Jahrgang 
2 (1879)
Seite
486
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während der Nachhauſefahrt, ſo nachdenklich und ſo ſchweigſam, daß er dadurch Madge Penwyn's Neugierde erregte.

Ich kann Ihnen kaum das Kompliment machen, daß Sie ein ſehr unterhaltender Geſellſchafter ſeien, Mr. Cliſſold, ſagte ſie mit einem erzwungenen Lächeln, als ſie ſich dem Herrenhauſe näherten.Es gab eine Zeit, in der Ihre Unter⸗ haltung amüſant genug zu ſein pflegte, um die langweiligſte Fahrt zu beleben, aber heute ſind Sie ein wahres Abbild der Melancholie.

Schwarze Sorge ſitzt hinter uns Allen zu gewiſſen Zeiten, Mrs. Penwyn, antwortete er ernſt.Seien Sie verſichert, daß ich eine Urſache zu ernſtem Denken haben muß, wenn der Zauber Ihrer Gegenwart mich nicht erheitert.

Meinen Dank für das Kompliment; aber Sie ſprechen wie ein Orakel, erwiderte Madge leichthin, aber mit einem unruhigen Blick, welcher Maurice's Beobachtung nicht entging.

Es hängt eine Wolke über dieſem Hauſe, ſagte er zu ſich ſelbſt,eine Sorge, welche Gatte und Gattin theilen. Aber es kann kein ſo finſteres Geheimniß ſein, wie Juſtina's Verdacht es andeutet, oder Mrs. Penwyn kann nichts davon wiſſen. Kein Gatte würde eine ſolche Schuld, wie dieſe, ſeinem Weibe enthüllen.

15. Kapitel. Es dämmerte bisher nach jeder Macht!

Das Diner zu Penwyn ging heiter genug vor ſich. Lady Cheshunt, durch verſchiedene leichte Weine begeiſtert, wie durch den Maraschino im Eis⸗Pudding, und ein hierauf als Linder⸗ ungsmittel genommenes Glas Curaçao, war fröhlich im Uebermaße und ſprach laut und raſch, wie auch rückſichtslos genug, um die trübſeligſte Tiſchgeſellſchaft zu erheitern.

Mr. Penwyn war ſtets ein ausgezeichneter Wirth, der mit bewundernswerthem Takte immer friſche Gegenſtände für die Unterhaltung brachte ohne den Löwenantheil am Geſpräche für ſich zu nehmen und in Monologe zu verfallen; er hörte Jeden an ermuthigte die Scheuen unterſtützte die Schwachen und erwies ſich als eine lebendige Encyklopädie, wenn irgendwelche Daten, Namen oder Thatſachen gebraucht wurden.

Die Herren verließen das Speiſezimmer etwa zehn Minu⸗ ten ſpäter, nachdem die Damen es verlaſſen, zum Vergnügen von Sir Lewis Dallas und zum geheimen Verdruſſe von Mr. Treſillian, der es liebte, eine Stunde oder länger beim Weine von ſeinen Pferden und Hunden zu ſprechen.

Da die Geſellſchaft blos aus den Gäſten eines Haushaltes beſtand, zerſtreuten ſich die Theilnehmer in freier und ruhiger Weiſe durch die Zimmer, die elfenbeinernen Billardbälle klirrten in der Halle und im Billardzimmer, wie gewöhnlich, und eine Gruppe von jungen Damen verſuchte am Piano

eine reizvolle Piéèce von Schumann, deren Ausführung keine.

geringe Geſchicklichkeit erforderte.

Maurice befand ſich in einer Fenſtervertiefung der Halle und ſprach über Literatur mit Miß Bellingham, die ſeine Geſellſchaft augenſcheinlich der des ihr tief ergebenen Sir Lewis vorzog.

Eine gute Gelegenheit, ein wenig mehr über George Penwyn auszufinden, dachte Maurice.Miß Bellingham muß mit allen Traditionen des Hauſcs vertraut ſein. Wenn

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ich nur entdecken könnte, was für ein Mann dieſer Kapitän Penwyn war, ich würde eher zu einem Schluſſe über ſeine Beziehungen zu Muriel Trevanard kommen.

