Concordia
geſtohlen, ohne Plan, ohne Ziel, ſo daß ſich der Verbrecher bei aller Gefahr auch Dürftigkeit und Mangel bemächtigen konnten.
Jetzt, glaubten ſie, kehrten die goldenen Zeiten wieder, wo unter dem Schutze Cartouche's die Dieberei, der Mord, die Fälſchung Hand in Hand mit verminderter Gefahr daher⸗ ſchritten und in dem allgemeinen Verfalle der Geſellſchaft, wo Tugend und wahre Chre mit Füßen getreten wurden, ſich zu Rieſen aufblieſen und breit machten; gingen doch die Regierenden ihnen voran in Willkür und Ungeſetzlichkeit, in Vergehen gegen Recht und Sitte.
Schon in der zweiten Nacht verſammelte Dominique die Seinen, um unter ihnen Muſterung zu halten. Es waren noch immer achthundert Schurken, die ſich in dem Boulogner Gehölz einfanden, um ihrem Hauptmanne zuzujubeln. Aber ſie fanden ihn anders, wie ſie erwarteten. Finſter trat er unter ſie wie ein zürnender Zeus. Kein freundlich Wort; ſtrenge Drohungen entſchlüpften ſeinem Munde, düſtere Ahn⸗ ungen ſchienen ihn zu bewegen. Er erinnerte ſie ihres Eides, und ſchwur, ihn aufrechtzuerhalten und ſollte er die Erde meilenweit mit ihrem Blute roth färben.
Noch einmal mußten ſie geloben, treu bei ihm auszuhalten, ihr Leben für das ſeine in die Schanze zu ſchlagen, zu ſterben, wenn er riefe. Man hätte dieſen Schwur, die ganze Handlung feierlich nennen können, wenn nur der Engel der Erhebung nicht gänzlich abweſend geweſen wäre, wenn nur die Tod⸗ ſünden nicht unter dem düſteren Todesſchleier überall hervor⸗ geguckt hätten.
Auch eine Seite entdeckten die Verbrecher an ihrem Ober⸗
haupte, die ihnen neu und unerwartet war, ſeine Schroffheit ging in das Weinerliche über, als er des treuen Lami ge⸗ dachte, der wie ein alter Römer in den Tod gegangen war, als er ihm die Lobrede hielt.
Hatte die Verſammlung ihn mit Jubel begrüßt, ſchwei⸗
gend und gedrückt ging ſie auseinander. Cartouche und du Chatelet blieben zurück.
„Da ziehen ſie hin,“ ſagte Dominigue zu Alexander, „hundert von ihnen nicht ſo viel werth wie Joſef!“
„Du haſt recht,“ erwiderte der frühere Offizier;„aber Du hätteſt ihnen nicht Deine volle Meinung in das Antlitz
ſchleudern ſollen; Du haſt ihren Muth heruntergedrückt, haſt,
ſie zittern laſſen, wo der Jubel beſſer an ſeiner Stelle ge⸗ weſen wäre.“
„Meinſt Du?“ entgegnete er;„glaube mir, Alexander, ich kenne ſie beſſer als Du. Sie ſollen ſogar noch mehr er⸗ ſchrecken vor mir, ſollen ſich unter mein Szepter beugen lerneu, oder zu Grunde gehen— Du haſt auf Deinen Reiſen die Wittwe Champion in Rouen mehr als einmal geſehen. Sie wird das Mittel ſein, die härteſten Seelen beben zu machen; denn dieſes Weib, das ich einſt meiner Liebe würdigte, war die Urſache an Lami's Tod, war unſere Verrätherin. Aber ich will Qualen für ſie erſinnen, daß Satanas mit ſeinem Gefolge ein Schulbube gegen mich ſein ſoll; ich werde mich ſchrecklich rächen.“
„Nicht dieſe finſteren Gedanken,“ bemerkte du Chatelet ein⸗ lenkend;„bedenke, daß wenn ſie wirklich den Verrath geübt hat, ihre Seele umnachtet war, daß ſie ein Weib iſt, welches Du einſt liebteſt.“
Finſter wie die
N
Nacht um ihn war die Stirn des gefürch⸗
teten Räubers.„Die ich liebte?“ erwiderte er.„Nun, dann muß ich ſie dreifach haſſen und hundertfältig vernichten.“
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Cartouche hielt Wort. Schon in der fölgenden Nacht wurde Sidi auf ſein Geheiß aus ihrer Wohnung geriſſen und in das„Piſtolet“ geſchafft. Alexander hatte an dieſer Gefangen⸗ nehmung keinen Theil, er hatte ſich geweigert, ſie auszuführen, ja er wollte ſie verhindern. Als er aber in die Wohnung der Wittwe Champion(unter dieſem Namen kannte er Sidi) kam, war es zu ſpät. Er fand nur den kleinen Dominique vor, der ſich verſteckt hatte und ſo von den Banditen über⸗ ſehen war. Das Kind war von einem Geräuſch erwacht, es hatte viele Männer in dem Gemache geſehen, die ſich ſeiner Mutter bemächtigt hatten. Eine entſetzliche Furcht ergriff den Knaben, er huſchte aus ſeinem Bettchen, um ſich in einem Winkel zu verſtecken, wo ihn Alexander fand.
