Jahrgang 
2 (1879)
Seite
500
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500 Concordia.

Alexander ſchlug den Weg nach der Courttille ein, Ernſt ſchaute den ſich entfernenden Männern nach.

Wenn es ihnen gelingt, ſagte er, ſo kann Frankreich dieſe Nacht ſegnen, die es von dem gefährlichſten Manne der Erde befreit; faſt möchte ich aber bezweifeln, daß ſie ihn fangen. Wie oft ſchon glaubten wir ihn in unſerer Macht und dennoch wußte er uns zu entkommen, verſchwand er förmlich unter unſeren Händen. Zuverſichtlich geht dieſer du Chatelet den Weg des Verrathes, ihm zur Seite, antreibend, der Schemen der ermordeten Schweſter; aber ich habe die Zu⸗ verſicht ſich oft täuſchen ſehen.

Er hüllte ſich tief in den Mantel und ſchlug die Richtung ein, welche die Anderen genommen hatten.

Auf dem Wege zu demPiſtolet benachrichtigte der frühere Offizier den ihm zur Seite ſchreitenden Sergeanten, was der Zweck ihrer heutigen Expedition ſei. Hektor war ein ent⸗ ſchloſſener Mann, der dem Tode oft in das Auge geſchaut hatte; als er aber erfuhr, es gelte Cartouche's Gefangennahme, zuckte er doch zuſammen, als würde ihm der Tod verkündet.

Ihr erſchreckt, ſagte Alexander ſcharf,und habt be⸗ hauptet, Manns genug zu ſein, Euch mit dem Satan ſelbſt herumzuſchlagen.

Das bin ich auch, erwiderte der Sergeant,und werde es Ihnen beweiſen; denn daß dieſer Cartouche leichter als der Höllenfürſt zu beſiegen iſt, wird kein Menſch behaupten, der ihm Auge in Auge gegenüberſtand.

Er iſt auch nur ein Menſch wie wir, und nur der Aber⸗ glaube macht ihn unüberwindlich.

DasPiſtolet lag jetzt vor ihnen, düſter und ſtill. Alexander du Chatelet gab ſeine Verhaltungsbefehle, von denen der erſte lautete: Vorſicht. Sodann nahte er ſich mit dem Sergeanten der Hausthür und pochte in abgemeſſenen Schlägen. Einige Minuten blieb Alles ſtill, dann öffnete ſich ein kleines Klapp⸗ fenſter in der Hausthür die Tochter des Ehepaares Joli lugte hinaus.

Wer iſt da? fragte ſie.

Ich bin es, meine Liebe, entgegnete Alexander,und muß ihn ſprechen. Oeffue ſogleich.

Ah, Sie ſind es, mein ſchöner Herr. gewillfahrtet werden.

Hat er Geſellſchaft?

Vier engliſche Fräuleins.

Das iſt eine ſtarke Sicherheitswache, vier bis an die Zähne bewaffnete Männer, ſagte Alexander,ich glaube, wir fangen an, die Polizei zu fürchten!

Wer kommt da mit Euch? fragte das Mädchen weiter.

Du Chatelet legte den Finger auf den Mund und erſuchte ſie ſodann, raſch zu öffnen.Ich denke, fügte er hinzu,daß, wer mit mir kommt, genugſam eingeführt iſt.

Nehmt das Zögern nicht übel auf; aber ich habe ge⸗ meſſene Befehle.

Und wie lauten dieſelben, mein holdes Schätzchen?

Nur bewährten Freunden zu öffnen.

Und Du meinſt, daß ich nicht bewährt ſei?

Aber der Andere?

Ich bürge für ihn.

Nun, ich will es wagen, meinte das Mädchen und öffnete die Thür.

Kaum war dies geſchehen, ſo ſprang du Chatelet wie ein

Ihnen ſoll ſogleich

Panther auf ſie zu, ergriff ſie bei der Kehle und ſchleuderte ſie hinaus, wo ſie ſich, ehe ſie einen Laut von ſich geben konnte, in der Gewalt zweier Polizeiſoldaten befand, die ihr eine wollene Decke über den Kopf warfen und ſo jeden Hilfe⸗ ruf erſtickten. So ſehr ſich Madeleine Joli wehrte, in der nächſten Minute war ſie völlig übermannt und gefeſſelt.

Das wäre geglückt, ſagte Alexander zu dem Sergeanten, der Eingang wäre erkämpft.

Der frühere Offizier traf nun folgende Vorkehrungen. Vier Mann ſeiner Leute ſtellte er auf die Straße, daß Nie⸗ mand aus den Fenſtern entwiſche, zwei an die Hausthür; mit den Uebrigen drang er vor, Alle ermahnend, vorſichtig und entſchloſſen zu ſein. Auf der Mitte der Treppe ſtießen ſie auf den halbblödſinnigen Hausknecht, der mit ſeiner Stall⸗ laterne herunterkam. Du Chatelet trat auf ihn zu.

Jean, was haſt Du noch ſo ſpät außer dem Bett zu thun? fragte er ihn mit feſter Stimme.

Nu, nu, lautete die Antwort,es war mir, als müßte heute Nacht es hier brennen, und da zündete ich die Laterne an und revidirte die Gäuge, habe aber nichts bemerkt.

So leg' Dich auf's Ohr. Weißt Du nicht, wo der Freund mit ſeinen vier engliſchen Damen ſchläft?

Die vierte Thür, dicht neben dem rothen Zimmer.

Es brennt in dem Gemache Licht?

Nicht doch, im ganzen Hauſe iſt Alles dunkel.

So erlaube, daß ich mir an Deinem Laternenlichte dieſe Wachskerze anzünde.

Geht ſorgſam mit dem Lichte um, daß kein Feuer entſteht.

Sei ohne Sorge.

Du Chatelet entflammte das Windlicht und gab es einem Soldaten der Maréchauſſée, ſodann erſuchte er den Haus⸗ knecht, ihn zu dem Zimmer desFreundes zu bringen.

Als ob Sie es nicht kennten, wandte Jean ein, kam aber dem Wunſche nach.

Die Thür iſt verſchloſſen? fragte Alexander, als ſie davor angekommen waren.

Wie immer, lautete die Autwort des Hausknechtes, dem es durchaus nicht auffiel, von einer ganzen Schaar umringt zu ſein.Soll ich pochen?

Nicht doch, nur ſtill, daß er nicht erwacht.

Allerdings, man muß Jedem ſeine Ruhe gönnen, be⸗ merkte Jean mit kindiſchem Grinſen.

Dann geh' und lege Dich auch auf's Ohr..

Als ſich der Hausknecht entfernt hatte, ließ du Chatelet ſeine Mannſchaft ſo aufſtellen, daß ſie mit einem Male in das Schlafzimmer hereinbrechen konnte. Er und der Sergeant nahmen Jeder darauf eine Art.Aufgemerkt! Eins! zwei! drei! Im nächſten Augenblick ſank die Thür in Trümmer und die Beamten der Polizei ſtürzten über dieſelben hinfort in Cartouche's Schlafgemach.

So ſorgſam der Ueberfall vorbereitet war, fand doch ein verzweifelter Kampf ſtatt, der aber nur wenige Minuten dauerte, dann waren die Banditen überwunden. Ihr Führer hatte ſich gar nicht bei dem Kampfe betheiligen können. Als er zum Bette hinausſprang, glitt er aus und fiel ſo zuerſt in die Hände der Marächauſſée, der ihr Sieg nur einen Ver⸗ wundeten koſtete, den Sergeanten. 7

Als Alexander zu dieſem trat und ſich nach ſeiner Ver⸗ letzung erkundigte, ſagte er: