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Concordia.
Spitzen unß Franſei vom ſaftigſten Violett ſtand ihr wunder⸗ bar. Sie trug kein Juwel, keinen Schmuck, als einen einzigen Amethyſtknopf, der ihren Halskragen von gewöhnlichem Linnen zuſammenhielt, und einen Diamantring neben ihrem Trau⸗ ring. Das überreiche ſchwarze Haar bildete nach der Mode eine förmliche Krone um ihr Haupt. Wie ſie heute vor Mau⸗ rice ſtand, in dem ſanften grauen Tageslichte, wäre ſie ein Frauenbild, geeignet zum Modell für einen neuen Velasquez geweſen.
„Ich bin ſo bekümmert, zu hören, daß ſie krank geweſen,“ ſagte er, als ſie ſich die Hände reichten.
„Sie müſſen aber nicht bekümmert ſein, denn ich war nicht wirklich krank. Ich war ein wenig ermüdet, vielleicht ein wenig träge, und ich wünſchte, einen Morgen allein zu ſein mit meinem Inngen. Was haben Sie mit Churchill ge⸗ than, Lady Cheshunt?“ endete ſie, indem ſie einen beſorgten Blick durch das Zimmer warf— das für ſie leer war, ſobald dieſer Eine fehlte.
„Was ich mit ihm gethan habe?“ rief die Wittwe.„Setzen Sie voraus, Ihr Gatte ſei ein Mann, der durch Zauberkünſte, wie die meinen, zurückgehalten werden könnte? Ich würde ebenſo bald erwarten, Brutus oder Caſſius, oder irgend eine der fürchterlichen Shakeſpeare'ſche Perſonen in der Toga zahme Kätzchen ſpielen zu ſehen. Ich verlangte von Ihrem Gatten, daß er uns laut vorleſe, im Gedanken, dies möchte ihm ge⸗ fallen— die meiſten Männer ſind ſtolz auf ihre gute Aus⸗ ſprache— aber Sie hätten ſeinen Blick ſtiller Verachtung ſehen ſollen.„Ich bedauere, daß ich zu ſehr beſchäftigt bin, um mir das Vergnügen zu erlauben, Sie zu amüſiren,“ ſagte er, und dann ging er, um eine neue Anpflanzung norwegiſcher Fichten zu beſichtigen. Wunderbarer Mann!“
„Mr. Cliſſold, Sie ſind natürlich gekommen, um den Reſt des Tages bei uns zuzubringen?“ ſagte Madge in der an⸗ genehmen, herzlichen Weiſe, die einer ihrer Reize war, und in keiner Weiſe außer Harmonie mit ihrer etwas königlichen Haltung. Was iſt auch entzückender als eine ſtolze Schönheit, wenn ſie zu gefallen wünſcht?
„Ich werde nur zu glücklich ſein, wenn ich es darf! Ich reſervirte mir dieſen Tag für den Beſuch hier. Es iſt mein letzter Tag, einen ausgenommen, den ich im Weſten zuhinge
„Das bedauere ich,“ ſagte Madge.„Aber wenn wir Sie nur für eine ſo kurze Zeit haben, müſſen wir unſer Beſtes thun, Sie zu amüſiren. Vielleicht,“ ſetzte ſie hinzu, als ob ihr das plötzlich in den Sinn käme,„würde es Ihnen ge⸗ fallen, Churchillss neue Anpflanzung zu beſichtigen. Wir könnten zu ihm fahren.“
Maurice begriff das Verlangen der Gattin, ihrem Manne nahe zu ſein; es war ein neuer Beweis ihrer Liebe, in deren Innigkeit ſich ein gewiſſes pathetiſches Element vorfand.
„Es wäre mir vor Allem zumeiſt erwünſcht,“ antwortete er.
„Clara— Laura, welche von Euch will eine S mitmachen?“ fragte Madge, gegen die Billardſpielerinnen ge⸗ wendet.„Ich weiß, es wäre fruchtlos, Sie dazu einzuladen, theure Lady Cheshunt.“
„Meine Liebe, ich würde ebenſo gern zum Vergnügen in einem Schlitten über die Newa fahren. Ich rühre mich nicht von meinem Platze am Kaminfeuer, wenn wir Oſtwind haben, außer um zum Diner zu gehen. Abgeſehen von der Un⸗
* Spazierfahrt
annehmlichkeit, ſehe ich nicht ein, warum man ſich durch dieſes rauhe Wetter den Teint verderben ſoll.“
Die Billardſpielerinnen waren zu tief intereſſirt für den Ausgang der Partie, um dieſe verlaſſen zu wollen, außer wenn Mrs. Penwyn es ausdrücklich wünſche.
