Jahrgang 
2 (1879)
Seite
604
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604 Concordia.

Hiernach wendete er ſich dem Hintergrunde des geräumigen Flures zu.

Mr. Wright war mit ſeiner Laterne ungefähr bis zur Mitte des Flures gelangt, als Tritte auf der hier befindlichen breiten Treppe andeuteten, daß Jemand von oben herabkomme.

Der Verwalter blieb daher ſtehen, um jene Perſon zu erwarten, und gleich darauf erſchien in dem Lichtkreiſe eine ſtattliche, korpulente Dame in weißer Nachthaube und außer⸗ dem von oben bis unten in einen langen Pelz gewickelt, den ſie feſt um ihre anſehnliche Geſtalt zuſammengezogen hatte.

Es war dies ſelbſtverſtändlich Mrs. Rogier, welche ſchweigend die Treppe herabſtieg; erſt als ſie den Fuß auf die Steine ſetzte, welche die Pflaſterung des Flures bildeten, ſtieß ſie einen Laut hervor, der etwa wieSchändlich! klang, wendete ihr verdroſſenes Geſicht dem Verwalter zu und holte tief Athem, als habe ihr das Herabſteigen der Treppe einige Anſtrengung verurſacht.

Wie wird das enden, Mr. Wright? fügte ſie dann ihrem ernſten Ausrufe hinzu.

Mit Schrecken nicht anders! erwiderte der Verwalter achſelzuckend;das iſt bei einer ſolchen Wirthſchaft ſo ſicher, wie das Amen am Schluſſe einer Predigt, Mrs. Rogier!

Weiß Gott, ſagte Mrs. Rogier;ich wollte noch bis zur Vermählung Sir Robert's aushalten; aber ſetzt er heute das alte Stück in Szene, ſo habe ich am heutigen Tage auch mein letztes Brot in Burtonsfield gegeſſen!

Mr. Wright ſtöhnte förmlich.

Ich wünſchte, ich wäre unabhängig wie Sie, Mrs. Rogier! antwortete er;doch mag ſpäter kommen, was da will: zu Neujahr kündige ich gewiß, und zieht der nächſte Frühling in's Land, wende ich dem Skandal hier den Rücken zu. Ich denke überhaupt, derſelbe wird nach der Vermählung Sir Burton's noch ärger werden, als er vorher geweſen iſt!

Da können Sie ein wahres Wort geſprochen haben, Maſter! meinte Mrs. Rogier.Die arme Lady Anna iſt zu beklagen!

Sehr ſehr Miſtreß! unterbrach Wright lebhaft; ſie wird bald genug hingeopfert ſein! Aber es iſt mir immer noch, als könne aus der Heirat nichts werden als müſſe irgend etwas eintreten, wodurch die Sache rückgängig gemacht werden könnte!

Vielleicht vielleicht auch nicht! erwiderte Mrs. Rogier; wie es mit ſolchen Verhältniſſen geht. Doch dürfte wohl wenig Ausſicht dazu ſein; denn wenn mich nicht Alles trügt, iſt Lord Travells aus irgendwelchen Gründen der Diskretion des Squire verfallen, und das heißt genau ſoviel, als ſich in den Klauen des Böſen zu befinden!

Mrs. Rogier wendete ſich der Hinterthür zu.

Aber wollen Sie denn wirklich in den Hof hinaus, Miſtreß?! fragte Mr. Wright verwundert;es regnet ja in Strömen!

Können wir nicht ändern! entgegnete die entſchloſſene Dame;wir müſſen doch nach Sir Burton ausſehen laſſen!

Das kann auch geſchehen, wenn wir im Hauſe bleiben, Miſtreß! brummte der Verwalter.

Nein nein! erwiderte Mrs. Rogier;der Regen löſt uns nicht auf; doch die Leute könnten ſich, ſtatt gleich auf die Jagd zu gehen, erſt noch ein paar Stunden hinlegen; das

müſſen wir zu verhindern ſuchen. Sie kennen ja ſelbſt deren Gefühle für Sir Robert zur Genüge!