Der frühere Offizier ſuchte den kleinen Dominique zu beruhigen, nahm ihn auf den Schoß und liebkoſte ihn. Da⸗ bei verſchob ſich das Hemd des Knaben und ein ſchwarzes, eiſernes Kreuzchen ward ſichtbar.
Kaum fiel dies Zeichen Alexander in die Augen, ſo er⸗ blaßte er; ein gleiches trug er auf der Bruſt. Er wandte das Kreuz des Knaben und ſein Familienwappen ſchaute ihn an.——
„Woher haſt Du das, mein Kind?“ fragte er in ſeltſamer Aufregung.„
„Von meiner Mama,“ antwortete der Kleine;„ſie hat es mir auf die Seele gebunden. Seit ihrer früheſten Jugend trug ſie es und wünſchte, daß ich es nie ablegen ſollte, da es mir Glück bringen würde.“
Alleexander ließ das Kind von ſeinem Schoße gleiten und ſprang in die Höhe⸗
„Wäre es möglich?“ rief er wild;„wäre ſie meine Schweſter Antoinette, die uns in früher Jugend abhanden gekommen? Und jetzt vielleicht unter den Dolchen ihrer unerbirelichen Feinde!“ Er ſchlug ſich vor die Stirn, als ne er ſie zerſchmettern.„Aber vielleicht iſt es noch Zeit, vielleicht kann ich das Schreckliche verhindern.“
Er wollte hinaus, da fiel ſein Blick auf den Knaben.
„Liebes Kind,“ ſagte er zu ihm,„ich will Deine Mutter zurückholen; lege Dich unterdeß in Dein Bettchen und ſchlafe ruhig— wir kommen bald wieder zu Dir.“ 8
Er verließ Sidi's Wohnung und flog dem„Piſtolet“ zu. Auf ſein Zeichen öffnete ſich die Thür deſſelben.
„Iſt er hier?“ fragte er Joli, den er im Korridor traf.
„Die Verſammlung im rothen Zimmer iſt zu Ende. Darauf ſind Alle fortgegangen,“ lautete die Antwort.
„Todt?“ 5
Der kleine magere Wirth nickte und du Chotelet wankte.
„Wie?“
„Er hat ihr die Zunge herausgeſchnitten, die Augen aus⸗ geſtochen— aber was iſt Ihnen?“
„Genug, genug!“ Alexander ſank faſt zu Boden.
Joli eilte und brachte ihm ein Glas Rum, das er auf einen Zug leerte. Sodann ſtürzte er aus dem Gaſthauſe fort.
„Seltſam,“ ſagte Joli und ſah ihm kopfſchüttelnd nach; „er muß, ſchwächere Nerven haben, als ich ihm zugetraut. Da iſt doch Cartouche ein anderer Mann. Sie war ſeine Geliebte und doch verfuhr er mit ihr, daß uns Allen die Haut


