Jahrgang 
2 (1879)
Seite
499
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Concordia.

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ſchauderte. Oder hatte ſein Vertrauter ein Verhältniß mit

ihr? Beſſer, ich bekümmere mich nicht darum und gehe ſchlafen.

Wie ein gehetztes Wild flog Alexander dem Groveplatze zu; er wußte, daß er hier den Leichnam finden würde, der ihm Aufſchluß geben mußte, ob die Gemordete ſeine Schweſter geweſen, welcher bei ihrer Geburt ein Herz auf eine Hüfte eingeätzt war. Bleich, mit wogender Bruſt, hervorſpringenden Augen rannte er durch die Straßen.

Jetzt hatte er den Groveplatz erreicht, jetzt hatte er ſich überzeugt, daß ſeine Vermuthung kein Trug geweſen. Ein einziger Laut rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor, ein Ton, wie er in Gefilden der Verdammten heimiſch ſein muß, ein Ton, wie ihn nur die höchſte Verzweiflung beſitzt. Aber er ſank nicht zu Boden, der ſchrecklich Getroffene; hoch auf richtete ſich ſeine Geſtalt, ſein Auge flammte, ſeine Hand hob ſich zu den Sternen. Dann drang ein Wort aus ſeinem Munde, das Wort:Rache!

Als ſich in der nichſten Minute die Maréchauſſée der Stelle nahte, woher der ſchreckliche Ton der Verzweiflung erſchollen war, fand ſie den früheren Offizier nicht mehr vor.

Eine Stunde ungefähr war verfloſſen, ſeitdem Alexander die Wohnung der Wittwe Champion, ſeiner Schweſter, ver⸗ laſſen hatte, der Knabe war wieder eingeſchlafen, da kehrte du Chatelet zurück.

Welche Veränderung war nicht mit dem Manne vor⸗ gegangen! Seine Züge waren eiſern geworden, auf der Stirn thronte der Entſchluß. Er zitterte nicht, jede Muskel war geſpannt.

Ruhig weckte er das Kind.

Bringſt Du mir Mama zurück? fragte es.

Keine Thräue trat ihm in das Auge; aber er küßte den kleinen Dominique.

Warum kommt Mama nicht? fragte dieſer.

Weil laß Dich ankleiden.

Ich bin noch ſo müde.

Du wirſt nachher ſchlafen können. wird bald da ſein.

Mit dem Kinde auf dem Arm verließ er die Wohnung jeiner ermordeten Schweſter.

Am folgenden Tage, als ſich der Generalpolizeilieutenant kaum erhoben hatte, fuhr der Wagen des Herrn Villeneuve vor, führte Ernſt den früheren Gardeoffizier in d'Argenſon's Gemach.

Das Geſpräch, welches ſtattfand, dauerte zwei Stunden, ohne daß der vielbeſchäftigte Leiter der franzöſiſchen Polizei ungeduldig geworden wäre. Im Gegentheil, als die beiden Männer ihn verlaſſen hatten, ſtrahlte ſein Auge, als wäre ihm das größte Glück zutheil geworden. Noch nie hatten ſeine Untergebenen ihn ſo liebenswürdig gefunden, er ſchien ſeine Würde vergeſſen zu haben und erging ſich in Scherzen. So leutſelig konnte ihn nur die froheſte Botſchaft geſtimmt haben. Vergebens aber verſuchten ſeine vertrauteſten Unter⸗ gebenen den Grund zu ermitteln. Er lächelte zu ihren Be⸗ mühungen und ſagte:

Wartet ab, wartet ab! es wird ſchon zu Tage kommen. In vierundzwanzig Stunden ſollt Ihr Alles wiſſen.

Komm'! Der Morgen

16. Kapitel. Vergeltung.

Die Nacht vom fünften zum ſechsten Oktober 1721 war rauh und ſtürmiſch. Der ſcharfe Strichregen machte ſie für Fußgänger ſo unleidlich, daß die Straßen von Paris völlig todt dalagen und ein raſch dahinwandelnder Nachtſchwärmer zu den Raritäten hätte gerechnet werden können. Wer nicht in's Freie hinaus mußte, blieb ſicher zu Hauſe ſelbſt die Schaarwache durchſtrich ſpärlicher die Plätze und Gaſſen der franzöſiſchen Metropole.

Zwölf tönte es von den Thürmen der benachbarten Kirchen, Zwölf verkündete hallend die Uhr des Stadthauſes, als zwei in Mäntel tief gehüllte Männer über den Pont de change dem Chatelet zueilten. Es waren hohe, kräftige Geſtalten dies erlaubte das ſchwankende Licht der Straßenlaternen allein zu erkennen.

Das iſt eine traurige Nacht, ſagte der Eine, als ſie das Ende der Brücke erreicht hatten.

Im Gegentheil lobe ich ſie mir, wie ſie iſt; zu meinem Vorhaben ganz geſchaffen, antwortete der Andere.Ich gebe zu, daß ſie zu Spaziergängen wenig taucht, aber dieſes Wetter verleiht Demjenigen, welcher ſich unter Dach und Fach befindet, eine Behaglichkeit, eine Sorgloſigkeit, die niemals für den Soldaten und für den Geächteten taugt. Cartouche iſt jetzt argwöhniſcher und aufmerkſamer denn je; in dieſer Racht würde er aber eine Expedition gegen ihn nicht glauben, Herr de Villeneuve, würde er auf den Bericht davon ſich lächelnd in das Bett legen und ausrufen:Mileſiſche Märchen!

Deſto beſſer, antwortete Ernſt.Da ſind wir am Ziel, da ſind die Unſerigen!

Im nächſten Augenblick waren die Beiden von zwanzig Polizeiſoldaten umgeben.

Hektor! rief leiſe der frühere Mitſchüler des gefürchtetſten Räubers. Das bin ich, mein Herr, antwortete vortretend der Führer der Schaar, ein kleiner, unterſetzter Mann, aus deſſen Zügen Verſchmitztheit ſprach, wie aus ſeinen Bewegungen eine Gewandtheit hervorleuchtete, die man ſeinen Jahren kaum hätte zutrauen können. In der Maréchauſſée bekleidete er die Stelle eines Sergeanten.Was befehlen Sie mir, Herr de Villeneuve?

Den unbedingteſten Gehorſam gegen dieſen Herrn, der heute Euer Führer iſt. Gelingt das Unternehmen, ſo bekommt Jeder von Euch fünf Louisd'or.

Und worin beſteht das Unternehmen?

Das wird Euch, mein lieber Hektor, von Herrn du Chatelet auf Euerem Wege eröffnet werden.

Schön, verfetzte der Andere.Und wohin geht der Weg, wenn ich fragen darf?

Sie, Herr Sergeant, bleiben mir zur Seite, die Anderen folgen uns ſo verſtohlen, als es immer möglich, nahm Alexander das Wort.Es ſind doch ſämmtlich Männer, auf die man bauen kann?

Beherzt, verſchwiegen, gewandt, in den Waffen erfahren, kurz, die Elite der Marächauſſée, erwiderte Hektor.Da iſt Keiner, der es nicht wagte, ſich mit dem Satan herumzuſchlagen⸗ wenn es ſein müßte..

Das iſt auch nöthig; denn wir haben es mit einem ein⸗

gefleiſchten Teufel zu thun. 63*