Jahrgang 
2 (1879)
Seite
507
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Concordia. 507

einmal ſo viel wußte, ſie leicht finden würde. ſich nur noch um die Zeit.

Wie lange denken Sie wohl, daß es ſei, ſeit Sie zuletzt von dieſer Lady hörten? fragte er beiläufig.

Mrs. Chadwick ſah eine Weile ſinnend vor ſich hin, dann antwortete ſie:

Es mögen gegen acht oder neun Jahre ſein, ſeit ich Doktor Dorlick, unſeren Organiſten, ſagen hörte, daß ihm ein Freund in London erzählt, Miß Barlow wohne in der Nach⸗ barſchaft eines Parkes, und es gehe ihr wunderbar gut.

Denken Sie, daß ich Doktor Dorlick ſehen könnte? fragte Maurice eifrig.

Doktor Dorlick iſt im Himmel, erwiderte die Frau feierlich.

Das bedauere ich, ſagte Maurice, mehr mit Bezug auf ſeine eigene Enttäuſchung, als auf Doktor Dorlick's Erhöhung.

Er ging auf einen anderen Gegenſtand über, der ſeinem Geiſte ebenfalls von Wichtigkeit erſchien.

Wie kam es, daß man ſich in Seacomb entſchloß, das Theater zu beſeitigen? fragte er.

Nun, ſehen Sie, Sir, erwiderte die Wirthin nachdenklich, ich denke nicht, daß den Leuten in Seacomb das Theater jemals beſonders zuſagte. Es iſt eine ernſte Stadt hier, und obgleich es in unſerer alten Pfarrkirche leeren Raum genug giebt es iſt eine ſehr ſchöne Kirche, wie Sie mit eigenen Augen geſehen haben werden, nur einiger Reparatur bedürftig iſt hier doch immer ein Rennen nach den verſchiedenen Kapellen, dem Gottesdienſte zur Wiedererweckung religiöſen Sinnes, zu den Thee⸗Meetings, zu den chriſtlichen Liebesfeſten, und zu was nicht noch Allem. Das Volk muß ohne Zweifel irgend etwas Aufregendes haben, aber die Leute in Seacomb lieben es mehr, in die Kapellen der verſchiedenen Sekten, als in's Theater zu gehen; erſteres koſtet ſie außerdem weniger. Ich ſelbſt habe keine Vorurtheile, und weiß, daß ein Schau⸗ ſpieler ſo gut ein Menſch iſt, wie ich; aber ich kann nicht ſagen, daß ich in meinem Wirthshauſe Komödianten jemals ſonderlich gern geſehen hätte.

Aber ich ſetze voraus, daß Sie doch manchmal in's Theater gingen, als noch eins da war?

Ich ging bisweilen, wenn irgend ein Stern vom Londoner Kunſthimmel da erſchien, aber mehr um meinem Gatten zu gefallen, der Allem ſehr zugethan war, was einer Unterhaltung gleichſah. 1

Erinnern Sie ſich der Namen der Schauſpieler, welche Sie da ſahen?

Nein, ich könnte keinen von ihnen mit Namen nennen. Aber wenn Sie ſich für Theater-⸗Angelegenheiten intereſſiren, beſuchen Sie den Haarkünſtler Mr. Clipcome. Er wird Ihnen ſtundenlang von unſerem Theater ſprechen und von den Leuten, welche da agirten. Er hat mir noch in meinem Leben keine Haararbeit beſorgt, ohne daß er mir nicht erzählte, wie er einſt für die berühmt Miß dort eine Perrücke gekräuſelt und gepudert, in der ſie die Lady Teaple ſpielte. Das iſt ſein Steckenpferd!

Dam werde ich ſicher bei Mr. Clipcome vorſprechen. Wo wohnt er?

In einem kleinen Hofe neben der Bethlehem⸗Kapelle welche das Theater war.

Meinen Dank, Mrs. Chadyick, ſagte Maurice, ſich er⸗ hebend,ich will ſofort zu Mr. Clipcome gehen und mir einen ländlichen Schnitt geben laſſen. Mein Haar iſt ohne⸗

Es handelte

dies zu lang geworden. Vielleicht ſind Sie ſo gütig, mir ein kleines Diner auf halb ſieben Uhr anzuordnen.

