Wetterfahne zeigte hartnäckig nach Nord⸗Oſt.
bleme der Verfalls
Concordia. 483
konnte nicht einen Augenblick daran glauben, daß Madge Penwyn's Liebe für ihren Gatten oder Churchill's Ergebenheit gegen ſie ſich verringert. Er hatte zu oft den Blick des Ver⸗ trauens und der Sympathie bemerkt, den die Beiden mit⸗ einander während der geſchäftigen Stunden des Tages, inmitten eines freundlichen Kreiſes wechſelten. Aber auf Madge's Seite war dieſer Blick ſo pathetiſch geweſen, wie voll Liebe mit Mitleid gemiſcht— und manchmal ein Zlick voll der tiefſten Melancholie. Dies war in ſeinem Gedächtniſſe geblieben und beeinflußte ſeine Gedanken an Churchill Penwyn und ſeine Gattin.
Es war irgend ein Häkchen da, eine Diſſonanz in der Harmonie ihres Lebens; aber worin die falſchen Noten be⸗ ſtanden, das war ſchwer zu entdecken, auch ſogar für einen Mann, der das Weſen der Menſchheit zu ſeinem Studium gemacht. Kein Leben konnte äußerlich vollkommener erſcheinen. Churchill's Poſition ſchien eine vollſtändig beneidenswerthe. Sein Reichthum genügte, um ihm alle Freuden des Lebens zu verſchaffen; ſein Grundbeſitz war groß genug, um ihm Gewicht zu geben in ſeiner Nachbarſchaft, ſeine parlamentari⸗ ſchen Erfolge konnten ſeinem Ehrgeize genügen; die ſchönſte Gattin, die ein Mann ſich wünſchen konnte, ſchmückte ſein Haus. Und dennoch gab es Schatten in den Geſichtern von Mann und Frau, die einen geheimen Kummer anzeigten.
„Kann irgend ein Grund für Juſtina's Verdacht da ſein?“ fragte ſich Maurice.„Und iſt ein reines Gewiſſen das Eine, was Churchill Penwyn vermißt in all' ſeinem Glücke?“
14. Kapitel. „Es iſt im Meiche keine Sicherheit für mich!“
Es war ein trüber Herbſt⸗Nachmittag, als Maurice ſeine Abſchiedsviſite im Herrenhauſe machte. Der herrliche Sommer, welcher mit all' ſeiner Hitze und Pracht bis zu Ende Auguſt gedauert und ſich auch über den September ausgedehnt, war auf einmal verſchwunden, und hatte einem trüben, frühen Herbſte Platz gemacht. Stürmiſche Winde bei Nacht und düſteres Wolkengrau waren vorherrſchend; in den Zeitungs⸗ ſpalten ſpielten Nachrichten von Unglücksfällen zur See eine traurige Rolle— zur Beruhigung der Herausgeber, die es ſonſt nöthig gehabt haben würden, ihre Zuflucht wieder einmal zur Seeſchlange oder zu einer Eidechſe mit zwei Schwänzen zu nehmen.
Auch das Herrenhaus gewährte unter dieſem bleiernen Himmel einen düſteren Anblick. Zwar liehen noch Pyramiden von rothblühendem Geranium, Rondeaux, mit verſchieden⸗ farbigen Dahlien beſetzt, der Szene einiges Relief, aber der Mangel des Sonnenlichtes machte doch Alles unzulänglich zur Heiterkeit. Die Sonne iſt nun einmal die Hauptquelle von Allem, was das Leben froh pulſiren läßt. Die vergoldete Die Gärtner und Gehilfen hatten vergebens ſich bemüht, die Pfade und Raſenplätze von den abgeſtorbenen Baumblättern zu reinigen. Jeder Windſtoß brachte neue Schauer von ihnen herab, Em⸗ und des Todes. Maurice Cliſſold, empfindlich, wie es ein Dichter immer ſein muß gegen äußere Einflüſſe, fühlte ſich gedrückt durch dieſen veränderten Anblick des Ortes.
