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Jahres und des Monates, in welchem Matthew Elgood Seacomb
verließ? Ich darf Ihnen wohl ſagen, daß ich dieſe Fragen nicht aus müßiger Neugier an Sie ſtelle. Ich bin perſönlich dabei intereſſirt, Alles über Matthew Elgood zu wiſſen.“
„Mein theurer Sir,“ rief der Friſeur und Barbier, indem das Gefühl der Wirklichkeit, eine werthvolle Information zu geben, ſeine Bruſt ſchwellte,„da koͤnnten Sie zu keiner beſſeren Quelle gekommen ſein. Wenn es mir gerade nicht gelingen ſollte, die Daten, welche Sie wünſchen, aus dem Gedächtniſſe allein anzugeben, ſo kann ich einen dokumentariſchen Beweis vorlegen, der die Sache über jeden Zweifel erheben wird. Durch einen Zeitraum von zehn oder mehr Jahren machte ich es mir zur Regel, ein Exemplar von jedem Theaceerzettel auf⸗ zubewahren, der in der Stadt erſchien. Sie wurdeun gratis an meiner Thür abgeliefert, damit ich ſie an meinem Fenſter ausſtelle, und anſtatt ſie dann als altes Papier beiſeite zu werfen, ordnete ich ſie als intereſſante Berichte für Muße⸗ ſtunden in meinem ſpäteren Leben. Ich bin ſtolz auf dieſe Sammlung. Sie enthält den Namen manches leuchtenden Geſtirnes der dramatiſchen Sphäre, und ich betrachte ſie in der That wie eine Geſchichte der dramatiſchen Kunſt im Kleinen. Mein Eindruck iſt, daß Elgood und ſein Weib Seacomb vor neunzehn Jahren, vom letzten Winter an ge⸗ rechnet, verließen, aber die Theaterzettel werden die Sachen gewiß machen. Matthew Elgood befand ſich unter jener ver⸗ kleinerten Geſellſchaft, welche die Breter unſeres armen kleinen Theaters an jenem Abend noch betrat, als der grüne Vor⸗ hang zum letzten Male herabſank, um ſich nie wieder zu er⸗ heben.“
„Vor neunzehn Jahren, ſagen Sie?“
„Weder mehr noch weniger,“ entgegnete Mr. Elipcome, der gewohnt war, dann und wann Shakeſpeare'ſche Phraſen zu gebrauchen.„Ich erinnere mich, es war ein außerordent⸗ lich ſtrenger Winter. Wir hatten Froſt und Schnee, und ſehr viel Schnee, noch ſpät gegen Ende Februar, ja auch im März. Einige der Wege zwiſchen Seacomb und den benachbarten Dörfern waren ungangbar, und es herrſchte deshalb allgemeine Beſorgniß. Ich fühlte um ſo mehr Theilnahme für dieſe unglücklichen Elgood's eben deswegen— es war ein ſehr harter Winter, um in dieſen hinausgeſchickt zu werden ohne Obdach.“
„Meinen Dank, Mr. Clipcome, Sie haben mir wirklich werthvolle Nachrichten gegeben. Ich würde mich freuen, dieſe Theaterzettel zu ſehen, um das genaue Datum zu haben, an dem das Theater geſchloſſen ward.“
Der Haarkünſtler legte ſeine Sammlung vor, roh in einen gewichtigen Band mit einer Decke von marmorirtem Papier gebunden, die er ſelber angefertigt, ein Triumph des Dilettantismus in der Buchbinderei. Hier ſah Maurice den letzten Theaterzettel, der jemals von einem Theaterdirektor in Seacomb herausgegeben worden war. Sein Datum war der 10. Januar 1849.
„Und Mr. Elgood blieb bei dem Schneider noch einen Monat nach dem Schluſſe des Theaters?“ forſchte Maurice.
