Concordia.
von welchem ſich die Stimme des Wächters hören ließ. Er V hielt die Laterne dabei etwas über den Kopf erhoben.
„Herr des Himmels!“ ſchrie der Wächter auf,„er hat ein Meſſer in der Bruſt ſtecken!“
Der Anblick, welcher ſich den Leuten bei dem ungewiſſen Scheine der Laterne darbot, war ganz geeignet, ein unheim⸗ liches Grauſen zu erregen.
Zunächſt hatte es vollkommen ſeine Richtigkeit, daß der auf dem Wege liegende todte Mann der Squire Burton war. Die Erde in ſeiner Umgebung zeigte ſich durch zahlloſe Tritte von Pferdehufen aufgewühlt, als habe ſich hier ein Pferd in heftigen Bewegungen vielfach umhergedreht. Die meiſten dieſer Spuren waren jetzt durch den Regen mit Waſſer angefüllt. Der Saquire lag auf der rechten Seite; ſein Kopf war zurück⸗ gebogen und der rechte Arm nach vorn ausgeſtreckt. Der linke Arm war nach hinten zurückgeglitten und die Hand deſſelben lag auf dem Rücken. Das rechte Bein war vorgeſchoben, das linke etwas zurückgezogen. Der Hut des Squire lag ungefähr ſechs Schritte von ſeinem Haupte entfernt, in der Nähe des Grabenrandes, und ſein Ueberzieher von ſtarkem Tuche war
aufgeknöpft. Die Augen des Squire waren weit geöffnet, doch ſtarr und gebrochen. In der linken Bruſtſeite ſteckte die Klinge eines ſtarken Meſſers mit Hirſchhornſchale, eines ſo⸗ genannten Genickfängers, faſt bis zum Hefte. Als die Laterne dieſem Theile des Körpers genähert ward, erkannte man noch ſechs weitere Stiche in der Bruſt des Squire. An ſeinem bereits eingetretenen Tode konnte keinen Augenblick gezweifelt werden; ja, es ſchien faſt, als ſei das Leben bei ſeinem Sturz vom Pferde ſchon entflohen geweſen; denn die linke Seite des Ermordeten war ohne jeden Schmußzfleck— ein ſicheres Zeichen, daß er ſich nicht umhergewälzt, als er den Boden erreicht hatte,
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was doch wohl geſchehen ſein dürfte, wenn er noch bewegungs⸗ fähig geweſen oder auch nur von Todeskrämpfen erſchüttert worden wäre.
„Er iſt hinüber!— es iſt aus mit ihm!“ waren die erſten Worte, welche wieder laut wurden. Der Wächter hatte ſie hervorgeſtoßen.
„Mein Gott!“ klagte Mr. Weight,„ein ſolches Ende! Denn da habt Ihr recht, Rohlweß: todt iſt Sir Burton! Wer kann denn nur zum Mörder an ihm geworden ſein?“
„Iſt der Squire denn beraubt!?“ rief Heinz jetzt von hinterwärts her.
„Wir müſſen das erſt feſtzuſtellen ſuchen!“ antwortete der Verwalter;„aber kommt her, Heinz. Die Pferde mag ein anderer Mann halten. Ich meine, Ihr paßt gerade zu dem traurigen Geſchäft, welches wir vor uns haben!“
Heinz ſprang, ohne weitere Entgegnung, von ſeinem Sitze zu Boden und gab einem näher tretenden Manne Leine und Peitſche. Hiernach nahm er eine ſeiner Wagenlaternen aus der Hülſe und eilte mit derſelben der düſteren Gruppe da vorn zu. Sich bückend, beleuchtete er voll das Geſicht des Ermordeten.
„Todt— ohne Frage!“ ſagte auch er dann,„ermordet — ebenſo gewiß!— Verdammt ſei der Schuft, welcher das gethan!“
Heinz beleuchtete die Bruſt des Todten und zählte die in derſelben befindlichen Stiche.
„Siebenmal zugeſtoßen— wirklich gut gemeint!“ fuhr er dann fort;„merkt Euch Alles gut, Leute, damit wir einſtimmige Ausſagen machen können. Ich denke, das Meſſer wird zum Verräther des Mörders werden!“
(Fortſetzung folgt).
Gefunden!
Roman von C. Engels. (Schluß.)
In freundlichſter Weiſe erwiderte Frau von St. Etienne des Barons Begrüßung; ſie freue ſich, ſeine Bekanntſchaft zu erneuern. Daß ſie ihn nicht ſogleich erkannt, möge er ver⸗ zeihen, die Jahre ſeien wohl an ihnen Beiden nicht ſpurlos vorübergegangen.
„Gewähren Sie mir jetzt,(“ nahm der Baron wieder das Wort, indeß Eva und Herbert in einer Fenſterniſche ſich viel zu erzählen hatten—„eine Unterredung, der mein treuer, bewährter Freund, Juſtizrath Doktor Nolding, welcher ſich im
Vorzimmer befindet, beiwohnen darf. Der Zweck derſelben
wird Ihnen ſogleich klar werden.“
Der Baron holte Nolding und Frau von St. Etienne
führte die beiden Herren in ihr Boudoir. Drei wohl eine halbe Stunde in eifrigem Geſpräch.
Dort blieben alle
Als ſie nach Verlauf derſelben wieder in den Salon traten, leuchtete ein milder Glanz aus des Barons Augen; ſeine
Haltung ſchien ſtraffer, ſein Geſicht verjüngt. Frau von St. Etienne winkte Eva heran. „Hier, mein Kind, ſteht Dein wahrer Vater!“
Der Baron breitete die Arme aus und Evo lag an ſeiner
Bruſt.
Ja, dieſem Manne ſchlug ihr Herz in warmer, kindlicher Liebe entgegen, ihm durfte ſie vertrauen.
„Mein Kind!“ flüſterte der Baron zärtlich.„Ich habe Deine Mutter geliebt, ſo ſehr ein Mann nur ein Weib zu lieben vermag! Was ich an ihr gefehlt, an Dir ſei es ge⸗ ſühnt. Morgen will ich Dir Alles erzählen; nicht wahr, Du wirſt Dich nicht von mir abwenden?“
„Mein Vater!“ rief Eva.„Nicht mir darfſt Du beichten!
Laß die Vergangenheit ruhen und uns der Gegenwart leben; laſtet eine Schuld auf Deinem Herzen— ich kann Deine Richterin nicht ſein!— Aber ſage mir doch“— fuhr ſie fort—„wie Alles ſich ſo
ſie iſt ſo ſchön. Haſt Du gefehlt,
plötzlich aufhellen konnte.“ „Frage nicht danach, mein Kind!
verſchleiert iſt,
Pflegemutter hat mir mitgetheilt, was Dir Schreckliches be⸗ gegnet iſt; die Hälfte davon habe ich freilich, von Dir un⸗ bemerkt, mit angeſehen, ebenſo Herbert, den ein kurz vor der Albreiſe empfangener Brief von ſeiner Fahrt zurückhielt. Du biſt das Opfer eines abſcheulichen Betruges, deſſen Zweck mir Kümmere Dich jedoch um nichts,
noch nicht völlig klar iſt.
In einen Abgrund von
Bosheit, deſſen ganze Tiefe bis jetzt auch meinen Augen noch müßte ich Dich blicken laſſen. Deine gute
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