Jahrgang 
2 (1879)
Seite
485
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Es iſt nichts ſehr Fürchterliches. Vielleicht kaum genug, um eine Aenderung in Mr. Penwyn's Meinung zu bewirken. Ich erinnere mich, daß dieſes Weib als wahrſagende Zigeunerin zu Eborsham erſchien, den Tag zuvor, ehe mein armer Freund James Penwyn ermordet wurde. Sie ſagte in ihrer Weiſe natürlich durch bloßen Zufall James' frühzeitigen Tod voraus.

Himmel! Das iſt ja ganz außerordentlich! Und Sie finden ſie zwei Jahre ſpäter in Churchill Penwyn's Dienſt. Das iſt ſehr ſeltſam.

Im Strudel der Zeit kommen viele ſeltſame Dinge vor, Lady Cheshunt. Aber hier ſind die Ladies.

Sie gingen an die Vorhalle, wo ein Wagen auf ſie wartete mit einem Paar ſchöner brauner Pferde, die ungeduldig waren, fortzujagen. Es war kein einladender Tag für Ausflüge in's Freie, ſondern einer jener trüben Nachmittage, die eine gewiſſe Art von Poeſie haben und eine eigene Stimmung erwecken. Das ausgedehnte Moorland ſtach düſter ab von dem grauen Himmel, und machte dennoch einen ſchönen Eindruck.

Sie verlängerten ihre Fahrt, machten einen Umweg und kamen endlich zu der neuen Anpflanzung, wo Churchill die Arbeiter beaufſichtigte, auf ſeinem LieblingspferdeTarpan ſitzend, einem Thiere, das ſich in letzter Zeit für Jeden, aus⸗ genommen für ſeinen Herrn, unlenkbar erwieſen. Churchill aber ſchien eine ganz beſondere Neigung für das eigenwillige, launiſche Roß zu haben, obgleich er es nicht oft ritt, mit Rückſicht auf die Befürchtungen ſeiner Gattin.

Meine Theure, mich wirdTarpan niemals abwerfen, ſagte Churchill auf eine Bitte ſeines Weibes, über dieſes Pferd anderweitig zu verfügen.Wäre ich davon nicht durchaus überzeugt, würde ich von ihm ſcheiden. Das Thier verſteht mich, und ich verſtehe es, was keiner von den Reitknechten kann. Und ich liebe ſeinen Gang und ſeine Bewegung mehr, als die irgend eines anderen Pferdes in unſerem Stalle. Nichts belebt mich ſo, wie ein Galopp aufTarpan.

Es war wunderbar, den Einfluß von Madge Penwyn's Gegenwart auf ihren Gatten zu ſehen, wie Maurice ihn ſah an dieſem Tage. Die finſtere Stirn verlor ihre nachdenkliche Düſterheit, das gedankenvolle Auge erheiterte ſich, während er mit ſanftem Händedruck und einem zärtlichen Geflüſter ſeine Gattin bewillkommnete.

Das iſt ein unerwartetes Vergnügen, Madge, ſagte er. Ich dachte nicht, daß Du heute ausfahren würdeſt.

Ich wünſchte Mr. Cliſſold Deine neue Anpflanzung zu zeigen, Churchill.

Sie ſtiegen Alle ab, und Churchill zeigte ihnen ſeinen neu⸗ gepflanzten Hain, aus den anmuthigen norwegiſchen Setzlingen beſtehend, die eigens ein Schiff für ihn aus Norwegen ge⸗ bracht, und zwiſchen welche Rhododendrons und hier und da eine Berg⸗Eſche oder eine Buche gepflanzt waren, um Ab⸗ wechſelung in der Farbe zu geben.

Während Maurice und Churchill, Seite an Seite, durch die Anpflanzung ſchritten, ergriff der Erſtere die Gelegenheit, von dem Zigeunerweibe zu ſprechen, deren Anweſenheit auf dem Gute Penwyn ihm ſo ſonderbar erſchien. Es war viel⸗ leicht Rückſichtsloſigkeit von ihm, ſich in Mr. Penwyn's häus⸗ liche Einrichtungen zu mengen, aber Maurice fühlte, daß Umſtände da waren, welche einen Bruch der Sitte vollſtändig rechtfertigten.

