Jahrgang 
2 (1879)
Seite
602
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ſcheinlich von Langeweile geplagt und vielleicht in dem Wahne, daß ſein Vorleben in London nicht bekannt geworden, die Unvorſichtigkeit, ſich um einen Sitz im Parlamente zu be⸗ werben. Doch ſeine Gegenkandidaten entrollten infolge deſſen bei den Wahlkämpfen vor den einfachen biederen Wählern der Gegend von dem hauptſtädtiſchen Roué ein Bild, welches ihn nicht allein für jenen Zweck unmöglich machte, ſondern auch ſeine Perſon für immer brandmarkte.

Sir Robert ſuchte ſich deswegen zu tröſten oder darüber hinwegzuſetzen und folgte ſeinen Neigungen nach wie vor, ſo weit ſeine Mittel zur Befriedigung derſelben ausreichten. Man gewöhnte ſich an ſeine Ausſchreitungen, und dieſe, wie der Mann ſelbſt, verloren allgemach jede beſondere Bedeutung. Wer darauf Bedacht zu nehmen hatte, ſich die gute Meinung achtbarer Menſchen zu erhalten, ließ ſich mit ihm nicht ein.

Deſto größeres Aufſehen erregte es, als plötzlich das Ge⸗ rücht auftauchte, Sir Robert Burton werde ſich mit der ein⸗ zigen Tochter des Lord Travells, welcher ebenfalls in der Gegend anſäſſig war, vermählen.

Man wollte dieſem Gerüchte zuerſt keinen Glauben ſchenken; denn abgeſehen davon, daß Lady Anna Travells erſt achtzehn Jahre alt war und Sir Burton mindeſtens doppelt ſo viel zählte, konnte man ſich gar nicht denken, daß der ſtolze und zugleich als geizig verſchrieene Lord ſein ein⸗ ziges Kind einem vollkommenen Libertin, Verſchwender, Schlem⸗ mer und Praſſer zur Frau geben werde.

Doch man mußte ſich endlich dennoch zu dieſem Glauben bequemen; die Anzeige der Verlobung erſchien in den öffent⸗ lichen Blättern und ſomit war ausgemacht, daß Burtonsſield wahrſcheinlich um die bevorſtehende Weihnachtszeit neben dem Herrn auch noch eine Herrin bekommen werde.

Die Leitung der Geſchäfte auf dieſer Beſitzung lag bisher nominell wenigſtens einem älteren Junggeſellen ob, der Mr. Wright genannt wurde.

Mr. Wright war Intendant, Verwalter und zu ge⸗ wiſſen Stunden, denen wir gleich näher treten werden, frei⸗ williger Kammerdiener Sir Burton's in einer Perſon. Er ſtand bereits in den Sechszigern und war noch bei Lebzeiten des Vaters Sir Robert's in den Dienſt der Herrſchaft auf Burtonsfield getreten.

Mr. Wright hatte den Ruf eines ſtillen, ordentlichen, fleißigen und rechtſchaffenen Mannes, und dieſer Leumund mußte wohl das Rechte treffen, weil ohne ſolche Eigenſchaften deſſelben die Wirthſchaft in Burtonsfield längſt in heilloſe Verwirrung gerathen ſein würde.

Die eigentliche Herrſchaft über Burtonsfield übte jedoch auch jetzt ſchon eine Frau aus. Dieſe Dame, welche dem Hausweſen des Squire Burton vorſtand, nannte ſich Mrs. Rogier, und wer ſie ſah, ohne ſie näher zu kennen, hätte glauben müſſen, Mrs. Rogier habe ſtark mit dem Schickſal zu kämpfen gehabt, dadurch aber bedeutende Erfahrung und viel Menſchenkenntniß, hauptſächlich jedoch Charakterfeſtigkeit

und Energie gewonnen.

Dem war indeſſen nicht ſo; ein Abriß ihres Lebenslaufes kann ſogar durch einige kurze Sätze geliefert werden.

drs. Rogier war von guter Familie, jedoch die Tochter eines jüngeren Sohnes. Das will ſagen: ihr Vater war der jüngere Bruder eines Majoratserben und hatte daher nur Anſprüche auf eine geringe Abſindungsſumme. Für dieſe

Concordia.

