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Concordia. 503
goß und die kleinen Fenſter durch das Gebüſch weithin glitzer⸗ ten, ſpiegelte ſich in dem ganzen Bilde ein tiefer Friede, athmete in ihm eine milde, erquickende Ruhe, mit der die Ein⸗ ſamkeit eines großen, dunklen, nicht weit hinter dem Dorfe beginnenden Tannenwaldes im rechten Einklang ſtand, zu dem die ſtillen Haidehügel ſo ſchön paßten, von denen man tief in die braunen Flächen hineinſchaute. Das Chauſſeehaus ſtand wie ein verlorener Poſten vom Dorfe getrennt, es herrſchte unter den Bewohnern des letzteren kein geringer Vordruß gegen das Vorhandenſein des erſteren. Und das nicht ohne Grund. War es doch die Gemeinde, welche die Pflaſterung der größeren Strecke zwiſchen der Stadt und dem Dorſe hatte herſtellen müſſen, hatte ſie doch jahrelang tagtüglich S herangeſchleppt, die mühſam vom Felde und aus der Haide aufgeſucht werden mußten; hatten ſie ſich doch golde von der Straße verſprochen, und mußten nun ihr eigenes Werk als den zehrenden Krebs ernähren helſen, der an ihr 31 gte. Denn kaum war die Straße fahrbar und zum Theil gepflaſtert, als die Regierung jenes kleine Häuschen zwiſchen Dorf und Stadt bauen ließ und einen beeidigten Beamten einſetzte, B
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der den Bauern einen Tribut abforderte, wenn ſie auf ihrer Straße in die Stadt fahren und dort die Früchte ihres Feldes auf den Markt bringen wollten. Der Verdruß über dieſe Abgabe war groß, wie geringfügig ſie auch ſelbſt; der Zweck der Straße war in den Augen der Dorfbewohner verfehlt.
Nur Einer hatte merklichen Nutzen aus der Verbeſſerung der Straße gezogen: der Krüger des Dorfes, der Beſitzer des Krugs, der muntere Wirth, der ſich der Gäſte freute, welche des Wegs kamen und bei ihm einkehrten, der ſür Mann und Roß Labe hatte, ein freundlich Geſicht und ſchönen Gruß, auch flinke Dirnen hielt und breitſchulterige Knechte. regere Verkehr, der ſich ſeit der Pflaſterung des Fahrdammes zwiſchen beiden Städtchen entſponnen, hatte ihm manchen Gaſt in’s Haus geführt, deſſen Bekanntſchaft ihn ſtolz machte, hatte ihm manchen guten Kunden verſchafft, der mit ihm aus einem Glaſe trank und das Anſehen und den Ruf ſeiner Herberge verbreiten half.
Der Krug war ein ſtattlich Haus, das ſchönſte und größte im Dorfe, und der Krüger war der klügſte Mann und der Reichſte der Gemeinde; die letztere war auch ſtolz auf beide, denn meilenweit in der Runde hatten ſie ihres Gleichen nicht. So große Fenſterſcheiben, ſo bunt bemaltes Holzwerk hatten die anderen Häuſer nicht, ſo ſchöne in Holz geſchnittene Sprüche las man über keiner auderen Thür. Des Krügers Leinen war das breiteſte und feinſte auf der Bleiche, ſeine Pferde und Kühe die beſten auf der Weide; er hatte die größte Schafheerde, den größten Bienenſtock und das größte Backhaus im Dorfe, auch lobte man ſein Bier und ſeinen Branntwein als unverfälſchten guten Trank, dem manches Mitglied der Gemeinde fleißig zuſprach und der auch im Chauſſeehaufe einen großen Vorehrer hatte.