Mit Vergnügen, Sir. Beliebt, etwas zu wählen?

O, nicht doch. Ich werde in dieſer Stadt einige Stunden umherlaufen, und für Alles Appetit haben, was Sie mir vorſetzen.

Ein ſehr angenehmer Gentleman, dachte Mrs. Chadwick, als Maurice aus dem Schankzimmer ſchritt,ſo geſprächig und freundlich. Er giebt ſich nicht halb ſo viel Anſehen, als die Handelsleute, und doch kann Jeder ſehen, daß er etwas Höheres iſt, als ſie.

Mr. Cliſſold ſchlenderte durch die ruhige alte Stadt, mit ihrer langen, vielgekrümmten Hauptſtraße, die hie und da mit einem maleriſchen Giebel oder einem alten Gitter ge⸗ ſchmückt war, ſonſt aber meiſt ſehr gewöhnlich ausſah. An einem Punkte war eine Art Stadtplatz, von welchem zwei Seitengaſſen ſich abzweigten ein Platz mit einem Brunnen und dem Polizeiamte in der Mitte und einer Methodiſten⸗ Kapelle auf jeder Seite. Eine von dieſen Kapellen, die neueſte und hübſcheſte, war Bethlehem, wie eine Inſchrift über dem Portale anzeigte:Bethlehem 1853 und an der Seite von Bethlehem, einſt der Thespis⸗Tempel, war eine reinliche, gepflaſterte Allee, die nach einer anderen Straße führte, eine Allee mit einem Gaſthauſe an einer Ecke und wenigen beſcheidenen Läden auf einer Seite, gegenüber der weißen Mauer der Kapelle. Einer von dieſen Läden war der Ge⸗ ſchäftsplatz von Mr. Clipcome, der zugleich Tabakhändler, Friſeur und Händler in Modewaaren und anderen Artikeln war, zu zahlreich, ſie zu erwähnen.

Maurice fand Mr. Clipcome auf ſeiner Schwelle ſtehen, das Leben betrachtend, wie es in ſeiner nächſten Nähe ſich entwickelte, wo ein kleines Kind in einem Rollſtuhle ging und eine um geräucherte Heringe feilſchende Frau die einzigen Objekte bildeten, die ſich zu dieſer beſonderen Zeit ſeinem Eifer für das Studium der Menſchheit darboten.

Mr. Clipcome war ein ältlicher Mann, ſtark und wohl⸗ genährt ausſehend, aber kahler, als er es in Betracht der Hilfsquellen ſeiner Kunſt hätte ſein ſollen, umſomehr, da er ſelbſt ein unfehlbares Mittel gegen Kahlheit erfunden hatte.

Aber er zog vielleicht die glatte und ſchimmernde Ober⸗ fläche als kühler und bequemer vor, gegen den gewöhnlichen Haarſchmuck, wobei er noch an ſich ſelber keine Kämme ab⸗ nutzte. Er trug eine reine Leinenſchürze, in deren Taſche ein oder zwei Kämme ſteckten eine Schürze, die an ſich ſelbſt eine Einladung für die vorüberkommenden Fußgänger war, ſich das Haar ſchneiden zu laſſen. Als er Mr. Cliſſold ſich ſeiner Thür nähern ſah, trat Mr. Clipcome mit einem Lächeln und einer Verbeugung beiſeite, und machte dem Fremden Platz, in ſeine Behauſung einzutreten.

Die letztere war ſehr klein und beſtand aus einem Laden und einem Streifen von Sprechzimmerchen hinter dieſem, beide ſehr nett gehalten und angenehm parfümirt mit Haaröl und Lavendelwaſſer. Es befand ſich ein glänzender Armſtuhl mit einem hohen Rücken da, worauf das geduldige Opfer thronen mußte während des Haarſchneide⸗Prozeſſes. Ein Spiegel, in eine Ecke gedrängt, reflektirte den Kunden und den Haar⸗ künſtler bei dieſer Operation. Daneben befand ſich ein Nadel⸗ kiſſen und ein Sack von Zitz, welcher allerlei Geräthe ent⸗ hielt. Aber ein Gegenſtand, welcher Awauricee dlue zumeiſt