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Concordia. 60⁵
wir ſind. Wollen Sie mir die Laterne erlauben, Mr. Wright?“
Heinz erhielt die Laterne und kehrte mit derſelben zu dem Stande, in welchem ſich Beß befand und mit Gier von dem ihr in die Raufe gegebenen Heu fraß, zurück. Die übrigen Perſonen folgten und ſtellten ſich vor dem Stande auf.
Heinz beleuchtete und befühlte die Stute, deren Farbe ein lichtes Braun war, auf beiden Seiten, hinten und vorn, ſowie von oben bis unten.
„Beß fehlt nichts!“ ſagte er endlich;„ſie hat nicht einmal Sporenriſſe. Das Blut befindet ſich nur auf der linken Seite. Der halbe Hals, die Mähne, das linke Vorderblatt und der linke Vorderfuß an der äußeren Seite und der Sattel vorn links ſind damit bedeckt. Es iſt auch kein Pferde⸗, ſondern Menſchenblut. Dem Squire muß noch ein anderes Unglück, als nur vom Pferde zu fallen und liegen zu bleiben, begegnet ſein. Hier iſt Ihre Laterne wieder, Mr. Wright!“
Erſchreckt und mit bleichen Geſichtern ſahen die übrigen Perſonen einander an.
3. Kapitel.
Die Gegend, in welcher Burtonsfield liegt, kannte früher ſchwere Verbrechen nur dem Namen nach. Es iſt daher leicht erklärlich, daß die Bewohner des Gutes bei Wahrnahme des vielen Blutes an dem ohne den Herrn zurückgekehrten Pferde einen hohen Grad von Beſtürzung zeigten.
Am wenigſten ſchien der Kutſcher Heinz durch eine nahe⸗ liegende ſchreckliche Vermuthung berührt zu werden. Doch auch Mrs. Rogier ſchüttelte den erhaltenen lähmenden Eindruck ſehr bald wieder von ſich ab.
„Ihre Andeutung ſcheint nur zu ſchnell in Erfüllung gehen zu ſollen, Mr. Wright!“ ſagte ſie,„denn auf etwas Schlimmes dürfen wir uns ohne Zweifel gefaßt machen!“
„Ich glaube ſelbſt, Miſtreß!“ erwiderte der Verwalter, „und jetzt iſt mir auch das fortwährende jammernde Geheul des Hundes erklärlich; das brave Thier hat das Blut gewittert und ahnt die begangene Unthat!“
Der Beſitzer des„braven Thieres“, welches vor kurzer Zeit erſt ein„nichtsnutziger Köter“ und eine„verdammte Beſtie“ genannt wurde, grinſte ſehr befriedigt zu dem Lobe deſſelben.
„Box iſt ein kluger Hund,“ ſagte er ſelbſtbewußt,„er thut nichts ohne Urſache und wird auch ſehr ſchnell den Squire auffinden.“
„Gut, daß wir darauf kommen!“ rief Mrs. Rogier;„laßt Beß durch Jemand anders verſorgen, Heinz, und beſpannt ſchnell die alte Kutſche mit zwei Pferden. Es geht diesmal nicht ohnedem, Mr. Wright— Sie müſſen ſelbſt hinaus; nehmen Sie außer Heinz noch drei Leute mit. Natürlich auch Rohlweß und den Hund. Aber jetzt ſchnell, Leute— ſchnell! es iſt kein Augenblick zu verlieren, wenn noch der Verſuch gemacht werden ſoll, Hilfe zu bringen. Wir wollen uns in⸗ zwiſchen wieder in das Haus begeben, Mr. Wright, und während Sie ſich ankleiden, werde ich Verbandzeug und einige Medikamente hervorſuchen!“
Niemand ſetzte den Anordnungen der Mrs. Rogier etwas entgegen. Heinz hatte Beß den Sattel abgenommen und rief einen Mann, die weitere Abwartung des Thieres zu über⸗
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nehmen; zwei andere Leute wies er an, den von Mrs. Rogier bezeichneten Wagen aus der Remiſe in den Hof zu ſchaffen. Er ſelbſt trat an einen anderen Stand, ergriff ein dort hängendes Geſchirr und begann die benöthigten Pferde zu der
Ausfahrt vorzubereiten. 3
Mr. Wright hatte inzwiſchen eine der Stalllaternen an⸗ gezündet und verließ, ohne noch ein Wort zu äußern, den Raum. Er und Mrs. Rogier balancirten über den Hof zurück dem Hauſe zu, bei welcher Gelegenheit ſie noch allerlei Kraft⸗ äußerungen hinter ſich herſchallen hörten, die jedoch nicht ihnen, ſondern dem Squire und ſeinem Treiben galten.