Der Chauſſeegeld⸗Einnehmer liebte den Branntwein, er liebte ihn oft mehr, als ſeine Tochter Evelis, die eine erblärte Feindin des betäubenden Getränkes war, für weiſe hielt; ſie hatte keinen anderen Kummer auf Erden, als den, welchen ihr des Vaters heimliche Neigung bereitete. Alle Verſuche, ihm das Trinken ganz zu verleiden, waren fruchtlos geweſen;
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vergebens hatte ſie feine Spänchen von den Nägeln ihrer
Finger heimlich in ihres Vaters Glas geſchabt, vergebens
einen Tropfen flüſſigen Siegellacks auf den Boden ſeines Glaſes träufeln laſſen; des alten Invaliden Soldatennatur trotzte allen ſympathetiſchen Mitteln, die alte Gewohnheit, die er mit aus dem Felde gebracht, ließ ſich nicht mehr ausmerzen. Seit dem Tode ſeiner Frau und feit dem Frieden gehörte die Branntweinflaſche zu den wenigen Bekannten und Freunden, mit denen der Einnehmer vertrauten Umgang pflegte. Nicht daß er ſich je um ſeinen Verſtand getrunken oder dienſtunfähig gemacht hätte, ſo arg fröhnte er ſeiner Leidenſchaft nie. Aber das Getränk machte ihn barſch und unfreundlich und änderte ſein ſonſt friedartiges Gemüth in ein auffahrendes Weſen um; wenn er getrunken hatte, fürchtete er ſich nicht, gottesläſterliche Dinge auszuſprechen, auf König und Kaiſer zu ſchimpfen, ſogar auf den Krüger, ſeinen guten Freund, der ſeit Jahr und Tag dafür ſorgte, daß er ſein Gläschen„guten Korn“ trinken konnte, ohne daß er Zahlung dafür annehmen wollte, der ihm aber, wie er ſagte, die Naſe zu hoch trug. Selbſt gegen Evelis hatte er ſich in ſolchen Stunden rauh und un⸗ väterlich gezeigt und ihr, wie zärtlich er ſie ſonſt auch liebte⸗ Furcht eingeflößt. Der Einnehmer war kein gewöhnlicher Trinker, er gehörte eder zu den übermüthigen noch zu den ſogenannten ſtillen Trinkern, es vergingen ganze Tage, ohne daß ſeine Lippen ein anderes Getränk einfogen, als das Waſſer aus dem Brunnen, das weder klar noch ſchmackhaft zu nennen war, ſondern allem Waſſer dieſer Gegend glich. Wenn er ſich wirklich einmal berauſchte, war's aus Verdruß, aus Ingrimm, aus Aerger über die Welt, über den Frieden, über ſeine ver⸗ ſtümmelte Rechte, über ſeinen kärglichen Lohn, über den lang⸗ weiligen Dienſt, zu dem er ſich verdammt ſah, den ihm ſeine Tochter noch leichter und daher noch langweiliger machte, als er ohnehin ſchon war.
Evelis war in dem kleinen Häuschen groß geworden; ſie hatte frühzeitig gelernt, auf das Rollen der Wagen, auf den Hufſchlag der Pferde in der Ferne zu horchen, auf das Poſt⸗ horn zu achten, die kleinen gedruckten Zettelchen bereit zu halten, das Weggeld einzulöſen, die Kette auf und nieder zu winden und was ſonſt zum Dienſt des Vaters gehörte. Seit dem Tode der Mutter war ſie es, die Nachts aufſtand, wenn der Schlagbaum niedergelaſſen und Chauſſeegeld erhoben werden mußte, denn der Vater hatte einen feſten Schlaf und ein ſchwer Gehör.—
Unter Allen, die kamen und gingen und wieder kamen, zeichneten ſich zwei Männer der Nachbarſchaft aus, von denen der Eine bei dem Chauſſeehauſe längers Zeit Halt zu machen pflegte, als zu einem„guten Tag“ und zur Zahlung des Weggeldes für Roß und Wagen nöthig war, indeß der Andere wiederholte mißlungene Verſuche gemacht hatte, mit den Be⸗ wohnern des Häuschens ein Geſpräch anzuknüpfen. An einem heiteren Sommertage in aller Frühe traf es ſich gerade, daß Beide zu Wagen ſich vor dem Häuschen kreuzten. Der Eine führte ein ſchönes Geſpann kräftiger junger Pferde, die einen ſchwerbeladenen Wagen mit Fichtenholz dogen. Der Führer ſelbſt war von ſtattlichem Wuchs, ein derber, breitſchultriger junger Mann, ein Sohn des Landes, wie an ſeiner kurzen, blautuchenen, mit verſilberten Knöpfen beſetzten Jacke und dem darüber gezogenen Leinenkittel, ſowie an ſeinen ſammet⸗
war. Er
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