Jahrgang 
2 (1879)
Seite
607
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1 Teſtament, welches im verborgenen Fach gelegen.

Concordia.

überlaſſe Nolding und mir, dieſe ganze, räthſelhafte Geſchichte zu ergründen. Plotzki, der Elende, der Dich in jenes Haus gelockt und den ich ſtets mit Wohlthaten überhäufte, hat mir ſeine Dankbarkeit dafür auf eine eigene Art bewieſen.

Mit welcher Beredtſamkeit wußte er meine Bedenken gegen den Schritt, den ich ohne Mama's Wiſſen that und den mir vorzuſchlagen, allerdings mein Brief an ihn ich muß es eingeſtehen die Veranlaſſung gab, zu beſchwichtigen! Du hätteſt ihn nur reden hören ſollen, ſo voller Ueberzeugung! Und iſt es denn wahr, Papa, daß er der Verlobte der älteren Schweſter meiner Mutter geweſen? Er ſagte das. Nur aus Trauer und Schmerz um die Verſtorbene, die er abgöttiſch geliebt, ſo verſicherte er mir, habe er ſich niemals zu einer Heirat entſchließen können.

Sprachlos vor Staunen hörte der Baron zu.

Alſo Plotzki war der Bräutigam Louiſens? rief er aus. Nun, mein Kind, ſo erfahre von mir, daß er Dir allerdings die Wahrheit ſagte, aber nur was den einen Umſtand ſeiner Verlobung mit Louiſe Haller betrifft. Der Ehrloſe hat ſich jedoch auf eine ſo perfide Weiſe gegen ſeine Braut benommen, daß dieſe die Verlobung aufhob und aus Gram über das ihr Widerfahrene zu Grunde ging. Deine Mutter hat mir Alles aus jener Zeit genau mitgetheilt. Es treten alſo immer mehr Schurkereien Plotzki's zu Tage.

Aber Freda! rief Eva plötzlich.Sie weiß noch nichts! Laß uns jetzt gleich zu ihr, Papa; ſie muß theilnehmen an unſerem Glück.

Des Barons Stirn umwölkte ſich.Freda ich weiß nicht, mein Kind, ob wir das nicht lieber bis morgen ver⸗ ſchieben. Ich glaube, ſie erfährt es auch dann noch früh genug.

Nein, nein, Papa ich beſtehe darauf. Ihr Herz iſt nicht ſo erſtarrt, als es den Anſchein hat; ich werde es uns gewinnen, glaube mir!

Freilich, kleine Zauberin, lächelte der Baron. könnte Dir widerſtehen!

Wer

Mit düſter gefalteter Stirn lehnte Freda auf dem Balkon.

Sie wollte ihren Augen nicht trauen, als ſie Herbert, den ſie längſt abgereiſt glaubte, Eva, den Baron, Frau von Saint Etienne und den Juſtizrath vor dem Hauſe ausſteigen ſah.

So hatte Herbert ſeine Reiſe verſchoben und kam nun, recht ihr zum Hohn, um ſie noch zur Zeugin eines Glückes zu machen, das er mit ihrem Herzblut erkauft?

Und der Anſchlag Plotzki's war er mißlungen? Zu⸗ verſichtlich!, Wie hätten dieſe Fünf wohl ſonſt in beſter Einigkeit, mit den Zeichen ſtillen Glücks auf den Geſichtern, vor ſie hintreten, ihr die Hände entgegenſtrecken und ſagen können:

Freue Dich mit uns, Freda! Wir Alle ſind ſo glücklich

Du ſollſt es auch ſein!

Sie auch! Mit dem Schwert im Herzen!

Nicht das Zucken einer Wimper an Freda verrieth innere Bewegung.

Wie eine Marmorſtatue, mit ſtarren Augen, blickte ſie in's Leere, ließ der Worte Schall wohl das Ohr berühren, doch nicht an ihr Herz klingen.

Inzwiſchen hatte der Baron das Zimmer verlaſſen und kehrte mit einer Rolle in der Hand zurück. Es war das

Lies, Freda, ſagte er weich,und Alles wird Dir klar werden. Ich habe gefehlt verdamme mich nicht!

