50² 1 Elbufer Tagereiſen weit in's Land hineindehnen, deren Kultur, die Aufgabe eines ſpäteren Geſchlechtes, hauptſächlich am Waſſermangel und der Armuth der umwohnenden Menſchen ſcheitert. Im Gegenſatz zu der fetten Marſch, oder dem be⸗ wäſſerten Lande, heißt das Binnenland die Geeſt; die Grenze zwiſchen beiden tritt bald mehr, bald minder ſcharf hervor und macht ſich in den Produkten des Bodens und der Lebensweiſe der Bewohner bemerkbar. Wie verſchieden Land und Leute in oft ſo kurzen Entfernungen von einander ſind, wird man jedoch erſt bei näherer Prüfung gewahr; deſto ſchärfer tritt ihr gemeinſchaftlicher Charakter uns in die Augen, die wir mit all' unſeren ſchönen Erinnerungen aus wundervollen Län⸗ dern, mit all' unſeren lebhaften, glänzenden Bildern, unſeren ſtürmiſchen Gefühlen, unſerem fortſtrebenden Geiſt des Weges kommen. Hier iſt's uns, als ſtänden wir an einer jener Stellen unſeres Erdballes, an denen die Schöpferin Natur auf ihrer großen befruchtenden Wanderung über den Erdkreis nichts gethan, als Athem geſchöpft, als eingegriffen in das große Füllhorn voll Saaten und Keime, ohne die Scholle, auf der ſie Athem holte, ſelbſt beſamt zu haben; hier iſt's, als durch⸗ ſchritten wir einen jener todten Momente, die ſelbſt in dem großen Schöpfungs⸗Mechanismus ſichtbar und fühlbar werden. Menſch und Natur haben in dieſen Gegenden etwas Starres, Störriges und Träges; es iſt, als flöſſen die Waſſer hier ſchwerer, langſamer, als ſchleppten die Wolken ſich müh⸗ ſamer aufwärts, als tagte es mit ſpärlicherem Licht, als bräche der Frühling matter hervor, denn anderswo. Im Gang, in der Sprache der Bewohner dieſes düſteren Landes liegt etwas Leidenſchaftsloſes, Gedehntes, Schwerfälliges, etwas, das nicht
zu Tage kommen zu können ſcheint. *†
*
Vor nicht gar vielen, aber auch nicht ganz wenig Jahren, als man von Dampfſchiffen und Eiſenbahnen noch keine Be⸗ griffe hatte und im Norden Deutſchlands zufrieden war, ſchlecht gepflaſterte Wege befahren zu können, führte eine Straße zwiſchen zwei kleinen, eine Tagereiſe entfernten Städtchen durch jene eben bezeichnete Gegend von Süden nach Norden. Die Straßen, welche unſere Vorfahren anlegten, waren weniger für die Reiſenden, als für Die berechnet, welche daheim blieben; und ſo hatte man bei der Anlage und theilweiſen Vollendung der erwähnten Straße auch auf die Gradheit und Kürze der⸗ ſelben wenig Rückſicht genommen und nur danach getrachtet, ſie innerhalb ihrer Endpunkte ſo viel wie möglich mit Wohn⸗ plätzen von Menſchen in Berührung zu ſetzen.
Es hat etwas Rührendes, die Richtung mancher alten
Wege zu verfolgen, ihnen nachzuſpüren und zu ſehen, wie ſie
den Menſchen aufſuchten. Sie waren für die Menſchen da, und deshalb kamen Die auf ihnen zu kurz, die ihre Rechnung nur in der Kürze des Weges und der Zeit ſuchten. Die Straßen waren geſelliger.
