Jahrgang 
2 (1879)
Seite
390
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Concordia.

meinem Kummer fanden und mir gegenüber harte Wahrheiten ausſprachen. Ich fühlte nachher, daß Sie weiſer waren als ich, daß Alles, was Sie ſagten, gerecht und wahr geweſen. Ich

hätte niedrig und ſelbſtſüchtig denken müſſen, um von ſeinem

thörichten Impulſe ſofort Vortheil zu ziehen wenn ich der Laune eines Momentes die Farbe des Lebens gegeben hätte. Aber glauben Sie mir, als ich mir geſtattete, ihn zu lieben, dachte ich nicht an ſeinen weltlichen Reichthum. Es war ſeine heitere, freundliche Natur, die mich zu ihm zog. Niemand hatte jemals ſo wie er zu mir geſprochen. Es war vielleicht eine kindiſche Liebe, die ich für ihn hegte, aber es war trotz⸗ dem wahre Liebe.

Ich glaube das, Juſtina. Ich glaubte es, als ich Sie ſah, wenig mehr als ein Kind und ſo wahrhaft bekümmert über das Schickſal meines armen Freundes. Hätte ich Sie in jenen Tagen beſſer gekannt, ich würde ſeine Liebe nicht thöricht genannt haben. Wenn ich jetzt auf meine damalige Weisheit zurückſehe, glaube ich, daß ich mich einer größeren Thorheit ſchuldig machte, als James Penwyn durch ſeine unvernünftige Liebe.

Sie dürfen das nicht ſagen, entgegnete Juſtina ſanft; Alles, was Sie damals ausſprachen, war klug und weiſe. Und wenn die Vorſehung ihn aufgeſpart und er mich ge⸗ heiratet hätte, würde er ſich vielleicht einſt der Schauſpielerin als ſeines Weibes geſchämt haben.

Ich bezweifle es, Juſtina. Welcher Mann brauchte ſich Ihrer jemals zu ſchämen?

Ich weiß nicht es mag recht bös von mir ſein, ſagte Juſtina nach einem kurzen Schweigen,aber ich kann mir nicht helfen, jenen Leuten ihr Glück in ſeinem Hauſe zu mißgönnen. Es macht mich unwillig, wenn ich an dieſen ſeinen Couſin denke Mr. Churchill Penwyn der ſo viel gewann durch James Tod. Ich erinnere mich ſeines kalten, ruhigen Geſichtes, als ich ihn bei der Uuterſuchung ſah. Es lag kein Kummer in dieſem Antlitze.

Es konnte dies auch kaum vorausgeſetzt werden. Er und James hatten einander ſehr wenig geſehen, und James' Tod hob Churchill von der Armuth zu Reichthum empor.

Ja, ich kann niemals an ihn denken, ohne mich gerade dieſes Umſtandes zu erinnern. Er gewann ſehr viel. Der Mörder dachte mit ſeiner brutalen Gier nach Gewinn kaum, daß er einem anderen Manne zu Reichthum verhalf einem Manne, der in Bezug auf ſchlechte Wünſche ſeine Schuld gewiß theilte.

Sie haben kein Recht, das zu ſagen, Juſtina.

Es iſt vielleicht ungerecht, aber ich kann mich nicht mäßigen, wenn ich an die Ermordung von James Penwyn denke. Niemand dachte daran, nach dem Manne zu fragen, der durch ſeinen Tod ſo viel gewann. Sie wurden verdächtigt, weil Sie in jener Nacht nicht in der Schänke waren; aber Niemand fragte, wo Churchill Penwyn die Nacht des Mordes zugebracht.

Es war kein Grund vorhanden, ihn zu verdächtigen.

Aber die Thatſache war da, daß er allein bei dem Ver⸗ brechen gewann. Man hätte von ihm fordern ſollen, daß er ſeine Unſchuld beweiſe. Jetzt iſt er glücklich und ſtolz auf ſeine uſurpirte Stellung.

So weit als ein Mann über das Leben eines anderen Mannes urtheilen kann, ſcheint mir Churchill Penwyn voll⸗

kommen glücklich zu ſein. Seine Gattin iſt eine Frau von den ſeltenſten Vorzügen und ihm ſehr ergeben; aber ich werde vielleicht eines Tages das Vergnügen haben, Sie, Juſtina, ihr vorzuſtellen.

