Jahrgang 
2 (1879)
Seite
697
Einzelbild herunterladen

un.

uig

Ur. 30.

ien.

Erzählung nach engliſchen Gerichtsverhandlungen von Karl Schmeling.

(Schluß.)

12. Kapitel.

Durch die Ermordung des Squire Burton, die Abreiſe der Lady Anna Travells nach London und die Verhaftung des Gärtners William Stoone hatten die in den vorher⸗ gehenden Abſchnitten geſchilderten Begebenheiten und Ver⸗ hältniſſe in Travellshouſe einen eben ſo plötzlichen wie völligen Abſchluß gefunden.

Der Richter, welchem William Stoone bald nach ſeiner Einlieferung vorgeführt wurde, kannte von jenen Verhältniſſen vorläufig noch nichts. In ſeinen Augen ward Stoone nur durch die Angaben des Meſſerſchmied Myers und den Bericht des Polizeiagenten Saunders verdächtigt.

Doch dies genügte für ihn, ſofort die Vorbereitungen zur Einleitung der Unterſuchung gegen den Verdächtigen zu treffen. Stoone's Perſönlichkeit, Herkommen und bisheriger Lebenslauf wurden nach ſeinen eigenen Angaben feſtgeſtellt. Hiernach ward er noch ſpät am Abend an die Leiche des Ermordeten geführt und dieſe plötzlich vor ſeinen Augen enthüllt.

Doch Stoone hatte ſich inzwiſchen beruhigt, ſeine Lage begriffen und ſeine Faſſung wieder gewonnen. Der Anblick des lebloſen Körpers ſeines früheren Feindes übte trotz der ſchweren Verletzungen deſſelben keine beſondere Wirkung auf ihn aus. Er zeigte nur geringe Ueberraſchung, keine Verwirr⸗ ung und noch weniger eine heftige Gemüthsbewegung oder Erſchütterung. Die ſofort an ihn gerichteten Fragen wurden klar und beſtimmt beantwortet.

Die letzteren gingen dahin, ob er den Ermordeten gekannt habe; wie lange er ihn gekannt habe; wann und wo er ihn zuletzt geſehen habe.

Stoone beantwortete dieſe Fragen ohne Zögern, kurz und feſt; die letzte namentlich dahin, daß er Sir Burton am fünfzehnten November auf der Straße neben dem Garten von Travellshouſe zum letzten Male geſehen habe.

Hiernach ward ihm das Meſſer, welches zur Verübung des Verbrechens gedient hatte, vorgezeigt und die Frage an ihn gerichtet, ob er daſſelbe kenne.

Stoone betrachtete ſich das Inſtrument ſehr genau und erklärte dann, daß es ſein Eigenthum, ihm jedoch vor einigen Wochen abhanden gekommen ſei.

In Betreff ſeiner Verwundung und des Blutes an ſeinen Kleidern gab er an, daß er früh am Morgen über die Garten⸗ mauer in Travellshouſe geſtiegen und ſich dabei verletzt habe.

Auf die Frage nach ſeinem Aufenthalt während der letzten Nacht verweigerte er auch jetzt jede Auslaſſung.

Dies machte ihn ganz beſonders verdächtig, und es ward ihm daher auf den Kopf zugeſagt, daß er den Squire Robert Burton in der letzten Nacht auf dem Wege von Salisbury nach Burtonsfield ermordet habe. Stoone wies dieſe beſtimmte Beſchuldigung mit eben ſo großer Entſchiedenheit zurück.

Der Verſuch, Stoone an der Leiche des Ermordeten in Gegenwart einer Anzahl von Beamten durch Ueberraſchung oder Gemüthserſchütterung zum Geſtändniſſe zu bringen, mußte hiernach als ein verfehlter betrachtet werden.

Die in den nächſten Tagen mit Stoone angeſtellten Ver⸗ höre drehten ſich in der Hauptſache um dieſelben Fragen. Nur forſchte man genauer nach dem Verhältniſſe, in welchem er zu dem Squire Burton geſtanden, und ſuchte ihn in Verwirrung zu bringen oder in Widerſprüche zu verwickeln.

Doch Stoone war auf ſeiner Hut. Er befolgte eine eigene Taktik in ſeinen Auslaſſungen. Jede an ihn geſtellte Frage ward zutreffend beantwortet, jedoch vorſichtig neue Angaben, oder über die Frage hinausgehende Andentungen vermieden.

Der Unterſuchungsrichter hielt ſich nach einiger Zeit zu der Annahme berechtigt, es mit einem äußerſt hartnäckigen und demzufolge auch wohl bösartigen Menſchen zu thun zu haben.

Da man auf dem eingeſchlagenen Wege den Verdächtigen nicht zum Geſtändniſſe zu bringen vermochte, ſo mußte der Unterſuchung derſelben eine andere Richtung gegeben werden. Es ward nöthig, Beweiſe zur Ueberführung deſſelben zu ſammeln.

Auf Anweiſung des Richters entfaltete die Kriminalpolizei

88