Mechaniſch entfaltete Freda das Papier und ließ ihr Auge darüber gleiten. Als ſie das WortTeſtament erblickte, zuckte ſie zuſammen.

Ihr Athem flog, ihre Hand zitterte, um ſo heftiger, je länger ſie las. Als ſie zu Ende, rollte das Papier zur Erde, ſie ſelbſt aber ſank auf den Divan.

Warum gabſt Du mir das, Papa?

Sieh' dort Reginens Tochter! ſagte der Baron und deutete auf Eva.

Freda wandte ſich ab und ſchluchzte laut auf.

Der Baron wollte zu ihr eilen, aber Nolding hielt ihn zurück.Laſſen Sie, die Erſchütterung wird ihr wohlthun.

Nach einer Weile floſſen ihre Thränen ſanfter; das Schluchzen erſtarb in ein leiſes Weinen und Eva wagte es, ſich zu ihr zu ſetzen, ihren Arm ſanft um die Weinende zu legen und mit inniger Stimme zu flüſtern:Meine liebe, liebe Schweſter!

Freda richtete ſich empor, ſie begegnete Eva's großen, bittenden Kinderaugen, hörte die Worte:Ich will Dich auch recht, recht lieb haben! und die letzte Eiesrinde ſchmolz ſie lag an Eva's Bruſt!

Aber nur einen Augenblick. Dann wehrte ſie der Ueber⸗ glücklichen und ſagte:Ich bin Deiner, Euer Aller Liebe ja nicht werth! Ihr wißt nicht, was ich in blindem Wahn verbrochen, welch' ein ſchweres Vergehen ich auf meine Schul⸗ tern gewälzt. Eva, Schweſter, Du kannſt es mir niemals verzeihen!

Alles verzeihe ich Dir, will auch nichts wiſſen von dem, was Du Dir vielleicht vorzuwerfen haſt. Nur herzlich lieben will ich, wollen wir Alle Dich!

Freda ſchüttelte verzweiflungsvoll den Kopf.Ich muß es ſagen, muß es bekennen, ſonſt ſtößt es mir das Herz ab und ich könnte nie wieder Ruhe finden.

Und Punkt für Punkt enthüllte Freda jetzt den Anſchlag Plotzki's, ſo wie er ihr denſelben mitgetheilt; ſie war ehrlich genug, ihr Einverſtändniß nicht abzuleugnen. Von ihren ſchweſterlichen Beziehungen zu Epa habe ſie keine Ahnung ge⸗ habt, daß Plotzki dies aber gewußt, ſei ihr unzweifelhaft. Fräulein Bunzel habe ihr nämlich geſtern mitgetheilt, daß ſie, als ſie am vergangenen Tage auf dem Boden geweſen, um dort mehrere Paare ſelbſtgewaſchener Handſchuhe von der Leine zu nehmen, von der hinteren Bodenluke aus, durch welche man das gegenüberliegende Zimmer des Barons zum Theil überblicken konnte, zu ihrem Erſtaunen Plotzki allein vor dem geöffneten Schreibtiſch deſſelben wahrgenommen habe. Die eine Seitenwand des Tiſches ſei auf eine ſeltſame Art ver⸗ ſchoben geweſen, und Plotzki habe oft tief hineingelangt, aus einem wahrſcheinlich dort befindlichen Fache fortwährend Papiere herausgezogen, dieſelben geleſen und dann wieder hineingeſteckt. Sie, die Bunzel, halte es für ihre Pflicht, dies der Baroneſſe mitzutheilen, da ſie annehme, Plotzki ſei zu einer Unterſuchung des Schreibtiſches in Abweſenheit des Barons nicht berechtigt.

Ich vermuthe, lieber Papa, fuhr Freda fort,daß dieſe Urkunde in jenem Fache aufbewahrt geweſen und Plotzki ſich Kenntniß von derſelben verſchafft hat. Nun ſind mir alle

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