„Laß mich mitkommen, Madge,“ ſagte Viola,„und laß uns den kleinen Nugent mitnehmen. Sie haben wohl nichts dagegen, nicht wahr, Mr. Cliſſold?“
„Denken Sie, ich ſei ein ſolcher Barbar, um etwas gegen die Geſellſchaft dieſes kleinen Weſens einzuwenden?“ fragte Maurice.„Er ſoll auf meinen Knieen ſitzen und mich am Barte zupfen, ſo viel es ihm beliebt.“
Sir Lewis Dallas fragte, ob es ihm erlaubt ſei, ſich an⸗ zuſchließen, und ſo war die kleine Geſellſchaft geordnet, und Mrs. Penwyn und ihre Schweſter zoögen ſich zurück, um ihre Hüte aufzuſetzen.
„Sie ſieht nicht wohl aus,“ ſagte Maurice.
„Nein, ſie iſt es auch nicht,“ antwortete Lady Cheshunt mit mehr Ernſt, als er dieſer etwas frivolen Dame ſonſt zu eigen war.„Sie iſt ſeit der Geſchichte mit dem Einbruche nie wieder wie früher geweſen.“
„Dann wurde ſie wohl dadurch ſehr beunruhigt?“
„Nun, ſie wußte nichts von dem Verſuche, bis Alles vor⸗ über war; aber ich glaube, die nachher folgende Unruhe und Aufregung war zu viel für ſie. Es zeigte ſich, daß der Mann ein Sohn der Parkthor⸗Hüterin war, und die Frau kam jammernd zu Mrs. Penwyn, daß man ihn leichten Kaufes loslaſſen möge; und Madge, die das zärtlichſte Herz in der Welt hat, überredete Churchill, ſeinen Einfluß auf den gut⸗ müthigen Mr. Treſillian zu gebrauchen, den er um den Finger wickeln kann“— die letzten Worte flüſterte ſie—„und der Mann kam los. Es war dies beſonders gütig von Mrs. Penwyn, denn ich weiß, daß ſie die Thorhüterin doch im Herzen verabſcheut.“
„Wirklich?“ ſac Manrice, Unwiſſenheit affektirend.„Dann wundere ich mich, daß Mr. Penwyn ſie noch auf ſeinem Gute behält, nachdem er weiß, daß ihr Sohn ein ſo gefährlicher Menſch iſt.“
„Ja, das iſt eine der Ungereimtheiten, die Männer be⸗ gehen, blos um zu zeigen, daß ſie ihren eigenen Willen haben. Ich ſelbſt habe mit Mr. Penwyn ſchon oftmals davon ge⸗ ſprochen.„Warum quälen Sie Ihre arme Gattin damit, daß Sie dieſes s abſcheuliche Geſchöpf hier behalten?“ So fragte ich ihn.„Setzen Sie doch voraus, Lady Cheshunt,“ antwortete er,„ich wiſſe, daß dieſes abſcheuliche Geſchöpf Schutz und Obdach verdiene. Wäre es nicht unmännlich von mir, ſie einem thörichten Vorurtheile von Madge aufzuopfern?“ So hörten Madge und ich auf, von dem Geſchöpfe zu ſprechen; aber ich muß ſagen, daß es mir immer ein unangenehmes Gefühl verurſacht, wenn ich die Alte, wie eine Kröte, auf ihrer Schwelle im Sonnenſcheine kauern ſehe.“
„Vielleicht könnte ich Mr. Penwyn etwas über das Vor⸗ leben ſeines Schützlings ſagen, das ſeine Meinung über ſie ändern würde.“
„Dann bitte ich, thun Sie es. Aber iſt es etwas ſehr Fürchterliches? Ein Mord, oder ſo etwas dergleichen?“ fragte Lady Cheshunt mit einem ſcheuen Blick.„Sie haben mir ein Gefühl verurſacht, als ob uns Allen die Kehlen abgeſchnitten werden ſollten.“
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