508 Concordia.
überraſchte, war ein alter Theaterzettel, kleiner als die neueren dieſer Art und gelb vor Alter, unter Glas und Rahmen an der Wand hängend, gerade ſo, als ob er irgend ein Kunſt⸗ werk geweſen wäre.
Es war das Programm einer Vorſtellung von„Othello“,
die frühzeitig in dieſem Jahrhundert ſtattgefunden. Im Per⸗
ſonen⸗Verzeichniß ſtand:„Othello, der Mohr von Venedig, Mr. Kean.“
„Erinnern Sie ſich des großen Kean?“ ſagte Maurice.
„Ja, Sir,“ antwortete Mr. Clipcome mit Stolz.„Ich erinnere mich an Eduard Kean, und ich erinnere mich an Charles Young, an Miß O'Neil, an Miß Foote, an Mrs. Nesbitt und an Mr. Macready und viele andere Talente, wie man ſie nicht mehr zu ſehen bekommt in unſeren Tagen, in denen die Theater den ſchlechten Eigenſchaften eines nichts⸗ würdigen Theiles des Publikums entgegenkommen und den moraliſchen Moraſt und Firlefanz der Franzoſen in's Land bringen, anſtatt den Geſchmack der Menge zu veredeln und das Theater zu einem Tempel des Guten, Schönen und Wahren zu machen. Heute, wo man Jedem, der Luſt hat, daran Geld zu verdienen, eine Theaterleitung überläßt, wenn er auch kaum dazu befähigt erſcheint, wird die Kunſt im Sumpfe der Gemeinheit erſtickt. Es iſt nur gut, daß man das Theater in Seacomb geſchloſſen hat. Es wäre doch nicht geblieben, was es einſt war. In meiner Knabenzeit war es würdig, beſucht zu werden.“
„Und Sie waren wohl ein enthuſiaſtiſcher Gönner des Drama's, wie ich mir vorſtelle?“
„Wenn es ein Beweis von Enthuſiasmus iſt, daß ich jeden Sixpence meines Taſchengeldes darauf verwendete, den Eintritt in's Theater zu bezahlen, dann war ich ein Enthuſiaſt, Sir,“ antwortete Mr. Clipcome.„Die Sechspennyſtücke, welche Jungen— ich darf wohl ſagen Jungen von einer untergeordneten Geiſtesrichtung— auf Kuchen und Aepfel und auf Cigarren zu erſten Rauchverſuchen hinter abgelegenen Gartenzäunen verwendet haben würden, weihte ich der heiligen Dichtkunſt und ſpeziell dem Schauſpiele. Sie würden mir kaum eine Zeile von Shakeſpeare rezitiren können, bei der ich nicht ſofort die nächſtfolgenden Zeilen dieſes größten Dichters, den der Himmel dem Erdballe geſchenkt, anführen könnte. Während ich ein junger Burſche war, pflegte ich zweimal die Woche in das Parterre unſeres Theaters zu gehen; nach dem Tode meines Vaters geſchah es drei⸗ bis viermal die Woche. Ich war mein eigener Herr, und ich bekam ein Freibillet für das Aushängen der Theaterzettel an meinem Laden. Und obgleich viele Theaterfreunde in Seacomb gegen die Schließung des hieſigen Theaters waren, glaube ich doch kaum, daß ſie anfangs irgend Jemandem ſo ſcharf zu Herzen ging wie mir.“
„Warum wurde das Theater eigentlich beſeitigt?“ fragte Maurice.