Innen jedoch war Alles Luſt und Heiterkeit. In der
Halle befand ſich die gewöhnliche Familiengruppe, und im an⸗ tiken Kamine hier brannte ein mächtiges Holzfeuer. Die Billardſpieler waren an ihrer Arbeit. Eine Geſellſchaft junger Damen ſpielte eine Beſetzpartie unter der Leitung von Mr. Treſillian, der in weiblichen Kreiſen, wo es gerade nicht auf beſondere intellektuelle Kräfte ankam, ſehr beliebt war.
Lady Cheshunt befand ſich auf ihrem Lieblingsſitze am Kaminfeuer— ihr Teint wurde dabei durch eine Tapetenwand geſchützt— ſie war in einen franzöſiſchen Roman vertieft, deſſen ſittliche Tendenz von den kritiſchen Journalen verrathen worden war. Viola war an einem Fenſter mit einer Spitzen⸗ arbeit beſchäftigt und hörte dabei mit etwas achtloſer Miene auf den zu ihr ſprechenden Sir Lewis Dallas. Weder Madge noch ihr Gatte waren gegennärtig.
Lady Cheshunt ſchloß ihren Roman mit einem ſchwachen Seufzer, indem ſie einen Finger zwiſchen den Seiten ließ. Mr. CEliſſold war für ſie nicht ſo intereſſant, wie der letzte und ſchlechteſte der franzöſiſcheu Romanciers; aber ſie fühlte ſich verpflichtet, gegen ihn höflich zu ſein.
„Wie befindet ſich Mrs. Penwyn?“ fragte er dieſe aus⸗ gezeichnete Dame, nachdem er ihr ſeine Komplimente gemacht und ſich bezüglich ihrer eigenen Geſundheit Informationen ein⸗ geholt hatte.
„Das arme Kind iſt nicht ſehr wohl,“ erwiderte die Lady. „Der Oſtwind quält ſie, denke ich. Ich glaube wahrhaftig nicht, daß wir für eine Welt geſchaffen ſind, in welcher der Wind fortwährend von Oſten kommt. An einem ſolchen Tage, wie dieſer, wünſche ich mich immer in die heiße Zone, in das Centrum von Afrika, kurz irgendwo, wo man die Sonne fühlen kann. Ich habe mich ſchon oft gewundert, warum der liebe Gott nicht zwei Sonnen für unſere Erde erſchaffen, eine für die Erwärmung des Nordens und eine für den Süden, denn wie die Dinge ſtehen, läßt ſich dem Spätherbſte und Winter wenig Gutes nachſagen. Es iſt entſetzlich, auf dieſen grauen Himmel und dieſe fallenden Baumblätter zu ſehen. Es iſt ſo ſchlimm, als wie Young's„Nachtgedanken“ zu leſen oder in einem Landhauſe bei frommen Leuten zu wohnen, die Einen an einem regneriſchen Sonntags⸗Nachmittag zwingen, eine von Blair's Predigten laut vorzuleſen.“
„Ich hoffe, es iſt nichts Ernſtes,“ ſagte Maurice, indem er das Unwohlſein von Mrs. Penwyn meinte.
„O nein, mein Wertheſter, nicht im Geringſten. Sie iſt nur ein wenig ermüdet und hat den Morgen mit ihrem Knäb⸗ chen in ihrem eigenen Zimmer zugebracht. Ich glaube, daß ſie jetzt bald herabkommt. Ich denke, ſie hat in der letzten Saiſon zu viel gearbeitet, allen Leuten Diners gegeben, die Mr. Penwyn an ſich zu ziehen wünſchte, und iſt überall hin⸗ gegangen, wo er es wollte. Sie wäre eine bewunderungs⸗ würdige Gemahlin für einen Kabinets⸗Miniſter, ich ſagte es ihr ſchon, weil ſie ſo hingebend und voll Selbſtaufopferung iſt; und ich ſetze voraus, daß Mr. Penwyn, wenn er in ſeinem politiſchen Eifer ſo fortfährt, früher oder ſpäter in das Kabinet treten wird. Ein ganz wunderbarer Mann— ſo ernſt und zurückhaltend— ein Mann, von dem ich denken möchte, daß er niemals in ſeinem Leben eine Minute nutzlos ver⸗ ſchwendete.“
In dieſem Moment trat Madge ein, ein wenig bläſſer, als früher, aber trotzdem ſehr ſchön. Ihr in reichen Wellen dahinfließendes graues Seidenkleid mit brältenn. Güriel und


