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Verwirrung laborirenden Greiſes, erſcheint und bleibt unheil⸗ drohend unter der Thür ſtehen. Hoch über ihrem Haupte ſchwingt ſie ein offenbar verhängnißvolles Papier.
Unentwirrbare Töne eines angſtſchweißaustreibenden Lärms im Orcheſter erhöhen die allgemeine Beſtürzung.
Das Finale con fuoco beginnt.
„Darf ich meinen Augen trauen!— Welch' ein reizend téte-A-tete! O, ich Aermſte aller Frauen!“ ſchmettert die neu Angekommene mit einer Art übernatürlichem Diskant.
„Nimm ihn wacker in's Gebet!“ ermuthigt der hoffnungs⸗ volle Sohn Arthur in unheimlich chromatiſcher Tonfolge auf⸗ wärts.
„Daß kein Blitzſtrahl mich zerſchmettert!“ raſſelt der Schweizer in verzweifelnd chromatiſcher Tonleiter abwärts.
„Juter Jott, ick bin verhettert,“ ſetzt Jette klagend einen halben Ton tiefer als vorgeſchrieben mit den dazugehörigen Nouladen ein.
„Ach, das endet nimmer gut!“ kreiſcht das Faktotum mit total falſchem Rhythmus.
„Ei, zwei Kleider und ein Hut— gar nicht übel! Un- getreuer— ſprich! was iſt's mit dieſer Rechnung?“ Hiermit tritt die ebenſo ſingend fürchterliche wie fürchterlich ſingende Rachegöttin vor den zitternden Schweizer und hält ihm den ſpeiſezettelartigen Wiſch in ihrer Hand unter die Naſe.
„Ixoßer Jott!— ach, meine Jüte!“ akzelerirt Jette. „Nun, wird's bald?“ geifert die Gattin parlando. „Es iſt— es war—“ ritardirt der ertappte Sünder.
„Ha, nun iſt mir Alles klar! Jette— fort, aus meinen Augen! Und von Dir laß ich mich ſcheiden!“ ſtößt das ver⸗ letzte Weib zu ihrem Gatten gewendet mit großer Bravour aus ihrer ſtark nach außen gewölbten Fettkehle.
Die Muſik verſtummt.
Jetzt ſchreitet der Blasrohrmann in ſeiner ganzen Würde als Sohn auf den zerkuirſcht daſtehenden alemanniſchen Künſtler zu. Und wie der Laternenpfahl ein danebenſtehendes Stückfaß, ſo überragt er ſtolz und ſelbſtbewußt das Haupt
nes„ſtrebſamen“ Kollegen und ſprudelt mit ſchauerlichem Bathos: „Ja, es muß geſchieden ſein! Vater— das war die fürchterlichſte Stunde meines Lebens. Zu tauſend Fetzen zer⸗ riſſen, kämpft das Vertrauen in meiner Seele ſeinen Todes⸗ kampf. Nimm ſie hin, dies lügenhafte Gewebe von Reiz und enmuth— einſt meine Jette; nimm ſie hin als mein Erbe!
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ir mich aber iſt keines Bleibens mehr an dieſer Stätte. pt, hinaus in die Welt, meine Schuld und— die Euere zu ſühnen! Lebe wohl, Mutter; das Schickſal ruft!“
Mit hochemporgehobenen Händen, welche über den aufgerollten Vorhang hinausragen und für das weiter nach rückwärts ſitzende Auditorium daher in unſichtbare Räume verſchwinden, ſtelzt Arthur mit feierlichen Schritten durch die Wand ab.
Uniſono⸗Aufſchrei der Zurückbleibenden.
Mächtig erſchütternde, unheilverkündende Akkorde. Die Klarinette verſucht mehrere Male die Melodie„Das Wandern iſt des Müllers Luſt“ anzuſtimmen, wird aber ſtets von den anderen Inſtrumenten grollend wieder zum Schweigen gebracht.
