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182 Concordſa.
Der Thatſachen, welche dieſe Annahme unterſtützten, waren nicht viele und ſie hätten vielleicht in einem Gerichtshofe wenig Eindruck gemacht, aber obgleich er gegen den Gedanken kämpfte, der ihm zuweilen abſurd und grundlos erſchien, war doch ſeine Phantaſie davon eingenommen und die Idee verfolgte ihn mit quälender Hartnäckigkeit.
Er war zuerſt ein Dichter, und es ſchien ihm in allen Umſtänden, die mit ſeiner Anweſenheit in Borcel⸗End zuſammen⸗ hingen, ein ſeltſames Verhängniß zu walten. Er war durch einen bloßen Zufall, geleitet durch ein Kind und meilenweit über unfruchtbares Moor ſchreitend, hierher gekommen, und hatte ſich ſelbſt einer Wirthin aufgeführt, die ſehr wenig ge⸗ neigt war, ihn aufzunehmen. In der erſten Nacht ſeines Aufenthaltes unter dieſem einſamen Dache hatte er einen Beſuch erhalten von Jemandem, der zwar kein Wanderer aus der Schattenwelt, aber doch ein Geiſt der Vergangenheit war, von einem Weſen, das alle Freuden und Hoffnungen des Lebens hinter ſich hatte, ſowie faſt alle Mühen und Sorgen. Die Erſcheinung Muriel's hatte ſofort ſein Intereſſe an ihr erweckt. Aber ohne dieſen mitternächtlichen Beſuch und das zufällige Zuſammentreffen im Haſelgebüſch des verwilderten Gartens hätte er ein Dutzend Mal kommen und gehen mögen, ohne Muriel Trevanard's Exiſtenz gewahr zu werden.
Dieſe Idee von einer Beſtimmung war natürlich blos ein Werk ſeiner Phantaſie.
Nachdem er in der Stille der Nacht jedes Wort der Ge⸗ ſchichte der Mrs. Trevanard in ſeinem Notizbuche durchgeleſen, brachte er damit andere Umſtände in Verbindung, die ihm Bezug auf dieſe Angelegenheit zu haben ſchienen.
1. Die Thatſache, daß Juſtina Elgood zu Seacomb, einem ziemlich abgelegenen Winkel der Erde, geboren worden ſein ſollte.
2. Daß ihr Alter genau dem Alter der Tochter Muriel's entſprach, wäre dieſe am Leben geweſen.
3. Der ziemlich ungewöhnliche Name Juſtina, ein Familien⸗ name bei den Trevanard's.
4. Die Beſchreibung des Mannes, der ſich Eden genannt; ein gewandter Sprecher; ein Mann, der gewöhnt ſchien, öffent⸗ lich zu reden.
5. Matthew Elgood hatte eine im Kindesalter geweſene Tochter zu Seacomb verloren. Dieſe Thatſache ſtand in den Kirchenmatrikeln, und jene Eden's hatten ebenfalls ein Kind verloren.
All' das war gewiß ſehr wenig, als es förmlich zu Papier gebracht worden, aber die Idee, welche Maurice's Seele erfüllte, ſchien eine ſtärkere Begründung zu haben, als dieſe mageren Thatſachen. Woher dieſe Idee kam, wußte er nicht, aber es ſchien ihm, daß ihm Juſtina's Verwandtſchaft mit Matthew Elgood ſchon lange zweifelhaft geweſen. Es lag entſchieden ein höheres Weſen, eine Superiorirät in der Tochter über ihren vermeintlichen Vater. Sie waren Geſchöpfe von ver⸗ ſchiedenem Stoffe.
„Es iſt gerade, als ob irgend ein ungeſchickt gemachter Krug von Delfter Steingut Anſpruch darauf erheben wollte, aus demſelben Stoffe angefertigt zu ſein, wie Juſtina's Thee⸗ Serviece von chineſiſchem Porzellan,“ ſagte Maurice zu ſich ſelbſt.
Er erinnerte ſich, wie zurückhaltend Mr. Elgood immer in Bezug auf die Vergangenheit geweſen— wie das Wenige, das er erzählt, nur zögernd gegeben war, wie es ihm mit
Fragen völlig abgepreßt werden mußte. Er erinnerte ſich Mr. Elgood's Verwirrung, als Maurice zuerſt von Borcel⸗End geſprochen.
