deſſen Lenker unbeweglich
in einer Stellung auf ſeiner zweiräderigen Karre verharrte und nicht eher weiterfahren zu wollen ſchien, als bis der Andere
das Feld geräumt.
In dem ganzen Aufzuge und der Haltung des Karren⸗
führers lag etwas höchſt Ungewöhnliches und Häßliches. Der Obertheil ſeines Körpers war ſtark ausgebildet, eine breite
Bruſt und hohe breite Schultern zeugten von großer Muskel⸗ kraft; der Kopf war groß, der ſtarke Hintertheil deſſelben mit ſtruppigem Haar bewachſen, die Stirn von einer ſchwarzen Ledermütze bedeckt, die ſo aufgeſetzt war, daß ſie ſich mehr nach vorn als nach hinten neigte. Große Ohren traten unter dem Leder hervor; unter den buſchigen Brauen lagen ein Paar kleine ſtechende Augen, die unverwandt auf die beiden Sprechenden gerichtet waren, deren Geflüſter zeigte, daß ihnen die Gegenwart eines Dritten läſtig war. Der Mund des
Saft von ſich ſpritzt. war haarig und nur theilweiſe von einem ſchmuzigen offenen Hemde bedeckt, deſſen Kragen am Halſe von einem rothwollenen Tuch zuſammengeknotet war. Ein blauleinenes Paar Hoſen und ſtark mit Nägeln beſchlagene Schuhe vollendeten den An⸗ zug dieſer Geſtalt, die durch die ſonderbare Form des Wagens und die Magerkeit des alten Gauls, der beide zog, noch aben⸗ teuerlicher ward. Das Pferd war auf einem Auge blind, eine Geſchwulſt am Untertheil eines Hinterbeins und eine blutiggeſchabte eiternde Bruſt flößten Erbarmen für dieſe elende Kreatur ein, deren Rippen ſo ſtark hervortraten, daß man ſie bequem zählen konnte. Die Räder des Karrens, welchen das arme Thier ziehen mußte, ſtanden weiter ausein⸗ ander, als bei gewöhnlichen Fuhrwerken und waren durch zwei parallele Balken von einander getrennt, die mit ihren hinteren Ende niedergelaſſen werden konnten und an ihrer Vorderſeite ein Gewinde hatten, durch das die für ſie be⸗ ſtimmte Ladung aufgewunden werden konnte, wozu an einem eiſernen Haken zur Seite der Deichſel auch ein zuſammen⸗ gebundener Strick hing. (Fortſetzung folgt.)
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Plandereien.
Eine Szene aus dem Leben eines Schauſpielers.
„In Petersburg,“ erzählte einſt der Schauſpieler Krüger ſeinem Freunde,„holte ich mir meine unheilbare Melancholie.— Der König von Preußen,“ begann er,„gab mir einen Empfehlungsbrief an ſeine erlauchte Tochter, die Kaiſerin von Rußland. Freude⸗ taumelnd eilte ich nach Petersburg. Ich fand dort die glänzendſte Aufnahme. Die Kaiſerin ließ mich aus dem Parterre in ihre Loge rufen und lud mich zu ſich nach Sarskoje⸗Selo ein. Liebe zur Heimat macht auch auf der Höhe des Thrones ihr Recht geltend... die Kaiſerin befragte mich um tauſend Kleinigkeiten... ich mußte ihr Berliner Anekdoten und Schwänke erzählen. So kam denn auch das Geſpräch auf den Eckenſteher Nante, der zu jener Zeit durch die meiſterhafte Darſtellung Beckmann's im Königsſtädter Theater eine noch nicht dageweſene Senſation erregte. Die Kaiſerin bat mich, ihr etwas daraus zu erzählen. Ich that's... die Klänge der Heimat, die Berliner Witze verſetzten die Kaiſerin in die heiterſte Stimmung... ſie kam nicht aus dem Lachen heraus. Zwei Tage ſpäter, als der Kaiſer in Sarskoje⸗Selo ſeine Garde muſterte, befand ich mich, nicht dreißig Schritte von ihm entfernt, unter der Schaar der Zuſchauer. Der Kaiſer geruhte, mir zu winken.„Die Kaiſerin,“ begann er mit huldvoller Herablaſſung, „hat mir viel von Ihrem Nante erzählt... Sie müſſen ihn uns einmal vorſpielen, denn auch ich lache gern.“ Enre Majeſtät haben nur zu befehlen! erwiderte ich. Der Kaiſer wandte ſich hierauf zum Fürſten Wolkonsky und ſagte zu ihm:„Herr Krüger wird uns das Vergnügen erweiſen, morgen Abend im Schloß als Nante aufzutreten. Treffen Sie ſogleich die dazu nöthigen Anſtalten.“— Ich muß geſtehen, daß ich das Ganze anfangs blos für Scherz hielt; als mir aber fünf Stunden ſpäter die Probe angeſagt wurde, überfiel mich ein Schreck, den ich Ihnen nicht beſchreiben kann. Ich, der ich bisher immer nur tragiſche Helden geſpielt und drei
——————— Verantwortlicher Redakteur: Otto Freitag in Dresden.— Verlag von Otto Freitag in Dresden.— Druck von 3
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Abende vorher als Don Cäſar in Donna Diana gaſtirt, ſollte jetzt vor dem Hofe als Eckenſteher Naute auftreten. Ich lief zum Fürſten Wolkonsky und bat ihn, mich von dieſer Rolle, die ganz außer meiner Sphäre liege, zu entbinden.„Sie haben es dem Kaiſer zu⸗ geſagt... Sie müſſen Wort halten... Der ganze Hof freut ſich auf die heutige Vorſtellung... Sie werden unſer Vergnügen nicht ſtören wollen.“— Was blieb nun Anderes übrig! Als der Abend kam und ich mich in das Koſtüm des Eckenſtehers warf, war mir zu Muthe wie einem armen Teufel, dem man das Sünderkleid anzieht, um ihn zum Richtplatz zu ſchleppen. Ich ſah mich in den geflickten Leinwandhoſen, in der groben Tuchjacke, und hätte vor Ekel in die Erde ſinken mögen. Ich hielt mich und meine Kunſt, die mir als das Höchſte galt, durch dieſen Schritt ent⸗ würdigt, profanirt. In dieſer fieberhaften Stimmung, in der ich in die Newa hätte ſpringen können, mußte ich nun vor dem kaijer⸗ lichen Hofe, der ganz dicht an den Lampen ſaß, den Berliner Eckenſteher ſpielen. Die Qual, die ich empfand, kann ich Keinem beſchreiben. Während meine Zuſchauer nicht aus dem Lachen kamen, während ich äußerlich Poſſen riß, hätte ich im Innern bittere Thränen weinen mögen. Der Hof applaudirte... ich aber“... ſeine Stimme ſtockte, und eine Thräne blitzte in ſeinem Auge...„hatte wir meine unheilbare Meloncholie geholt.“
(Schweigegeld.) Joſef der Zweite ging einſt mit dem Ge⸗
danken um, den Gehalt der Räthe und Subalternen der geheimen
Staatskanzlei zu ſchmälern, weil er ſie ungleich höher angeſetzt fand, als die Juſtiz⸗ und Kameralbeamten, gab aber ſogleich den Plan auf, als ihn der edle, ſtaatskluge Kaunitz erinnerte, daß er dann nicht für Bewahrung der Staatsgeheimniſſe ſtehe, denn der⸗ gleichen Diener würden nicht blos für's Arbeiten, ſondern auch für's Schweigen bezahlt.
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F. W. Gleibner in Dresden.