Auch die Straße, von welcher hier die Rede, macht einen langen Umweg, um ein einſames Dorf zu berühren, das mit den beiden erwähnten Städtchen faſt im Dreieck lag. Sie führte durch eine öde, nur zum Theil bebaute Ebene, die dem Wanderer um ſo ungeheurer vorkam, als er meilenweit ſeine Bahn vor ſich erblickte, und nur hie und da einen Baum, eine Schäferhütte oder eine Gruppe bemooſter Granitblöcke zum Ruhepunkt für ſein Auge fand. Selten, daß von der Hauptſtraße Nebenwege in's Land hineinführten und bewieſen,
Concordia.
daß das letztere nicht ganz unbewohnt ſei; noch ſeltener, daß ein Wegweiſer den Namen des fernen Dorfes oder einzelnen Gehöfts, zu dem der Nebenweg führte, verkündete.—
Etwa tauſend Schritte vor dem erwähnten Dorfe, das von der Heerſtraße durchſchnitten war, ſtand hart am Wege, in einer bruchigen Gegend, ein einſames Häuschen, halb mit Ziegeln, halb mit Stroh gedeckt, mit der Fronte nach der Straße gekehrt, auf die ein Hauptfenſter und zwei ſchmale kleine Seitenfenſter führten, von denen das eine nordwärts, das andere ſüdwärts die Ausſicht auf die Straße geſtatteten. Oberhalb des Hauptfenſters war eine große Laterne angebracht, unterhalb deſſelben kam aus einer kleinen Oeffnung der Mauer eine Kette hervor, die mit dem längeren Arm eines auf einem Ständer ruhenden beweglichen Balkens in Ver⸗ bindung ſtand, der den Fahrdamm vollkommen ſperrte, wenn die Kette den längeren leichteren Arm dieſes mächtigen Hebels herabzog, was durch ein Gewinde innerhalb des Häuschens bewerkſtelligt ward und zur Nachtzeit geſchah.
Vor dem Eingange in die kleine Wohnung ſah man an der Erde einzelne rothe Papierzettelchen liegen, auf denen der Name„Chauſſeegeld“ gedruckt ſtand. Der Leſer wird daraus erkennen, daß er ſich hier auf der Schwelle eines Chauſſee⸗ hauſes beſindet, deſſen Umgebung noch mit einigen Worten beſchrieben werden muß, ehe wir in das Innere deſſelben blicken. Vor der Thür ſtand ein Pfahl mit einem großen tafelförmigen Bret, auf welchem ein paar Dutzend Artikel eines Verhaltungsgeſetzes für die verſchiedenen Reiſenden zu Wagen und zu Pferd angeſchlagen ſtanden, ohne daß es je einem der Vorüberziehenden eingefallen wäre, ſie zu leſen. Hinter dem Häuschen dehnte ſich ein kleines Stück beackerten Landes aus, das weder durch Gräben noch durch Hecken ein⸗ gehegt war; ein Theil deſſelben war mit beſonderem Fleiß
zu einer Art Garten umgeſchaffen, in welchem eine Laube von jungen Linden ein ſchattig Plätzchen darbot. Zwei kleine niedrige Fenſter blickten auf den Garten, das eine gehörte zur kleinen Küche, das andere zur einzigen Kammer des Hauſes; das letztere war halb mit einer weißen Gardine verhangen, die jedoch von außen einen Blick in das Zimmer verſtattete. Zwiſchen Garten und Haus blieb Raum für einen kleinen Hof, auf welchem ein Brunnen ſtand, aus dem das Waſſer nicht ohne Mühe heraufgewunden werden mußte. Die Nordſeite des Häuschens war ganz mit Strohmatten bedeckt, während einzelne kräftige Roſenſträuche der Südſeite im Sommer ein freundlicheres Anſehen gaben. Von welcher Weltgegend und in welcher Jahreszeit man ſich dem kleinen halb ländlichen, halb ſtädtiſchen Gebäude aber auch nähern mochte, es mußte auf den Fremdling ſtets den Eindruck großer Troſtloſigkeit und trauriger Einöde machen, und gewiß war
der Wanderer zu beklagen, der die Bewohner dieſer einſamen Hütte beneiden konnte.
Das in der Nähe liegende Bruchdorf hatte dagegen mehr
Einladendes. Wenn der blaue Rauch aus den geöffneten Thüren der Bauernhäuſer zog, die Störche auf den Stroh⸗ giebeln ihre Neſter beſetzten, die Knechte im Felde ackerten und mähten, die Hirtenjungen mit den Lerchen ſangen; wenn der beladene Leiterwagen mit dem Segen des Feldes, des Waldes oder der Haide in's Dorf einfuhr und das Gewieher der Pferde weit über die Ebene hinſchallte; wenn die Abend⸗
ſonne die braune Dächergruppe mit röthlichem Schein über⸗
,
—„,—,
—————