Erſt nachdem Jette und die Frau Prinzipalin ſi Ohnmacht ruhen, erſtere in den Armen des Jaktotums, letztere an der heftig beklommenen
Ehegemahls, und nachdem der niederſinkende Vorhang ge⸗
wiſſermaſſen eine Schutzwehr zwiſchen Bühne und Ovrcheſter ſe gebildet hat, wagt es das letztere, das von der Klarinette 1 K leichtfertig in Vorſchlag gebrachte Lied in Vetracht zu w ziehen und endlich jubelnd mit haarſträubenden Diſſonanzen l fortissimo auszubrechen:„Das Wandern iſt des Müllers Luſt, das Wandern!“ 1 b ——=—— i „Meine Herrſchaften, der Zwiſchenakt wird keine acht Minuten dauern. Machen Sie ſich bereit; ich laſſe gleich 4 1 wieder anfangen.“ Mit dieſen Worten zwängte ſich der Direktor den ſchmalen Couliſſenweg hindurch, auf die Bühne. „Schöne Einnahme, Toni, he?“ Damit klopfte er ſeiner Ehehälfte einige Male zävtlich auf die Schulter und trippelte 1 hierauf nach jener kleinen runden, in dem Vorhange ſich be⸗ findlichen Oeffnung, durch welche der Seherblick des Mimen I1 in das gefüllte Haus hinabſtrahlt und alle Trophäen des
Ruhmes deutlich im Geiſte aufblitzen ſieht. Wenn ſtatt des erwarteten Lorbeers kühn geſchwungene faule Aepfel die Künſtlerſtirn berühren— vermag doch ſelbſt ein Reichskanzler aus den Kämpfen„heimtückiſcher Kabale“ nicht immer ſieg⸗
reich hervorzugehen— was wird ſich ein Held auf den welt⸗ bedeutenden Bretern darüber ein graues Haar wachſen laſſen!
„Sehen Sie einmal,“ zupfte der Direktor den ungeduldig neben ihm ſtehenden Blasrohrmann am Rockärmel,„wie das lacht und ſchäkert. So animirt habe ich lange kein Publikum geſehen! Iſt aber auch eine reizende Operette das, nicht vahr? So ganz aus dem Leben gegriffen. Wir haben doch etwas von den Franzoſen gelernt. Der Komponiſt iſt ein Deutſcher; aber er überragt Offenbach. Nun, was wollen 1 Sie, iſt doch Offenbach ſelbſt deutſcher Abſtammung. Ja, ja, unſere Gediegenheit iſt nicht umſonſt ſprichwörtlich geworden:; wir prüfen Alles und das Beſte behalten wir.“
Mit einem zuſtimmenden Nicken des Kopfes trat der Blas⸗ rohrmann vor das leergewordene Guckloch, während der Direktor freudeſtrahlenden Antlitzes auf die Direktorin zueilte.
„Theure Toni,“ jubelte er,„es iſt kein Zweifel, wir werden mit dieſer unſerer dritten Vorſtellung einen glänzenden Erfolg erringen. Aber wir haben es auch mit einem ver⸗ ſtändigen und kunſtſinnigen Publikum zu thun. Paſſ auf, man wird uns die Theatermiethe erlaſſen und die Beleuchtung freigeben. Gewiß; anders thu ich's nicht. Nun, Du wirſt Dir eine größere Kaſette anſchaffen müſſen, Toni; die Saiſon wird eine klingende.— Aber, Kinder, jetzt wollen wir an⸗ fangen. Herr Stägeli, geben Sie das erſte Muſikzeichen!“
Der zugleich inſpizirende Schweizer kam dem gegebenen Auftrage ſofort nach.
Die Bühne begann ſich zu leeren.
„Apropos, Toni, Toni!“ brach ſich der Director Bahn zu ſeiner bereits ſeitwärts weilenden Gattin,„Du wirſt doch nicht vergeſſen, mir beim Umkleiden in dieſem Akte behilflich
zu ſein! Du weißt, ich kann nicht erſt in die Garderobe zurück; ich muß meine Uniform mit dem ſo prächtig von Dir 1 improviſirten Türkenkoſtüme hinter den Cauliſſen wechſeln,
und dazu bleibt mir nur wenige Minuten Zeit.“ 1 „Echauffire Dich nicht unnöthig, lieber Karl!“ antwortete
die ſtets ſichere und ſelbſtbewußte Säule des Grasbergeriſchen
Kunſtinſtituts;„ſieh', hier liegt der komplete Türkenanzug,
cenau an der Stelle, wo Du abgehen wirſt.“ Damit deutete