Eine Viertelſtunde ſpäter hielt Heinz mit der Kutſche, deren brennende Laternen irrlichtartig durch die dicke, regen⸗ ſchwere Luft flimmerten, auf der Rampe vor dem Hauſe. Mr. Wright, immer noch mit ſeiner kleinen Leuchte bewaffuet, unter dem linken Arme ein Packet haltend und ſtatt der Schlafmütze jetzt eine Pelzkappe auf dem Kopfe, erſchien eben⸗ falls und kroch in den Fond des Wagens; drei andere ſchon bereitſtehende Männer folgten; der Wächter erklomm den Bock, um neben dem Kutſcher Platz zu nehmen.
Mrs. Rogier ſtand auf der Schwelle, um noch letzte An⸗ weiſungen zu geben.
„Nun fort!“ rief ſie ſchließlich,„und Gott ſei mit Euch!“
„Such'— ſuch', Box!“ rief der Wächter ſeinem Hunde zu und dieſer ſchoß laut aufjauchend in die Finſterniß hinein. Der Wagen raſſelte hinterher.
„Er weiß wahrhaftig, was es giebt!“ ſagte Heinz;„na — mich ſoll wundern, was wir finden werden!“
„Ja— ja, er weiß!“ brummte Rohlweß,„und was das Letztere betrifft, ſo werden bald keine Zweifel mehr deswegen obwalten; Du iuun dreiſt ſchneller fahren, mein Alter, denn ſo wie der Hund gefunden hat, wird er laut!“
Heinz ließ die Pferde in einen mäßigen Trab übergehen.
Die Straße war zu beiden Seiten mit hohen Pappeln be⸗ ſetzt und ziemlich breit; nicht ganz eine engliſche Meile von dem Gute entfernt, trat ſie in einen Wald, wo die Pappeln aufhörten, jedoch tiefe Gräben neben dem Wege ausgehoben waren. Der Wald gewährte übrigens einigen Schutz gegen das unangenehme Wetter.
Der Wagen fuhr geraume Zeit in der von den Pferden angenommenen Gangart dahin, ohne daß von dem Hunde etwas gehört wurde. Endlich ließ ſich deſſen langgedehntes Heulen, jedoch weit nach vorn, vernehmen.
„Fahr' zu!“ rief der Wächter ſofort,„er ſteht!“
Heinz kam der ihm ertheilten Weiſung nach. Die derb aufgemunterten Thiere riſſen den Wagen im flotten Galopp fort. Das Geheul des Hundes ward immer deutlicher und ertönte ſchließlich in unmittelbarer Nähe.
„Jetzt halt'!“ rief Rohlweß, indem er mit in die von Heinz geführte Leine griff,„wir ſind am Ziele!“
So wie der Wagen ſtand, ſprang er ſelbſt vom Bock des⸗ ſelben zur Erde und eilte an den Pferden vorüber nach vorn, wo er aus dem Lichtkreiſe verſchwand. Der Hund ließ ein freudiges Winſeln hören; die im Fond des Wagens befindlichen Perſonen krochen ebenfalls aus demſelben hervor.
„Licht her!“ rief der Wächter,„hier liegt er mitten im Wege!“
Wright eilte den übrigen Leuten voraus, dem Orte zu,