Ein wenig ſpäter, als ſie von Bibliotheken und Bücher⸗ ſammlungen ſprachen, ſagte Viola:Ich denke kaum, daß es fünfzig Bücher zu Penwyn gab, als mein Schwager in deſſen Beſitz gelangte. Die hieſige Bibliothek iſt vollſtändig von Churchill geſammelt. Der alte Squire und ſeine Vor⸗ gänger müſſen einen ſeltſamen Mangel an literariſchem Geſchmack gehabt haben. Auch von den wenigen Büchern, die hier waren, hatten die meiſten dem Kapitän Penwyn gehört, dem armen jungen Manne, der in Kanada getödtet wurde.

Ach, der arme Menſch! Ich hörte von ſeinem traurigen Schickſale durch die Haushälterin hier, als ich im letzten Sommer hierher kam, um das Herrenhaus zu ſehen. Ein tragiſches Ende, wie das ſeine, gewährt ein melancholiſches Intereſſe an der Geſchichte eines Mannes, wie gewöhnlich ſie in anderer Hinſicht ſein mag. Ich ſetze voraus, Sie hörten wohl viel plaudern über dieſen George Penwyn?

Ja, unſere alte Haushälterin liebt es, von ihm zu ſprechen. Er ſcheint ein Liebling des Volkes geweſen zu ſein, beſonders der Hüttenbewohner und der kleinen Pächter. Es geſchah öfter, daß ich alte Leute es bedauern hörte, daß er niemals in den Beſitz des Gutes kam; ſie thaten es in meiner Gegenwart, ob⸗ gleich ſolche Reden kaum höflich ſind für meinen Schwager. Ich weiß, daß wir von manchen dieſer Leute als Eindringlinge betrachtet werden, und zwar wegen Kapitän Penwyn. Er ſcheint Allen nur beſtändig Freundlichkeiten erwieſen zu haben.

Und hörten Sie niemals etwas gegen ſeinen Charakter, daß er liederlich war, wild, wie die Welt es nennt?

Niemals ein ſolches Wort. Im Gegentheil, Mrs. Darvis hat mir oft erzählt, daß er einen beſonders ſtetigen Charakter gehabt daß man niemals hörte, er habe zu viel Wein ge⸗ trunken, oder irgend etwas der Art. Sie ſpricht in der That von ihm als von einem Muſter.

Ah, dachte Maurice,dieſe Muſtermenſchen ſind zuweilen im Grunde ihres Herzens ruchloſer, als ein offenkundiger Böſewicht.

Ich habe eine innere Ueberzeugung, daß Kapitän Penwyn ein ſehr wackerer Mann geweſen ſein muß, ſagte Viola.

Worauf iſt dieſe Ueberzeugung gegründet?

Auf verſchiedene Gründe. Zuerſt ſind die Lobeserheb⸗ ungen des Volkes da, die keine Schmeicheleien ſein können, weil dadurch, daß man gut ſpricht von dem Todten, nichts zu ge⸗ winnen iſt. Ferner ſind die Bücher George Penwyn's da, mit ſeinem Namen in allen, und es ſind durchgehends Bücher, deren Auswahl auf einen Mann von gutem Geſchmack, von Bildung und Gefühl deutet. Drittens iſt ſein Porträt da, und ich liebe ſein Geſicht. Denken Sie nicht, daß dieſe Gründe ſtark genug ſeien?

Gewiß, für eine Frau! Sein Porträt! ah, nebenbei geſagt, würde ich wohl gern einen Blick darauf thun.

Dann kommen Sie, und betrachten Sie es ſogleich, ant⸗ wortete Viola gutmüthig.Es iſt in dem kleinen Studir⸗ zimmer drüben in dem Zimmer des alten Squire. Die Bücher ſind auch dort.

Das Studirzimmer war ein kleiner Raum neben der Halle. Maurice erinnerte ſich deſſelben ſehr wohl, obgleich er nie wieder in daſſelbe eingetreten war, ſeit ihm bei ſeinem