„Gegen einen Monat.“—
Nachdem Maurice die Daten und Geheimniſſe in ſein Notizbuch eingetragen und dem gutmüthigen Haarkünſtler ſeine Dankſagungen wiederholt, fühlte er, daß ſein Geſchäft dort deendet war. Er kaufte einige Kleinigkeiten in dem Laden,
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ehe er ging, eine Aufmerkſamkeit, die Mr. Clipcome ganz be⸗
ſonders wohlgefiel, ſchon wegen der Seltenheit eines ſolchen Ereigniſſes, da ſich ſein Handel hauptſächlich darauf be⸗ ſchränkte, daß er dann und wann um zwei Pence Haaröl oder um drei und einen halben Penny braune Windſor⸗ Kuchen abſetzte.
17. Kapitel. „Kalt war mein Gruß und trocken.“
Ein ſtiller Abend in der„Neuen Londoner Schänke“ und ein weiteres vertrauliches Plaudern mit deren Eigenthümerin überzeugte Maurice, daß in Seacomb für ihn nichts mehr zu erfahren ſei. Er brachte Mrs. Chadwick dazu, von der Familie im Hervenhauſe Penwyn zu ſprechen, von dem alten Squire und ſeinen Söhnen, die, geheiligt durch die Schatten der Vergangenheit und verſchönt durch alte Erinnerungen und Ideengemeinſchaft— gerade ſo wie eine Ruine durch Epheu und Moos verſchönt wird, das ſich um ihre zerbröckelnden Bogen ſchlingt— den Herzen der älteren Einwohner von Seacomb theurer waren, als der jetzt dort wohnende Squire und ſeine liebliche Gattin.
„Ich ſage nicht, daß der jetzige Gentleman nicht beſſer iſt— für's Geſchäft, und daß er der Nachbarſchaft nicht in zwei Jahren mehr Gutes gethan, als der alte Squire in zehn Jahren ge⸗ than haben würde,“ ſagte Mrs. Chadwick.„Aber der alte Squire war eben mehr wie der Unſerigen Einer, wenn ich ſo
ſagen darf. Er nahm ſein Glas Cider— ein ſehr mäßiger Mann war er, der alte Squire— in meinem Schankzimmer,
und ſchwatzte mit mir ſo freundlich und familiär, als Sie es thun konnten, und es war ein ganz angenehmes Ding, ihn in ſeinem grünen Lincoln⸗Rocke mit den meſſingenen Korbknöpfen und mit dem ſpaniſchen Rohrſtocke zu ſehen.“
Von George Penwyn ſagte Mrs. Chadwick nichts, was nicht Lob war. Er war Jedermanns Liebling geweſen, ſagte ſie zu Maurice, und ſein Tod war in der ganzen Nachbar⸗ ſchaft von Jedem wie ein perſönlicher Verluſt gefühlt worden.
War dies ein Mann, ein unſchuldiges Mädchen zu ver⸗ rathen und Schmach über den Haushalt eines ehrlichen Mannes zu bringen?
Ehe Cliſſold am nächſten Morgen Seacomb verließ, be⸗ gab er ſich zur Pfarrkirche und ſah nochmals in das Regiſter, in welchem er die Taufe von Matthew Elgood's Tochter ein⸗ geſchrieben geſehen; dann durchſah er das Regiſter der Begräb⸗ niſſe, um ſich ſelbſt von dem Tode des Kindes zu verſichern. Hier war eingetragen:„Emily Jane, Tochter von Matthew Elgood, Schauſpieler, und Jane Elgood, ſeinem Weibe, ge⸗ ſtorben im Alter von fünf Wochen den 4. Januar 1849“.
Es war dies gerade ſechs Tage vor dem Schluſſe des Theaters in Seacomb.
Maurice erinnerte ſich genau, daß Juſtina ihm einſt er⸗ zählt hatte, im Verlauf eines etwas längeren Geſpräches, daß ihr Geburtstag im März war und daß ſie an dem letzten Geburtstage ihr neunzehntes Jahr zurückgelegt habe. Wenn nun Mrs. Elgood im Dezember 1848 eine Tochter geboren hatte, war es für ſie nicht möglich, daß ſie Juſtina's Mutter ſein konnte, wenn Juſtina im März 1849 geboren war.
Er hatte nun keinen Schatten eines Zweifels mehr, daß Matthew Elgood, der Seacomb im Februar in Froſt und


