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510 Concordia.
Schnee verlaſſen, derſelbe Mann war, der zu Borcel⸗End ein Obdach geſucht und der ſich ſelbſt Eden genannt hatte. Ein
falſcher Stolz hatte den geldloſen Herumſtreicher veranlaßt,
ſeine Armuth unter einem angenommenen Namen zu ver⸗ bergen.
„Der einfachſte und geradeſte Weg wird ſein, Elgood ſelbſt ſofort mit dieſen Thatſachen entgegenzutreten,“ dachte Maurice. „Bin ich einmal deſſen ſicher, daß mein Liebling mit Muriel's Tochter identiſch iſt, ſo wird meine nächſte Aufgabe ſein, den Beweis für die Heirat ihrer Mutter zu entdecken. Und wenn ich darin Erfolg habe? Nun, ich denke, das Nächſte wird dann für einige geſchickte Advokaten ſein, Juſtina's Recht auf die Beſitzung Penwyn zu beweiſen, und Churchill Penwyn und ſeine Gattin werden ruinirt ſein, Juſtina aber eine reiche Erbin, die wahre Herrin von Penwyn, und ich werde mich in den Hintergrund zurückziehen. Das iſt kaum ein an⸗ genehmes Bild von der Zukunft. Vielleicht wäre es, von einem rein ſelbſtſüchtigen Geſichtspunkte aus, weiſer geweſen, wenn ich mein theures Mädchen bis zum Ende eines gewiſſen Zeitraumes hätte Juſtina Elgood bleiben laſſen— mindeſtens bis ich ſie dazu beredet hätte, dieſen Namen für den guten alten Namen Cliſſold auszutauſchen. Nachdem ich aber jetzt ſo weit gegangen, das Vertrauen einer ſterbenden Frau ge⸗ wonnen, geſchworen, ein altes Unrecht gut zu machen, bin ich durch die Geſetze der Ehre gebunden, vorwärts zu gehen und auf jeden Fall zunächſt die Legitimität meines geliebten Mäd⸗ chens zu ſichern.“
Er freute ſich über die Schuelligkeit des Expreß⸗Zuges der Eiſenbahn, der ihn heimwärts führte über Stoppelfelder und durch gelbliche Wälder; freute ſich bei dem Gedanken, daß er noch rechtzeitig ankommen würde, um Juſtina zu ſehen, wäre es auch nur eine halbe Stunde, ehe ſie in's Theater gingen. Auf der Bahnſtation nahm er einen Wagen und fuhr geraden⸗ wegs nach der Hudſpeth⸗Street, ſagte dem Kutſcher, er möge warten, und ließ ſeinen Mantelſack und ſeine Reiſetaſche in der Kutſche, während er emporeilte in das zweite Stockwerk.
Matthew Elgood erfreute ſich ſeines Nachmittags⸗Schläf⸗ chens und hatte hierzu ſeine liebenswürdige Miene zum Schutze gegen die im Herbſte zudringlichen Fliegen mit einem roth⸗ ſeidenen Taſchentuche verhüllt. Juſtina ſaß an einem kleinen Tiſche bei dem Fenſter und las.
Sie ſah um einen Schatten bleicher aus wie damals, als er ſie zuletzt geſehen, ſo dachte wenigſtens ihr Verehrer, zärt⸗ lich hoffend, daß ſie ihn vermißt habe; aber als ſie von dem Stuhle emporfuhr und, ihn erkennend, einen Freudenſchrei ausſtieß, ſtürzte das warme Blut in Wange und Stirn.
Einen Moment verſuchte ſie, zu ſprechen, aber ſie konnte nicht, und in dieſem Augenblicke wußte Maurice, daß er geliebt ward.
Er würde Welten dafür gegeben haben, ſie an ſein Herz zu nehmen, ihr Erröthen durch Küſſe in eine tiefere Gluth zu verwandeln, ihr zu ſagen, wie unendlich theuer ſie ihm ſei, und um wie viel tiefer, heiliger und ſüßer ſeine zweite Liebe ſei, als es ſeine erſte, thörichte Leidenſchaft geweſen. Aber er bezwang ſich, in der Erinnerung, welche Aufgabe er noch zu erfüllen habe. Jetzt um ſie zu freien, jetzt ihr Verſprechen zu gewinnen, nachdem er wußte, was er wußte, würde ihm als eine Gemeinheit erſchienen ſein.
