Jahrgang 
2 (1879)
Seite
501
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Pah, es iſt nur ein kleiner Meſſerſtoß in die Schulter das hat nichts zu ſagen. Hoho, ich bin ſogar ſtolz darauf, ein Andenken an die Nacht davonzutragen, wo Cartouche über⸗ wunden wurde. Er iſt doch gewiß gefangen und Sie täuſchen ſich nicht, daß es der Rechte iſt?

Hegt keine Beſorgniß; ſo gewiß Ihr Hektor heißt, iſt dieſer Dominique Cartouche.

Und biſt Du ein verrätheriſcher Schurke! rief der Räuber⸗ chef knirſchend.Das alſo der Dank, daß ich Dich vom Tode errettet habe, daß ich Dich gehegt, als ſeieſt Du mein leib⸗ licher Bruder!

Das der Dank dafür, was Du meiner Schweſter gethan, Wütherich, entgegnete du Chatelet.

Deiner Schweſter? Ich weiß nichts von Deiner Sippſchaft.

Ja, meiner armen Schweſter Sidi!

Er winkte den Dienern der Polizei und ließ Cartouche

abführen. An der Hausthür fand man Villeneuve, der den Anderen gefolgt war. Als Cartouche bei ihm vorbeigeführt wurde, trafen ſich die Blicke der früheren Schulgenoſſen.

Das iſt das Ende der Verbrechen, ſagte Ernſt.

Meinſt Du? erwiderte Cartouche;ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Wohin ſollen die Gefangenen gebracht werden? fragte der Sergeant.

In das große Chätelet, gab Villeneuve die Weiſung, dann trat er zu Alexander.Sie haben Wort gehalten, mein Herr, der größte Verbrecher iſt in unſerer Gewalt, ich danke Ihnen.

Am folgenden Morgen verbreitete ſich wie ein Lauffeuer die Freudenbotſchaft in Paris, daß der Schrecken der Bürger⸗ ſchaft endlich überwältigt ſei, daß ihm der Prozeß gemacht werde. Jung und Alt jubelte und freute ſich, daß dem Räuber Louis Dominique Cartouche endlich der Stab gebrochen werde. Dieſer gab aber nicht die Hoffnung auf, wie er ſchon Ville neuve geſagt hatte. Trotz der größten Aufmerkſamkeit wäre es ihm ſogar faſt gelungen, aus dem großen Chaͤtelet zu ent⸗

fliehen. Es klingt faſt unglaublich, daß es ihm glückte, ohne

andere Werkzeuge, als einen großen Nagel, ſeine Ketten zu

zerſprengen und eine drei Fuß ſtarke Mauer zu durchwühlen.

Schon war er in einem Abzugskanal, welcher der Seine zuführte,

als ein Zufall ihn entdeckte und ſeine Flucht verhinderte. Man brachte ihn hierauf in die Conciergerie.

Der Prozeß zog ſich für jene Zeit ungemein in die Länge,

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da der Gefangene behauptete, Charles Böurguignon aus Bar⸗ſur⸗Seine zu ſein. In der That trat die Verwandtſchaft deſſelben für ſeine Ausſagen in die Schranken, wogegen die eigene Mutter und die Geſchwiſter das Gegentheil bezeugten. Endlich ward das Urtheil gefällt. Ehe daſſelbe aber vollzogen wurde, ſtrömte Paris herbei, den berüchtigten Gauner zu ſehen. Freundlich und mit dem Anſtande des Weltmannes empfing er die neugierige Menge, unter der die höchſte Ariſto⸗ kratie ſehr zahlreich vertreten war.

Auf dieſe Weiſe muß ihm Gift zugeſteckt worden ſein, welches er einnahm, das ihm aber nur eine ſtarke Kolik zuzog vielleicht auch, daß die Doſis, welche er verſchluckte, zu groß geweſen iſt.

Nach Beſeitigung des Unwohlſeins ſchritt das Gericht zu der peinlichen Frage, um ihm Geſtändniſſe in Betreff ſeiner Gefährten und verborgenen Schätze zu erpreſſen; aber die eherne Natur des Verbrechers überſtand die Folter, ohne den geringſten Ver⸗ rath zu begehen. So ward in der Sitzung am 26. November be⸗ ſchloſſen, daß er am nächſtfolgenden Tage gerädert werden ſollte.

Lächelnd hörte er dieſen Ausſpruch an, die Hoffnung hatte ihn noch nicht verlaſſen, da Jeder ſeiner Genoſſen einen furchtbaren Eid geleiſtet hatte, ſein Leben für das des Chefs zu geben. Die Hoffnung verließ ihn erſt, als er das Schaffot betreten, als er vergebens ſeine Blicke umherwarf, die hervor⸗ brechenden Retter zu erſpähen. Da erblaßte er und ſtampfte wild mit dem Fuße.

Führt mich zurück, rief er,die meineidigen Schufte haben ihren Eid vergeſſen, haben mich verrathen; ſo mögen ſie denn dafür auch bluten ich ſage mich von den Feiglingen los, die es nicht wagen, für mich das Schwert zu erheben.

Man brachte ihn in das Stadthaus und hier legte er ein umfangreiches, zehn Stunden dauerndes Bekenntniß ab, ſo daß er erſt am 28. November hingerichtet wurde. Er ſtarb mit einer ſpartaniſchen Ruhe, aber unverſöhnt mit Gott und der Geſellſchaft.

Wahrlich, ſagte Villeneuve, als er ihn unerſchütterlich ſterben ſah,es iſt ſchade, daß dieſer Menſch, der gar viele Anlagen zum Helden hatte, ſterben mußte, und doch iſt es ein Glück, daß ſeine Verbrecherlaufbahn ein Ende erreicht hat.

Herr d'Argenſon, an den dieſe Worte gerichtet waren, nickte beiſtimmend.Ja, er hat uns kein leichtes Spiel ge⸗ macht. Nun, es iſt aus, ſeine Rolle ging zu Ende. Apropos, lieber Villeneuve, Sie diniren doch heute mit uns ich habe es meiner Tochter Klara verſprechen müſſen?

Zum guten Herzen.

Eine Novelle.

Die Elbufer bilden an der Mündung des Stromes keine Felſenbollwerke gegen das Meer, ſondern laufen in Haide⸗ und Sandhügel und Dünen aus. Die letzteren erſtrecken ſich tief ins Meer hinein und machen die Schifffahrt um die Küſte und Elbmündung höchſt gefahrvoll. Das Land iſt rauh, die Luft feucht und die flache Meeresküſte längs der Nordſee meiſtens kahl und öde. Heerrauch und Nebel ziehen über dieſe weiten einſamen Ebenen, deren Saum hart an den Straßen eine ſchmale grüne Einfaſſung bildet und der einzige Theil dieſes

Erdſtriches zu ſein ſcheint, den die nervigte Fauſt des fleißigen

Landmannes im Verein mit dem befruchtenden Strom ſich unterthan und gefügig zu machen vermocht; auch längs der Flüſſe und Bäche, die ſich in die Elbe ergießen, iſt das Land ergiebig und wohlbebaut, während der größere, nicht berieſelte Binnentheil des Landes zwiſchen der Weſer und Elbe die un⸗ ſägliche Mühe und Arbeit des Menſchen nur karg belohnt und ganze große Strecken endlich jeden unternommenen Verſuch, ſie ihrer urſprünglichen Wildheit zu entreißen und in lachende Felder zu verwandeln, zu Schande machen. Das ſind die Sand⸗ und Haideſtrecken, welche ſich beſonders auf dem linken