Jahrgang 
2 (1879)
Seite
506
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Concordia.

16. Kapitel.

Wer Reues braucht, der liebt Geſchwätzigkeit.

Die älteſte Schänke in Seacomb war dieNeue Londoner Schäuke, auf der Stelle einer noch älteren Hotelwirthſchaft erbaut, aber ſelbſt nahezu zweihundert Jahre alt. Der vier⸗ eckige Hof, in dem einſt viele Kutſchen ſtanden, war jetzt mit einem Glasdache verſchönert und diente an Markttagen zur Verſammlung von Farmern. Hier wurde die Getreide⸗Börſe abgehalten und hier waren Getreide⸗Proben ausgeſtellt, hier wurden in munterem Gewühle Handelsgeſchäfte abgeſchloſſen, während der Geruch von Raaſtbeef und Paſteten in der Atmoſphäre vorherrſchte.

Hier ſchieden Maurice und Martin; der Erſtere ſagte ſeinem Freunde, daß er ein Geſchäft zu Seacomb abzumachen habe, und der junge Cornwalliſer bot ſeinem Gefährten zögernd Lebewohl.

Sobald der Wagen fortgefahren war, wanderte Maurice in das Schankzimmer, rief nach Soda und Sherry und be⸗ ſichtigte das Terrain. Auf der anderen Seite des ſchimmern⸗ den Schanktiſches befand ſich eine gemächlich ausſehende, ältliche Matrone in einem ſchwarzen Seidenkleide und einem Häubchen mit roſenfarbigen Bändern, die mit einem kräftigen Farmer ſich in ein Geſpräch vertieft hatte.Augenſcheinlich die Wirthin, dachte Maurice.

Er ſchlürfte ſeinen Sherry mit Soda und fragte, ob er ein luftiges Schlafzimmer haben könne.

Gewiß, Sir. Sie wünſchen vielleicht ein Zimmer im erſten Stockwerke, das nach der Straße zu gelegen? Und ſie wies das Stubenmädchen an, Maurice nach Nummer Zehn zu führen.

Ich will mich nicht erſt bemühen, das Zimmer zu ſehen, ich danke Ihnen, Ma'am. Ich zweifle nicht, daß es ganz komfortabel iſt.

Deshalb iſt nicht viel zu fürchten, Sir. Ich ſehe ſelbſt nach den Schlafzimmern, und habe das immer gethan in den letzten dreißig Jahren. Ich gehe jeden Morgen in alle Zimmer des Hauſes, nachdem das Stubenmädchen ſie gekehrt und abgeſtäubt hat; und das iſt nach meiner Meinung nicht mehr und nicht weniger als die Pflicht jeder Hauswirthin.

Recht ſo, Ma'am. Es iſt nur ſchade, daß dieſe Art von haushälteriſcher Sorgfalt mehr und mehr aus der Mode kommt.

So iſt es in der That, Sir. einige Tage in Seacomb zu bleiben? von Intereſſe in der Nachbarſchaft.

Ich bedauere, ſagen zu müſſen, daß ich den Ort morgen wieder verlaſſe.

Nun guten Morgen, Mrs. Chadwick, ſagte der Farmer, nachdem er ſein Glas ausgetrunken und ſich die Lippen mit einem orangefarbigen Taſchentuche abgewiſcht.

Offenbar nicht abgeneigt, mit ihm zu plaudern, ſetzte ſich die Wirthin an Maurice's Tiſch.

Ich bin erfreut über ihre Aufmerkſamkeit, Ma'am, zumal mir dadurch Gelegenheit geboten wird, ein kleines freundſchaft⸗ liches Geſpräch mit Jemand, der Seacomb kennt, anzuknüpfen, und ich glaube, Sie kennen wohl die Stadt und ihre Ein⸗ wohner ſo gut, als ſie überhaupt Jemand kennen kann.

Die Wirthin lächelte, wie mit innerer Befriedigung.

