Jahrgang 
2 (1879)
Seite
479
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ne auf den Fußboden, nahebei wo ſich das unternehrnende

Kunſtgenoſſen⸗ und Chepaar in dieſem Augenblicke befand und

wo wirklich die ſo wichtige muſelmänniſche TDracht in ordnungs⸗ liebender Weiſe zuſammengebündelt lagerte.

Unbezahlbarer Genius, lispelte Herr Direktor Gras⸗ berger, kniff ſeinem Schutzgeiſte in die Wange und rief:An⸗ fangen, Herr Stägeli

Die muſikaliſche Introduktion begann und der Vorhang ſtieg in die Höhe.

DieOperette nahm ihren Fortgang in der vortrefflichen Weiſe der beiden vorhergehenden Akte.

Herr Direktor Grasberger war eben daran, ſeine vierte Rolle während des Abends mit erprobter Künſtlerſchaft durchzuführen.

Ein freundlicher Stern hatte bisher über der Vorſtellung geſchwebt. Dazu der Gedanke, daß die Türkenſzene ſein heißes Bemühen um den äſthetiſchen Genuß des Abends ruhm⸗ reich zu krönen beſtimmt ſei, ließ ſein Blut jugendlich auf⸗ ſchäumen und er flüſterte ſeinem Partner, dem Blasrohrmann, zu, die Situation ſo draſtiſch als möglich zu geſtalten.

Herr Direktor Grasberger hatte einen Diener der Juſtiz darzuſtellen. Es galt, den gefährlichen Abenteurer, Arthur, dingfeſt zu machen.

Vor die Petroleumlampen an der Rückſeite der Couliſſen werden halbrunde Blenden aus Pappdeckel geſchoben.

Die Bühne verdunkelt ſich.

Eine Geſtalt drückt ſich in die Ecke eines Häuſervorſprunges.

Mit der Grandezza eines Storches ſtelzt Arthur, der Blas⸗ rohrmann, leiſe daher.

Je bleibt er ſtehen, blickt nach einer kahlen Mauer em⸗ por und beginnt unter Muſikbegleitung zu ſäuſeln:Oeffne das Fenſterlein, Adelaide!

Ein ſchriller Akkord und aus ſeinem Hinterhalte her⸗ vor reckt ſich der rächende Arm der Gerechtigkeit in Geſtalt von Herrn Direktor Grasberger, hakt ſich feſt in den Nacken des nichts ahnenden, unheilbedrohten Arthur und ſucht ihn auf Sturmesflügeln dahinzureißen in gewaltiger Flucht.

Und wie ein Wirbelwind fährt es in die Gebeine Arthur's. Dahin fliegt er im Kreiſe rings um den Bühnenraum er ſollte die Situation ja ſo draſtiſch als möglich geſtalten und ihm nach wirbelt, an Arthur's Rockſchößen ſich feſtklam⸗ mernd, der überglückliche Herr Direktor. Denn das in frene⸗ tiſches Gejohle ausbrechende Gemecker des kunſtſinnigen Publikums iſt ihm ein treuer Bürge für das über allen Zweifel erhabene Gefallen des klaſſiſchen Stückes und ſeiner muſter⸗ giltigen Wiedergabe.

Noch einmal raſen in ſchwindelndem Kreislauf die beiden Mimen dahin über die weltbedeutenden Breter und ver⸗ ſchwinden dann, gleich einem erlöſchenden Meteor, ſeitwärts im Hintergrunde.

Ungeheures Halloh; raſende Exekution mit den Handtellern; ohrenbetäubender Jubel.

Nachdem die Beifallsſalven verklungen, wird die Szene von dem Nächſtauftretenden beſchritten, um in plaſtiſcher Weiſe die Handlung weiterzubauen. Aber

Ach, wie ſo bald verhallet der Reigen, Wandelt ſich Luſt in ſehnendes Leid!

Während im Zuſchauerraume noch Alles ausgelaſſene Freude, herrſchte hinter den Couliſſen bereits Wehklagen und Zähneklappern.