Concordia.

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e einer Perſon gemacht habe, welche ſich in Ihren Dienſten be⸗ findet, Mr

In der That? Bitte, wer und was iſt dieſe Perſon? fragte Churchill mit ſo wenig als möglich Veränderung in ſeinem Benehmen.

Ihre Parkthor⸗Hüterin, entgegnete Maurice; und dann fuhr er fort, die Umſtände ſeines erſten Zuſammentreffens mit Rebekka Maſſon zu berichten.

Seltſam, ſagte Mr. Penwyn ſorglos,aber ich habe ſeit Langem entdeckt, daß es im Leben allerlei wunderliche Zufälle giebt, und ich verlor die Fähigkeit, über irgend etwas zu erſtaunen. So groß die Zahl der Bewohner dieſes Erd⸗ balls iſt, ſcheinen wir uns doch beſtändig in Kreiſen zu bewegen und ſtoßen mit den Köpfen gegen Einen oder den Anderen, der uns ſchon in unſerem vergangenen Leben be⸗ gegnete. Wenn ich vor zwanzig Jahren irgend einem Manne in Otaheiti Unrecht gethan hätte, würde es mich gar nicht überraſchen, etwa morgen auf der Getreidebörſe in Seacomb mit ihm zuſammenzutreffen. Was dieſe Frau Maſſon betrifft, fand ich ſie in äußerſt elenden Verhältniſſen, und bot ihr eine Heimſtätte an. Es war eine der ſeltenen Gelegenheiten, bei denen ich mir den Luxus geſtattete, etwas Gutes zu thun, ſetzte er mit ironiſchem Lachen hinzu.Als ich dies that, wußte ich, daß Rebekka Zigeunerblut in ihren Adern habe und ein herumziehendes Leben geführt. Aber ich hatte damals doch Grund, ſie für eine ehrliche Frau zu halten, und ich habe niemals irgend eine Urſache gefunden, anders über ſie zu denken, und da dies ſo iſt, beſchloß ich, ſie zu behalten, trotz des gemeinen Vorurtheils gegen ihre braune Haut ja trotzdem ſie auch das Mißfallen meiner Gattin erregte.

Werden Sie nicht durch den Gedanken beunruhigt, daß ſie mit einem Einbrecher ſo nahe verwandt iſt?

Nein. Zuerſt und vor Allem bin ich nicht berechtigt, zuzulaſſen, daß der Mann ein Einbrecher iſt; und zweitens, wenn er es wäre, bin ich wohl fähig, das Herrenhaus gegen ihn und gegen jedes andere Mitglied einer ſolchen Profeſſion zu vertheidigen.

Ausgenommen, wenn er die Wohnung ſeiner Mutter und deren Kenntniß von Ihren häuslichen Einrichtungen als eine Baſis für ſeine Unternehmungen benützte, entgegnete Maurice in der Abſicht, die Frage vollſtändig zu erſchöpfen.

Ich habe Ihnen geſagt, daß ich weiß, Rebekka ſei eine ehrliche Frau, was auch ihr Sohn ſein mag. Kommen Sie, Mr. Cliſſold, wir dürfen dieſes Thema wohl fallen laſſen. Sie werden mich wahrſcheinlich nicht beeinfluſſen in einem Punkte, welchen ich ſogar gegen den Wunſch meines Weibes aufrecht erhielt..

So ſei es, ſagte Maurice, die Erörterung mit der Ueber⸗ zeugung ſchließend, daß zwiſchen der Zigeunerin und dem Herrn von Penwyn irgend ein heinliches Bindeglied beſtehen müſſe, ein Einfluß, ſtärker als Menſchenfreundlichkeit, welcher der ſonſt unſtäten Wanderin eine Heimat geſichert. Die Ueberzeugung, daß es ſo ſein müſſe, daß irgend eine geheime Beziehung beſtehen müſſe zwiſchen dem Weibe, das James Penwyn's Tod vorhergeſagt, und dem Manne, der ſo viel durch dieſen frühzeitigen Tod gewonnen, machte einen ſelt⸗ ſamen Eindruck auf ihn. Er war nachdenklich und ſchweigſam