„Und doch möchte ich trotz Allem noch ſagen, daß meine Idee grundlos ſei,“ ſagte er zu ſich ſelber, als er ſein Taſchen⸗ buch ſchloß,„und daß die Umſtände, welche einen ſo ſtarken Eindruck auf mich gemacht, auch in einer ganz anderen Weiſe erklärt werden könnten. Das Wanderleben eines Provinzial⸗ ſchauſpielers kann ihn in jeden Winkel der Erde bringen, und der Name Juſtina kann von Mrs. Elgood aus irgend einem Roman gewählt worden ſein. Aber da ich verſprach, mein Aeußerſtes zu thun, um Muriel Trevanard zu ihrem Rechte zu verhelfen, ſo bin ich auch genöthigt, dieſer Sache ganz auf den Grund zu kommen. Und warum ſoll ich nicht dem Stammbaume des Mädchens nachforſchen, das ich als Gattin zu gewinnen hoffe? Das Schlimmſte wie das Beſte, das ich entdecken kann, wird auf meine treue Liebe keinen nachtheiligen Einfluß üben.“
Drei oder vier Tage nach dem Begräbniſſe widmete Mau⸗ rice vollſtändig der Freundſchaft und brachte ſeine Zeit damit zu, mit Martin auf der Farm umherzuwandern, zu philoſophiren, ihn zu tröſten, hoffnungsvoll von der Zeit zu ſprechen, wo der junge Mann nach London kommen und ſich irgend eine Laufbahn erwählen würde. Aber die letzten zwei Tage ſeines Verbleibens in Cornwall hatte Mr. Cliſſold zu ſeinen eigenen Geſchäften beſtimmt, einen Tag dazu, das Herrenhaus Penwyn zu beſuchen, um dort Lebewohl zu ſagen, und einen Tag für Seacomb, wo er gewiſſe Nachforſchungen und Nach⸗ ſuchungen anzuſtellen hatte. Er hatte den Plan, Borcel⸗Eno am Morgen nach ſeinem Beſuche im Herrenhauſe zu verlaſſen und die folgende Nacht in einem Hotel zu Seacomb zuzubringen. So konnte er einen ganzen Tag und einen Abend in der melancholiſchen Stadt verweilen.
Er hatte Mrs. Penwyn geſchrieben und ihre freundliche Einladung dankbar anerkannt, aber erklärt, daß ſeine Freund⸗ ſchaft für Martin ihn nöthige, ihre Gaſtfreundſchaft abzulehnen. Aber im Innerſten ſeines Herzens war ein anderer Grund vorhanden, warum er ſich nicht darum kümmerte, im Herren⸗ hauſe zu bleiben und ſeine Intimität mit Churchill Penwyn wachſen zu laſſen. Juſtina hatte ihm ihre Antipathie gegen dieſen Mann ausgedrückt, und Maurice fühlte, daß es in gewiſſer Weiſe verrätheriſch gegen ſie wäre, die Freundſchaft eines Mannes zu kultiviren, der ihr mißfiel. Die Liebe, dieſer große Wahnſinn, iſt eine Miſchung von kleinen Thorheiten.
Die Höflichkeit erforderte indeß, daß er der Familie Pen⸗ wyn einen Abſchiedsbeſuch mache, ehe er Cornwall verließ, und er hatte auch eine gewiſſe Neugier, wieder einmal in dieſen Haushalt zu blicken— ein etwas kränkliches Intereſſe vielleicht, mit dem Juſtina's unbeſtimmter Verdacht doch Einiges zu thun hatte, ſo fern dieſer andererſeits ſeinen Ge⸗ danken ſtand.
Die Veränderung an Madge Penwyn— kaum zu be⸗ ſchreiben, aber ſeinem Auge doch ſehr bemerklich— hatte ihn nicht wenig verwirrt. War es möglich, daß in dem Gatten und der Gattin, die einander noch vor Kurzem ſo ſehr er⸗ geben waren, eine Veränderung ihrer Gefühle vorgegangen war? War es möglich, daß Eines oder das Andere auf den ſonnenlichten Pfad der Liebe zurückgeblickt und bemerkt hatte, daß die Roſen in dem Garten ihres Lebens welkten? Maurice


