Jahrgang 
2 (1879)
Seite
389
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Concordia.

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Kindes, deſſen Name aber nicht Juſtina war. Ich dachte, vielleicht ſei Juſtina ein angenommener Name und das zu Seacomb getaufte Kind wäre Miß Elgood, da ſonſt das Alter ſtimmte.

Nein, erwiderte Matthew haſtig.Das Kind war eine ältere Schweſter Juſtina's. Es ſtarb ſchon nach ſechs Wochen wieder.

Aber Vater, rief Juſtina,Ihr erzähltet mir niemals, daß Ihr zu Seacomb ein Kind verloren. Ich wußte auch nicht, daß ich jemals einen Bruder oder eine Schweſter hatte. Ich dachte, ich wäre Ihr einziges Kind!

Das einzige, welches ſeine Kindheit überlebte, meine Theure. Warum ſollte ich Dich mit der Erinnerung an die Sorgen der Vergangenheit beunruhigen?

War Ihre Gattin eine Frau aus Cornwall, Mr. El⸗ good? fragte Maurice.

Nein; ſie war im Gehörsbereiche der Glocken vom Bow geboren, die arme Seele. Sie hatte eine hübſche Stimme und ein wundervolles Ohr für Muſik, und man ſagte ihr, ſie würde auf der Bühne Erfolg haben. Ihre Heimat war trüb⸗ ſelig und arm, und ſie fühlte, daß ſie auf irgend eine Weiſe ihr Brot verdienen müſſe. So begann ſie auf einem kleinen Liebhaber⸗Theater nächſt Coldbath⸗Fields zu ſpielen; da ſie eine hübſche, heitere Art und Weiſe, ſich zu geben, hatte, wurde ſie anfangs viel bemerkt, und es wurde ihr ein Engagement für kleine Geſangspartien zu Sadler's Wells angeboten. Ich war damals Mitglied der daſelbſt engagirten Geſellſchaft; ihr hübſches kleines Geſicht und ihre heiteren Manieren verdrehten mir den Kopf, und ich ſagte mir ſelber, daß zwei Gagen, zu⸗ ſammengelegt, mehr ausmachen würden, als beide getheilt. Mir fiel nicht ein, daß es Direktoren geben könnte, die ſich uns gegenüber ſchwierig erweiſen würden, wenn wir verheiratet wären, oder daß, wenn zwei Leute keinen Gehalt verdienen, es für ſie härter iſt, zu leben, als für Eines. Nun, wir heirateten, und hatten nachher ein hartes Leben; aber ich war meiner armen Frau treu und zugethan bis zum letzten Augen⸗ blicke; ſelbſt als der Hunger uns in's Geſicht ſtarrte, waren wir nicht ganz unglücklich.

Juſtina ſieht ihrer Mutter ähnlich, denke ich, ſagte Maurice,da ſie Ihnen nicht gleich ſieht?

Nein, antwortete Matthew,mein Weib war ſehr hübſch, aber nicht in Juſtina's Weiſe.

Wie kam es, daß Sie auf den hier zu Lande ungewöhn⸗ lichen Namen Juſtina verfielen? Merken Sie wohl, der Name gefällt mir ſehr, aber er iſt in England meiſtens un⸗ gewöhnlich.

Mr. Elgood ſah verwirrt aus.

Ich glaube, es war der Wunſch meiner Gattin, ſagte er;aber genau kann ich mich wirklich nicht mehr an die Urſache erinnern.

Ich will Ihnen ſagen, warum ich dieſe Frage ſtelle, fuhr Maurice fort.Während ich in Cornwall war und mich auf einer Farm, Borcel⸗End genannt, aufhielt, kam ich auf dieſen Namen.

Der alte Schauſpieler ließ beinahe ſeine Theetaſſe fallen.

Borcel⸗End! rief er aus;Sie waren zu Borcel⸗End?

Ja. Es ſcheint, Sie kennen den Beſitz. Aber das iſt nicht ſeltſam, wenn Sie lange zu Seacomb lebten. Kannten

Sie die Trevanard's?