Gedenken Sie vielleicht Es giebt viele Dinge

ö

Es iſt meine Geburtsſtadt, Sir. Ich wurde hier ge⸗ boren und erzogen, und ich könnte die Monate, die ich außer⸗ halb Seacombs zugebracht, an den Fingern herzählen. Das können nicht Viele hier ſagen.

Sie wurden zu Seacomb erzogen, ſagte Maurice.Dann erinnern Sie ſich vielleicht an Miß Barlow's Schule für junge Ladies?

Ja, Sir. Ich erinnere mich ſehr wohl an Miß Barlow, aber ihre Schule blühte nach meinen Schultagen, und ſie war über der Stellung meines Vaters. Handelsleute von Sea⸗ comb gaben ihre Kinder nicht zu Miß BVarlow. Ihr Geld mochte gut genug ſein für die meiſten Leute, aber Miß Barlow wollte es nicht haben. Das Geringſte, was ſie noch aufnahm, war eine reiche Farmerstochter. Sie war ſehr ſtolz Auf⸗ geblaſenheit nannten es manche Leute dieſe Miß Barlow. Aber wenn ſie mit ihren Schülerinnen auf dem Chore der Kirche, links von der Orgel, erſchien, gab das einen recht hübſchen Anblick.

Erinnern Sie ſich zufällig der Tochter eines Mr. Tre⸗ vanard, von Borcel⸗End?

Ob ich an Miß Trevanard mich erinnere! Nun, das will ich meinen. Sie war beiläufig das ſchönſte Mädchen, das ich jemals ſah, und die Herren in Seacomb waren nicht abgeneigt, eine Strecke aus ihrem Wege zu gehen, um einen Blick auf ſie zu thun. Ich ſah ſie wohl oft an der Kirchen⸗ thür warten, damit ſie Miß Barlow's Schülerinnen heraus⸗ kommen ſähen, und hörte ſie flüſtern:Das iſt die Schönſte der Schule! Das iſt Trevanard's Tochter! Ich dachte, ſie müßte bald eine recht gute Partie machen, als ſie die Schule verließ; aber ſie heiratete niemals, und ich glaube, ſie wurde ein wenig konfus im Kopfe, oder war bettlägerig, oder irgend etwas derart, während ſie noch ganz jung war. In den letzten zwanzig Jahren hörte ich von Niemandem auch nur ihren Namen erwähnen auch nicht von ihrem eigenen Vater, obgleich er an jedem Markttage hier ſeine Mahlzeit nimmt. Das war doch der junge Mr. Trevanard, der Sie hierher führte, nicht wahr? Ich ſah ihn nur auf einen Zlick in der Halle.

Ja, Martin und ich ſind gute Freunde.

Er iſt auch ein ganz netter junger Mann und ſieht hübſch aus, aber er hält keinen Vergleich aus mit ſeiner Schweſter. 5

Wiſſen Sie, was aus Miß Barlow wurde, als ſie Sea⸗ comb verließ?

Nun, ich hörte ſagen, daß ſie nach dem Kontinente ginge, um Muſik zu betreiben. Sie hatte feine Finger für das Piano und war ſtolz auf ihr Spiel, und nachdem ſie mehrere Jahre im Auslande gelebt und in einem Konſervatorium ſtudirt hörte ich, daß ſie nach England zurückgekommen und ſich irgendwo in der Nähe von London angeſiedelt, wo ſie den Vornehmen und Adeligen Stunden giebt und in hohem Anſehen ſteht. Sie hat ſich zu Seacomb ein ganz artiges kleines Vermögen erworben, ehe ſie ſich zurückzog, und ſo war ſie nicht gezwungen, etwas Anderes zu thun, als was ihr geſiel. Aber Miß Barlow war nicht Diejenige, die müßig ſein konnte. Sie beſaß viel Energie.

Alſo Profeſſorin der Muſik und in der Nachbarſchaft von London wohnend! Es ſchien Maurice, daß er, nachdem er