Nun, meinetwegen! murmelte Mr. Wright;aber da fällt mir eben ein, Miſtreß wäre es nicht gut, Beß fort⸗ zuſenden und den Squire glauben zu machen, ſie ſei gar nicht angelangt? denn heute ſchießt er ihr ſicher eine Kugel vor den Kopf; es wäre doch ſchade um das edle Thier!

Hm! meinte Mrs. Rogier;das wäre immer noch nicht ſo ſchlimm, als wenn er bei ſolcher Gelegenheit einmal einen Menſchen maſſakrirt. Sein Opfer muß er ohnehin haben, und ich hatte ſchon die Abſicht, ihm heute alles ſchadhafte Porzellan in den Weg zu bringen und in die Hände zu ſpielen wir können den Gegenſtand ja draußen weiter beſprechen!

Das in ſeiner eilig vollendeten Morgentoilette eigentlich etwas drollig erſcheinende würdige Paar ſchritt hiernach der Hinterthür zu und Wright öffnete dieſelbe. Sodann über⸗ ſchritt er auch zuerſt die Schwelle, um vorauszugehen und den zu nehmenden Weg für die ihm auf dem Fuße folgende Mrs. Rogier zu erhellen.

Es war gar nicht ſo leicht für die beiden alten Leute, zwiſchen den auf dem Hofe angeſammelten Pfützen ohne Fehl⸗ tritt hindurch zu balanciren. Doch gelang es ſo leidlich und Beide langten unter dem immer wieder ertönenden Geheul des Wächterhundes auf der entgegengeſetzten Seite des Hofes und vor den hier befindlichen Pferdeſtällen des Gehöftes an.

In dem einen derſelben ſprachen mehrere Stimmen ziem⸗ lich lebhaft. Sie wurden jedoch von einer anderen Stimme übertönt, in welcher man leicht den Baß des Kutſchers Heinz erkennen konnte.

Licht! bringt mir Licht! rief der offenbar unwillige Menſch;discurirt und judicirt zu einer anderen Zeit! zum Henker, hört Ihr nicht! ich muß Licht haben, um zu ſehen, was ich an den Händen fühle und was Beß auf dem Leibe hat! her mit dem Licht!

Jedenfalls hatte Heinz zuletzt den Lichtſchimmer von Wright's Laterne wahrgenommen.

Was giebt's denn, Heinz? fragte der Verwalter;hier iſt Licht! Hat ſich'was Beſonderes ereignet?

Ach, Sie ſind's, Mr. Wright! ſagte Heinz, näher kommend. Nehmen Sie es mir nicht übel; die dummen Kerle zanken

ſich, wer auf die Suche nach Sir Burton gehen ſoll und wer

nicht, ſtatt das Nöthige zu verrichten! Ob ſich etwas Be⸗ ſonderes ereignet hat? Ich glaube wohl bei Gott, Maſter, ſehen Sie da!

Der Streit der Leute war verſtummt, ſo wie ſie die Stimme des Verwalters vernommen hatten; Heinz war zur Stallthüre getreten und hielt ſeine Hände dicht an die Laterne; bei ſeinen letzten Ausrufen traten auch jene anderen Leute näher und Alle Mrs. Rogier, Mr. Wright, der Wächter mit eingeſchloſſen ſtarrten entſetzt und ſprachlos auf die Hände des Kutſchers.

So wahr ich lebe, rief Wright endlich,das reine Blut!

Von wem iſt das Blut woher ſtammt esel vief

Mrs. Rogier.

Ja, Miſtreß, antwortete der Kutſcher, deſſen innere Hand⸗

flächen gänzlich mit Blut überzogen waren,worläufig kann ich nur ſagen, daß Beß von oben bis unten damit bedeckt iſt. Aber da wir jetzt Licht haben, werden wir bald wiſſen, woran