Nein, ich kannte nur die Farm, welche ein Freund einſt mir zeigte, als wir eine Fahrt über die Haide machten. Ein wunderlicher, abgelegener Platz! Was konnte Sie dahin ge⸗ führt haben?

Es war eine Art Abenteuer, antwortete Maurice, und dann ging er daran, ſeine Erfahrungen an einem Sommer⸗ Nachmittage zwiſchen den Hügeln von Cornwall zu berichten.

Er berührte nur leicht ſeinen Beſuch im Herrenhauſe zu Penwyn, da er wußte, daß dies für Juſtina ein peinlicher Gegenſtand ſein mußte. Aber ſie zeigte ein warmes Intereſſe für ſeine Geſchichte. 7

Sie ſahen ſein Haus? fragte ſie,das alte Herren⸗ haus, von dem er mir in jener Nacht zu Eborsham erzählte? O, wie ſieht dieſe Erinnerung einem Traume ähnlich! Ich würde das Haus ſo gern ſehen!

Sie ſollen es eines Tages ſehen, Juſtina, wenn wenn Sie mir erlauben, es ihnen zu zeigen, ſagte Maurice, etwas ſtrauchelnd über den letzten Theil des Satzes.Es iſt ſeltſam, daß Sie zweimal in Verbindung kamen mit dieſem entfernten Theil des Landes, einmal durch Ihre Geburt, ein zweites Mal durch die Ergebenheit des armen James Penwyn für Sie.

Es iſt ſehr ſeltſam, Sir, ſagte der Schauſpieler feier⸗ lich; dann fuhr er in deklamatoriſchem Tone fort:

Es giebt mehr Dinge zwiſchen Erd und Himmel, Als unſ're Weisheit träumt, Horatio!

Es war zu Borcel⸗End, wo ich den Namen Juſtina hörte, ſagte Maurice, auf den Gegenſtand zurückgehend, der ihn am meiſten intereſſirte.Es befindet ſich dort ein altes Bild, ein Porträt der Großmutter des jetzigen Beſitzers, deren Name Juſtina war.

Lebt die alte Großmutter noch? fragte Matthew plötzlich.

Was, die blinde alte Mrs. Trevanard? Sie lebt! Aber Sie ſagten ja, daß Sie die Trevanard's nicht kennen?

Nur dem Namen nach kenne ich ſie. Ich hörte die Leute von ihnen ſprechen. Ich glaube, es iſt eine etwas ſeltſame Familie.

In gewiſſen Beziehungen, ja, antwortete Maurice, be⸗ troffen von dem Benehmen des Schauſpielers. Es ſchien ihm, als gebe ſich derſelbe nur den Anſchein, die Familie zu Borcel⸗ End weniger zu kennen, als es wirklich der Fall war. Aber warum ſollte er einen ſo einfachen Umſtand, wie ſeine Be⸗ kanntſchaft mit den Trevanard's, verbergen?

Als Maurice und Juſtina am nächſten Tage für eine kurze Zeit allein waren, fragte das Mädchen ihren Gefährten über ſeinen Beſuch im Herrenhauſe zu Penwyn.

Ich wünſche, daß Sie mir das Herrenhaus beſchreiben, ſagte ſie.Ich kann nicht ohne Schmerz daran denken, aber ich liebe es doch, davon zu hören. Bitte, erzählen Sie mir Alles!

Maurice gehorchte und gab eine ausführliche Beſchreibung des ernſten alten Herrenhauſes, wie er es an jenem Sommer⸗ nachmittage geſehen.

Wie glücklich würde er da geweſen ſein! ſagte Juſtina. Wie heiter und ſchön wäre ſein junges Leben dahingefloſſen! Ich denke nicht an meinen eigenen Verluſt, ſagte ſie, wie in Beantwortung einer unausgeſprochenen Frage von Maurice. Ich vergaß niemals, was Sie an jenem Abende zu Ebors⸗ ham über ungleiche Heiraten ſagten, als Sie kamen, mich in