Denken Sie nicht an ſo etwas. Ich könnte Churchill Penwyn niemals als Freund betrachten.»Ich hoffe, ihn nie wiederzuſehen.

Maurice Cliſſold ſah, daß dieſes Gefühl gegen James Penwyn's Nachfolger tief gewurzelt war, und er berührte die Frage nicht weiter. Er war zu glücklich in Juſtina's Ge⸗ ſellſchaft, um länger auf einem Mißtone zu verweilen. Sie hatten ſo viel, worüber ſie ſprechen konnten, ſo klein die wirkliche Welt war, an der ſie ein gegenſeitiges Intereſſe fanden. Maurice hatte es unternommen, dem Mädchen, deſſen Leben bisher in kleinen Provinzialſtädten dahingefloſſen, die Herrlichkeiten von London zu zeigen. Juſtina hatte dazu reichliche Muße, denn Mr. Flittergilt's Original⸗Komödie hatte einen ziemlichen Erfolg, und es gab keine Proben eines neuen Stückes im Royal⸗Albert⸗Theater. Noch hatte Mr. Elgood, der Schauſpieler, prude Anſichten bezüglich der Schicklichkeit, welche die Freude ſeiner Tochter an Gemäldegalerien und Muſeen, Abteien und Parks hätte hindern können. Er ſelbſt kümmerte ſich nicht um Sehenswürdigkeiten, denn ſeine Kunſt⸗ liebe, das bekannte er ehrlich, war nicht ſtark genug, um ge⸗ wiſſe Gichtſymptome in ſeinen Füßen aufzuwiegen, die ein längeres Stehen ihm zur Qual machten.

Laßt mir meine Pfeife und meine Zeitung, und Juſtina ihre Bilder und ihre Töpferwaaren, ſagte er mit Bezug auf das South⸗Kenſington⸗Muſeum.

So gingen die zwei jungen Leute ſo frei mit einander umher, als ob ſie Bruder und Schweſter geweſen wären, und brachten viele glückliche Stunden unter den nationalen Kunſt⸗ ſchätzen oder im Hyde⸗Park zu, in deſſen verlaſſenen Alleen die erſten Blätter des Herbſtes zu fallen begannen. Mr. Cliſſold ging immer weniger in ſeinen Klub und ward beinahe vergeſſen von ſeinen Freunden. Der Eine glaubte, daß er einen Roman ſchreibe, der Andere meinte, er möge ſich wohl verliebt haben.

In der Zpiſchenzeit war Cliſſold vollkommen glücklich nach ſeiner Weiſe. Niemals war ſein Geiſt heiterer geweſen niemals floß ſein Vers reiner, als in jenen ſtillen Nacht⸗ ſtunden, welche er den Muſen widmete; niemals klangen die Noten ſeiner Leier zu einer volleren Melodie aus. Er ſchrieb ein Gedicht, das demLebensbilde folgen ſollte, eine Ro⸗ manze, berechnet darauf, populär zu werden, welche die Ge⸗ ſchichte ſeiner menſchlichen Freuden und Sorgen erzählte.

Es gefiel ihm, Juſtina dasLebensbild loben zu hören, es gefiel ihm, zu denken, daß es ihn in ihren Augen erhöhen würde, wenn ſie wußte, daß er ein Autor ſei. Aber es ge⸗ ſiel ihm noch beſſer, ſein Geheimniß zu bewahren, den freien Ausdruck ihrer Meinung zu hören und es ihr zu überlaſſen, ſich ein Ideal von dem Dichter zu bilden.

Der Preis, den ich zu gewinnen ſuche, muß durch mich allein gewonnen werden, dachte er.Meine literariſche Arbeit iſt etwas, das außer mir liegt. Danach will ich nicht geſchätzt werden.

Eines Sonntags, an welchem Tage Juſtina nicht beſchäftigt war, überredete Maurice Mr. Elgood, ſeine Tochter zu einem Diner in ſeine Wohnung zu bringen.

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