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Concordia.

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Sie Unglücksvogel, was haben Sie angerichtet, ſtöhnt Herr Grasberger zu dem Blasrohrmann empor, deſſen Haupt ſich in den ſeitwärts tiefer hängenden Soffiten verliert.

Bſt! macht dieſer eine abwehrende Bewegung.

Sie haben unſeren Abgang verkehrt genommen, ächzt verzweiflungsvoll der Direktor.

Da iſt mein Stichwort gefallen; Pardon! ſagt leiſe der Blasrohrmann, ſchiebt Herrn Grasberger bei Seite und tritt auf die Szene.

Toni, Toni! puſtet Herr Grasberger durch ſeine vor die beiden Mundwinkel gehaltenen Hände ſeiner gegenüber⸗ ſtehenden Gattin zu, mit einem wahren Jammergeſicht auf das ihm gleichfalls gegenüber beſindliche Bündel mit dem Türkenanzuge deutend.Was für ein Unglück!

Sprachlos hatte die Frau Direktorin dem falſchen Abgange zugeſchaut; ſprachlos bedeutete ſie den ſie Umſtehenden das unheilvolle Geſchehniß und ſtatt einer Antwort auf den hilfe⸗ ſuchenden Klageruf ihres Gatten, berührte ſie in krampfhafter Weiſe mehrmals ihre Stirn, ein Herrn Grasberger bekannter, aber keineswegs ſchmeichelhafter Ausdruck der Denkweiſe über ihn ſeitens der Fran Direktorin.

Der unglückſelige Blasrohrmann trägt die Schuld, ge⸗ ſtikulirte Herr Grasberger

Während dieſer rathlos von einer Couliſſe in die andere und von da wieder nach dem Hintergrunde lief, deſſen kuapp an der Wand anliegender Proſpekt jeden Uebergang auf die andere Seite zur Unmöglichkeit machte, hatte der umfaſſende Geiſt der Frau Direktorin bereits den Reltungsanker gelichtet.

Gleichzeitig aber erleuchtete auch ein Gedanke die bis zum

Tode betrübte Seele Herrn Direktor Grasberger's.

Gerade noch Zeit genug, murmelte er triumphirend, und damit war er, wie Banquo's Geiſt, mit leiſem Rucke ver⸗ ſchwunden.

In dieſem Augenblicke flog zum Erſtaunen der Zuſchauer von einer Seite zur anderen, über die Häupter der Dar⸗ ſtellenden hinweg, ein dunkler Gegenſtand, der Rettungsanker der Frau Direktorin: der zuſammengebündelte improviſirle Türkenkaftan.

Herr Direktor Grasberger befand ſich gerade unterhalb des Podiums in der Mitte deſſelben.

Noch eine letzte Anſtrengung und er ſtand, über und über mit Staub bedeckt, ſonſt wohlbehalten, an der Seite ſeiner treuen Kunſtgenoſſin und Lebensgefährtin.

Gott ſei Dank, Toni; da bin ich! Türkenanzug!

Was iſt ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmek, was das Verlieren des ſeſten Erdbodens gegen dieſe Grasbergeriſche Er⸗ ſcheinung hier, auf dieſer nunmehr von jeder Spur eines türkiſchen Gewandes gleichfalls verwaiſten Stätte des Muſen⸗ tempels!

Vor den Blicken der Frau Direktorin wurde es Nacht. Eine

Naſch, raſch, den

mitleidige Couliſſenleiter bot ſich ihr als nochdürftige Stübze. Herrn Grasberger's Feldherrnblick hat ſofort den ver⸗

hängnißvollen Zuſammenhaug durchſchaut.

Er erkennt den gegenüberliegenden Türkenkaftan, hört ſein Stichwort fallen.

Extemporiren! ruft er dem auf der Bühne zu, kriecht wieder hinab in die Tiefe des Po jenſeitigen Couliſſen.

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