Summe erwarb derſelbe eine Rente, welche nach dem früh eintretenden Ableben beider Eltern auf die Tochter überging.

Für die Zukunft der Letzteren war alſo einigermaßen ge⸗ ſorgt, und im entſprechenden Alter verlobte ſich die junge Dame mit einem Offizier, der ebenfalls das Glück hatte, der jüngere Bruder eines Majoratserben zu ſein. Von der Ver⸗ lobung bis zur Verheiratung der jungen Leute ſchien noch ein weiter Weg zu ſein.

Da wollte es das Schickſal, daß in keiner der vielen Kolonien Englands Unruhen ausbrachen. Verſchiedene Schiffe und Truppenkörper erhielten Ordres, ſich zu ſofortigem Abgange zu rüſten. Zu den letzteren gehörte auch das Regiment, in welchem der Lieutenant Rogier diente, dem bis zur Einſchiffung nur achtundvierzig Stunden Zeit vergönnt waren. Jetzt mußte ein kurzer, den Umſtänden angemeſſener Entſchluß gefaßt werden. Das liebende Paar ging zum Prieſter und war eine halbe Stunde ſpäter vermählt, um zugleich nach Beendig⸗ ung der Ceremonie unter Thränenſtrömen der jungen Frau Abſchied von einander zu nehmen.

Das Schiff, welches den Lieutenant Rogier davonführte, verließ England nur, um in der Bai von Biscaya mit Mann und Maus zu Grunde zu gehen.

Der Schmerz der Mrs. Rogier, welche Wittwe zeworden, ohne eigentlich Frau geweſen zu ſein, war groß; doch er mußte ertragen werden. Nach Ablauf einiger Zeit erhielt ſie die Nachricht, daß ihr eine Wittwenpenſion zugeſprochen worden, wie ſolche jeder hinterbliebenen Frau eines im Dienſte verunglückten engliſchen Offiziers gezahlt wird. Nahrungsſorgen konnten die junge Wittwe in Zukunft nicht mehr behelligen.

Mrs. Rogier entſchloß ſich, unvermählt zu bleiben; doch um ihren Gram weniger fühlbar werden zu laſſen, bedurfte ſie der Thätigkeit ſehr anſtrengender Thätigkeit. Sie ſuchte ſich deshalb, faſt ein Vierteljahrhundert hindurch, in größeren Wirthſchaften nützlich zu machen, bis ſie vor etwa ſieben Jahren nach Burtonsfield kam, wo eine Perſon, wie ſie es im Laufe der Zeit geworden, gerade am rechten Platze war.

Wie der Verwalter Wright, war auch Mrs. Rogier raſtlos thätig und von ſtrenger Rechtlichkeit, dabei ſcharfblickend und durchgreifend, wenn ſolches geboten erſchien. Nach und nach unterwarfen ſich alle Perſonen in Burtonsfield ſtillſchweigend ihrer Herrſchaft und ſelbſt der Squire hatte einen gewaltigen Reſpekt vor ihr.

Wenn Niemand wagte, den tollen Launen oder dem trunkenen Uebermuth Sir Robert Burton's entgegenzutreten, ſo that ſie es; ja ſie ſcheute ſich bei ſolchen Gelegenheiten nicht, den Squire mit ihren kräftigen Händen zu ergreifen und auf das Sopha oder ein Bett zu werfen, um unangenehme Szenen zu beenden und ihn zu zwingen, ſeinen Rauſch aus⸗ zuſchlafen.

Sir Robert verdiente es nicht, Leute wie Mrs. Rogier und Mr. Wright in ſeinen Dienſten zu haben! Nur ihnen verdankte er, trotz ſeiner immerhin noch reichlichen Mittel, daß er nicht ſchon gänzlich verkommen war oder in langjähriger Schuldhaft ſchmachtete. Bei einigem guten Willen hätte er dies einſehen müſſen; doch weit entfernt davon, die Verdienſte der beiden Leute anzuerkennen, verletzte und chikanirte er die⸗ ſelben in jeder nur denkbaren Weiſe, um ihnen demungeachtet, wenn ſie ernſtlich Anſtalt machten, ihn zu verlaſſen, die