„Heute bin ich ihr an Vermögen überlegen,“ ſagte er zu
ſich ſelbſt,„von heute in einem Jahre mag ich in dieſer Be⸗ ziehung unter ihr ſtehen— ein Armer, verglichen mit— der Herrin von Penwyn. Ich will ſie nicht gewinnen, ohne daß ſie dies weiß. Wenn ſich ihre Vermögensverhältniſſe ſo ver⸗ ändern, werde ich nicht zu ſtolz ſein, ihren Reichthum zu theilen, ſo lange, als ich ganz ihr Herz beſitze; aber wenn ſie ſich nach der Aenderung in ihrem Vermögen ändern ſollte, ſoll ſie frei ſein, ihrer Laune zu folgen, wohin dieſe ſie führen mag, und kein altes Verſprechen, in den Tagen ihrer Mittel⸗ loſigkeit gemacht, ſoll ſie an mich binden. Frei und ungefeſſelt, möge ſie ein neues Leben beginnen!“
Anſtatt ſie alſo an ſein Herz zu ſchließen und ihr in zärt⸗ lichem Geflüſter die Geſchichte ſeiner Liebe zu ſagen, grüßte Maurice recht herzhaft laut, ſprach über ſeine Reiſe, fragte, wie das neue Stück im Albert⸗Theater ſich bei der Probe ge⸗ macht, fragte nach ſeinem Freund Flittergilt, den Dramatiker, und benahm ſich ſo im Ganzen in ziemlich gewöhnlicher Weiſe. Es war gerade Zeit für eine Taſſe Thee, ehe Juſtina nach dem Theater ging— ach, es war ein ſehr angenehmes Thee⸗ trinken! Maurice war entzückt durch Juſtina's Fröhlichkeit an dieſem Abende, durch ihre heiteren Blicke, das ſilberhelle Lachen, das ſich bei dem geringſten Anlaſſe vernehmen ließ— ein Lachen, das ſeiner Seele ſagte, daß nur ſeine Gegenwart ſie ſo erfreue.
„Ich denke, ich werde heute Abend in's Theater kommen,“ ſagte er, als ſie ſchieden.
„Was, um ‚Keine Karten“ zu ſehen? Stückes ja fürchterlich müde ſein.“
„Nein. Ich glaube, ich habe es ſiebenmal geſehen, aber ich könnte es noch ſiebenmal ſehen,“ antwortete Maurice, und dies war das einzige Kompliment, das er an dieſem Abende Juſtina zollte.
Ehe er von Mr. Elgood ſchied, lud er dieſen Gentleman ein, am nächſten Abend um acht Uhr mit ihm zu diniren.
„Wir können nachher in's Theater gehen und Miß Elgood nach Hauſe geleiten,“ ſetzte er hinzu.
„Mein theurer Cliſſold,“ rief der Komödiant mit Nach⸗ druck,„nach der Flaſche Porter, die Sie mir an jenem Sonn⸗ tagsabend gaben, als Juſtina und ich uns Ihrer Gaſtfreund⸗ ſchaft erfreuten, wäre ich ein Eſel, wenn ich eine ſolche Einladung ausſchlagen wollte.“
Sie müſſen des
18. Kapitel. 3
„Sei Du nicht lau, ſoll nützen Dir die Zeit!““
Es konnte nichts Einladenderes geben, als den Aublick von Maurice Cliſſold's Zimmern um acht Uhr am folgenden Abend, als ihr Inhaber am Kamine ſtand, die Ankunft ſeines Gaſtes erwartend..
Das Wetter war keineswegs warm und das Glasgeſchirr und Silberzeug des einladend ausſehenden runden Tiſches funkelte im Widerſchein des hell brennenden Feuers. Der fleckenloſe Damaſt, das köſtliche Arrangement auf dem Tiſche mit den alten Chelſea⸗Deſſertſchüſſeln, gefüllt mit bernſtein⸗ farbigen Jerſey⸗Birnen, den ſtaubfarbigen Lambertsnüſſen, angenehm unterſtützt von gutem alten Porter, zeigten eine ſorgfältige Haushälterin und gut abgerichtete Diener an. Der Drehtiſch mit ſeiner Reſerve von Gläſern und Flaſchen garantirte jene luxuriöſe Ruhe, welche nicht von äußeren Dienſtleiſtungen abhängig iſt.


