Jahrgang 
2 (1879)
Seite
603
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Concordia. 603

ſchönſten guten Worte zu geben, ſie zu fernerem Bleiben zu bewegen.

Sir Robert Burton, Esquire, war eben ein völlig charakter⸗ loſer, höchſt verächtlicher Menſch.

2. Kapitel.

In der Nacht vom fünfzehnten zum ſechszehnten November des Jahres 18.. ward der mit dem Wächterdienſt auf der Beſitzung Burtonsfield betraute Mann durch einen ungewöhn⸗ lichen Lärm aus ſeinem Halbſchlummer aufgeſcheucht.

Die Hunde im Hofe waren auffällig laut; zugleich ver⸗ nahm er das wiederholte ängſtliche oder verlangende Wiehern, Scharren und Stampfen eines Pferdes, welches ſich auf der Rampe vor dem Herrenhauſe zu beſinden ſchien.

Infolge deſſen verließ der Wächter das Bretterhäuschen, welches ihm zum Aufenthalt diente, und begab ſich, von ſeiner derben Bulldogge begleitet, durch eine Pforte in der Um⸗ faſſungsmauer des Hofes auf die an dem Gute vorüber⸗ führende Straße.

Die Nacht war außerordentlich finſter, das Wetter ſtürmiſch; der Regen floß in Strömen. Erſt als der Mann die Rampe erſtiegen, war er im Stande, die Geſtalt des dort befindlichen Thieres wahrzunehmen. Doch ſah er ſich vergeblich nach dem Reiter oder Herrn deſſelben um.

Das Pferd hatte inzwiſchen ſein Scharren und Stampfen aufgegeben und ein freudiges Wiehern ausgeſtoßen. Dagegen ließ der Hund des Wächters ein ganz eigenthümlich lang⸗ gezogenes, klagendes Geheul hören.

Auch innerhalb des Hauſes ward es jetzt lebendig. Ein Lichtſchimmer fiel durch das oberhalb der Thür angebrachte Bogenfenſter und ſchlürfende Tritte im Flur näherten ſich dem Ausgange. Das Geräuſch eines mehrmals im Schloſſe herumgedrehten Schlüſſels folgte und endlich ward ein Flügel der maſſiven eichenen Hausthür geöffnet. Mr. Wright, in einen Pelz gehüllt, auf den Kopf eine baumwollene Zipfel⸗ mütze geſtreift und in der Hand eine Blendlaterne, die er hoch emporhielt, ward ſichtbar.

Der Lichtſchein, welcher von der Laterne ausging, fiel voll auf den, unmittelbar an der Thür befindlichen, vom Regen triefenden Kopf des Pferdes und ſtreifte nur ungewiß den etwas weiter zurück, neben dem Thiere ſtehenden Wächter.

Offenbar war der Verwalter aus dem ſüßeſten Morgen⸗ ſchlummer aufgeſtört worden. Seine ſchweren Augenlider wollten noch nicht Gehorſam leiſten und unverkennbar kämpfte er mit einer ſtarken Neigung zum Gähnen. Die ganze Hal⸗ tung ſeines Körpers erſchien ſchlaff; ſeine Bewegungen waren unſicher und unbeſtimmt.

Guten Morgen, Sir Burton! brachte er mit ungelenker Zunge hervor;böſes Wetter heute früh, Eure Gnaden bitte gehorſamſt, einzutreten! Beß ſteht ſchon allein ſo lange, bis Heinz kommt!

Beß iſt es zwar, ſagte jetzt der Wächter,doch von Sir Burton iſt nichts zu bemerken. Guten Morgen, Mr.

Wright!

Dieſe Worte ermunterten den Verwalter ſo ſchnell wie vollſtändig.

Was?! rief er auffahrend.Ihr ſeid es, Rohlweß?! Sir Burton nicht da?! Beß nur allein?! Na ſo

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wollte ich doch das kann wieder ein guter Tag werden, Rohlweß!

Der Wächter murmelte einige Worte, die jedoch unver⸗ ſtändlich blieben. Das Pferd wieherte in einer Weiſe, als wolle es die von Mr. Wright gemachte Andeutung be⸗ ſtätigen. Der Hund erhob wiederum ſein kaum unterbrochenes mißtöniges Geheul.

Mr. Wright trat, ſichtlich ärgerlich, mit einiger Vorſicht bezüglich des Regens, über die Schwelle, in das Freie und an die rechte Seite des Pferdes, die er, mit der Laterne hin⸗ und herfahrend, beleuchtete.

Wie das arme Thier wieder ausſieht, murrte er dabei, von unten bis oben mit Schmuz und Schaum bedeckt; wahr⸗ ſcheinlich iſt auch ſeit heute Morgen kein Körnchen Hafer zwiſchen ſeine Zäͤhne gekommen! Aber was hat denn Euer nichtsnutziger Köter, Rohlweß? ſo bringt ihn doch zur Ruhe!

Mr. Wright war offenbar in jene Stimmung gerathen, welche den Menſchen geneigt macht, ſich über jede Kleinigkeit zu ärgern.

Schweig', Box! rief der Wächter, der erhaltenen Weiſung nachkommend.Kuſch' dich!

Dieſe Mahnung ward noch durch einen freundſchaftlichen Wink mit dem Fuß unterſtützt, welchem der Hund zwar aus⸗ wich, aber doch ſein Geheul mit einem kläglichen Winſelton abſchloß.

In die letzten Laute dieſer Unterhaltung miſchte ſich ein Geräuſch, als werde über den Köpfen der beiden Männer ein Fenſter geöffnet.

Was giebt's denn da? fragte gleich darauf eine kräftige Altſtimme von oben;iſt Sir Burton vielleicht eingetroffen?

Nein, Mrs. Rogier, Sir Robert Burton, Esquire, iſt nicht eingetroffen! antwortete der Verwalter mit einem An⸗ flug von Spott im Ton ſeiner Stimme.Beß hat wieder 'mal allein den Weg nach Hauſe ſuchen müſſen!

Gott im Himmel! ſtieß Mrs. Rogier halb zornig, halb jammernd hervor,wann wird das Elend enden! Laſſen Sie das Thier in den Stall bringen, Mr. Wright; ich werde gleich hinunterkommen und das Weitere anordnen!

Auch überflüſſig! brummte der Verwalter;was zu thun iſt, wiſſen wir ja längſt! Seid Ihr auch ſchon da, Heinz?

Mr. Wright ſprach dieſe Worte nach einer Richtung hin, in der einige neue dunkle Geſtalten außerhalb des Lichtſcheines auftauchten.

Jawohl, Maſter! antwortete eine tiefe Stimme und der Sprecher trat in den Lichtkreis, um ſich als ein großer, vier⸗ ſchrötiger Burſche, mit ſtarkem Backenbarte, im Stallnegligée zu präſentiren. Zugleich ergriff er Bleß am Zügel.

Sorgt gut für das arme Thier, Heinz, fuhr der Ver⸗ walter fort;doch ſeid vorſichtig mit dem Füttern und Tränken!

Soll geſchehen, Mr. Wright, antwortete Heinz und führte das Thier davon. Die außer ihm noch anweſenden Leute, mit Einſchluß des Wächters, folgten. Der Hund deſſelben ſtimmte jedoch nochmals ſein langgezogenes Geheul an, als beanſpruche er das Recht, das letzte Wort in der unangenehmen Angelegeuheit zu behalten.

Verdammte Beſtie! brummte der Verwalter, während er in das Haus zurücktrat und die Thür wieder verſicherte.