„Nun, ſehen Sie, Sir, die Stadt war ſo ernſt geſinnt geworden, und als das Theater geſchloſſen war, machte man aus dem Gebäude eine Kapelle. Die großen Schauſpieler und Schauſpielerinnen waren todt und fort, und die„Sterne“, die noch übrig geblieben, kümmerten ſich nicht darum, nach Seacomb zu kommen. Die Künſtler wollen heute nur recht viel Geld zuſammenſcharren, ſie arbeiten nicht mehr aus Liebe zur Kunſt, ſondern wünſchen nur möglichſt bald ſo viel zu zaben, daß ſie dem Theater Valet ſagen können. Es war
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den Direktoren hier auch Jahr für Jahr ſchlechter gegangen, es gab halbe Gagen oder gar keine, und endlich war es eine anerkannte Thatſache, daß das Theater in Seacomb nicht mehr lebensfähig ſei. Die Schauſpieler und Schauſpielerinnen, die hierherkamen, waren Stöcke, oder wenn das nicht, ſuchtan ſie durch Uebertreibungen zu erſetzen, was ihnen an wahrem Talente fehlte. Die Familien der Grafſchaft hörten auch mehr und mehr auf, den Platz zu beſuchen— es gab keine Meetings mehr hier, und das Theater gewährte endlich einen kläglichen Anblick. Die Schauſpieler ſahen halb verhungert aus, die Elbogen guckten ihnen aus den Röcken, ohne daß die Mode es erforderte. Es war Einem unangenehn, ſie anzuſehen. Oft rief ich den Einen oder den Anderen herein, um mein Diner mit ihm zu theilen, wenn es auch nur eine Kartoffel⸗ Torte oder eine Tauben⸗-Paſtete mit einem Stück Schöpſen⸗ braten war. Der Eingang zur Bühne war gerade meinem Laden gegenüber. Er iſt jetzt vermauert, aber man kann den Umriß daran noch in dem Ziegelbau ſehen. Die Schauſpieler pflegten des Morgens immer um dieſen Thorweg herumzu⸗ lungern und ab und zu zu gehen, während innen die Probe war, und ſie kamen ſehr gern in meinen Laden auf einige Worte oder um einen Blick in eine Zeitung zu thun. Die Zeitungen waren noch theuer in jenen Tagen, heute ſind ſie leider viel zu wohlfeil geworden. Da konnte man keinen„Standard“ oder„Telegraph“ mit den Neuigkeiten der ganzen Welt für einen Penny haben. Und die armen Burſche konnten keine fünf Pence für ein Blatt verausgaben.“
„Sie müſſen ſonach mit Vielen auf freundſchaftlichem Fuße geſtanden haben,“ ſagte Maurice, welcher fühlte, daß er wahrſcheinlich von dieſem geſprächigen Haarkünſtler die Auf⸗ ſchlüſſe erhalten könne, welche er ſuchte.„Erinnern Sie ſich zufällig eines Mannes, genannt Elgood?“
„Elgood! Matthew Elgood?“ rief der Andere, indem er in der Vehemenz ſeines Ausrufes eine Scheere fallen ließ.„Nun, das will ich wohl meinen! Er war Einer, der unſerem Theater bis zum letzten Augenblicke anhing— wie eine Auſter an einem Felſen, der arme Menſch— als nicht mehr genug Verdienſt da war, um Leib und Seele zuſammen⸗ zuhalten. Er wohnte im letzten Hauſe dort auf der anderen Seite, die zweitnächſte Thür vom Theater— es gehörte da⸗ mals einem Schneider— und es war ein guter, kleiner Mann, dieſer Schneider, und ein gütiger Freund für Matthew Elgood— ſo lange er eine Brotkruſte mit ihm zu theilen hatte, oder einen Dachboden, um ihm Obdach zu geben. Aber eines Tages, beiläufig einen Monat nachher, als das Theater geſchloſſen worden war und der Direktor in's Schuldgefäng⸗ niß gewandert, kamen die Gläubiger auch zu dem armen Schneider Jones und legten auf Alles Beſchlag, während Jones in's Gefängniß kam, und ſo waren Matthew Elgood und ſein Weib ein armes, ſchwaches Ding, das nur wenige Wochen zuvor ihr erſtes Kind verloren, in die weite Welt hinausgeſtoßen. Ich habe von dieſer Stunde an nie wieder gehört, was aus ihnen geworden iſt. Hätte ich Raum in meinem Hauſe gehabt, ich hätte ihnen denſelben gegeben, aber den hatte ich nicht, und mein Weib iſt eine kluge Frau, die niemals vergaß, mich daran zu erinnern, daß meine erſten Pflichten ihr und meinen Kindern gehörten, oder mit anderen Worten, daß die Ghriſtliche Nächſtenliebe zu Hauſe beginne.“
„Erinnern Sie ſich des Datums dieſes Ereigniſſes— des
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