608 Concordia.
Triebfedern ſeines Handelns klar. O, es iſt ein verworfener Menſch!“
„Das iſt er!“ beſtätigte der Baron.„Das Teſtament lag allerdings in dem geheimen Fach, das ihm nur langes Suchen, vielleicht auch ein Zufall entdeckt haben kann.— Danken wir Gott, der Alles zu einem anderen Ende führte, als der Elende ſich träumen ließ. Gerade die böſe Saat brachte eine köſtliche Ernte, die nun in der Sonne der Liebe gereift iſt. Du erinnerſt Dich vielleicht jenes abgedankten Oberlieutenants Beſſelſtein, Freda, der bei Lebzeiten Deiner Mutter einigemal in ihren Salons erſchien. Dieſen gänzlich herabgekommenen Menſchen hatte Plotzki ſich auserſehen, um der armen Eva— doch, laſſen wir das,“ unterbrach er ſich, als er bemerkte, wie Eva zuſammenſchauerte.„Genug, das ſaubere Bürſchchen— ich meine Beſſelſtein— wurde von Nolding ſcharf in die Enge getrieben, leugnete zuerſt frech, geſtand aber ſchließlich, angeſichts einiger Packete Banknoten, ein, daß Plotzki ihn zu der übernommenen Rolle gedungen, welche er jedoch, durch Eva's Schönheit entflammt,— leider nicht konſequent durchgeführt habe. Nun blieb uns noch jenes alte, widerwärtige Weib, welches, ebenfalls gekauft— ich war davon überzeugt— uns abſichtlich in das Zimmer mit dem kleinen Wandfenſter, von dem aus wir Alles, was daneben vorging, beobachten ſollten, geführt hatte. Aber die war ſo hartnäckig, daß man— um mit einem landläufigen Wort zu reden— eher hätte Striemen von ihr ſchneiden, als ihr die Wahrheit abringen können. Sie knixte und tanzte und grinſte um uns herum und blieb dabei: unſere Eva ſei ihr eine alte, liebe Bekannte.“
„Ja, es war ein böſes Weib! Aber in ihrer Bosheit liegt wenigſtens Charakter,“ lachte Nolding.
16. Kapitel. Ausgeſpielt.
Plotzki rauchte eine Cigarre nach der anderen, las bald auf dieſer, bald auf jener Seite des Buches, obgleich ſeine Gedanken von dem Inhalt deſſelben weit abſchweiften, und ſah öfter nach der Uhr, um ganz genau nachrechnen zu können, an welchen Satz ſeiner blumenreichen Rede Beſſelſtein wohl jetzt gekommen ſein möchte.
Die Zeit, welche zur Abſpielung des Ganzen erforderlich, war eigentlich ſchon verſtrichen und Beſſelſtein hätte hier ſein müſſen. Indeß konnte wohl noch eine Viertelſtunde zugegeben werden. Plotzki rauchte und las alſo weiter.
Aber die bewilligte Viertelſtunde ging hin, und noch eine und eine dritte. Kein Beſſelſtein kam.
Sollte etwa etwas Unvorhergeſehenes—— aber nein! Ein Fehlgehen war beinahe nicht möglich. Es mußte ſich Alles glatt abſpielen.
Es war vier Uhr—. Beſſelſtein ſaß mit Eva bei Mutter Schnellern im blauen Zimmer auf dem Sopha— dann kam der Baron— vieleeicht gleichzeitig auch Herbert— fragten nach Eva— wurden von der Schnellern verſtändnißvoll em⸗ pfangen und in dasjenige Zimmer geführt, das unmittelbar neben dem blauen lag und ein kleines Fenſter beſaß, durch welches man in jenes hineinſehen konnte— ſie möchten einen Augenblick warten, Fräulein Eva hätte gerade Beſuch von einem anderen Herrn— ſie warteten auch, ſahen durch das
Fenſter Eva mit Beſſelſtein Hand in Hand in traulichem Zwiegeſpräch auf dem Sopha— ſahen Beide zuſammen fort⸗ gehen— ſich unten in einen, laut und vernehmlich vor⸗ fahrenden Fiaker ſetzen— finis!
Zum Ueberfluß noch wurde die Schnellern geholt und befragt.
Dieſe gab an, Fräulein Eva ſei einer ihrer beſten Lock⸗ vögel, verkehre ſehr viel in ihrem Hauſe und fände bei allen hier Zutritt habenden Herren großen Anklang.
Das mußte den Ausſchlag geben. Herbert ſagte ſich von Eva los; ebenſo der Baron, nachdem er durch Frau von St. Etienne wegen Ermittelung von Eva's Herkunft an Fränz⸗ chen Schneller verwieſen und dort die Ueberzeugung gewann, daß Eva ſeine und Reginens Tochter ſei. Sollte auch wirklich der Baron Eva nicht aufgeben wollen, ſie möglicherweiſe dennoch anerkennen, Herbert würde nimmermehr ein Mädchen, das in dem berüchtigten Hauſe der Mutter Schnellern gekannt war, als ſeine Gattin heimführen. Somit war Freda's Wunſch ausgeführt, eine Verbindung Herbert's mit Eva hintertrieben und der verſprochene Lohn verdient. Auch mit der Hälfte von Freda's Erbe wollte er ſich begnügen.
Aber wirklich auffallend, daß Beſſelſtein nicht kam! Die Uhr ſtand jetzt auf halb Sieben, Plotzki gab es auf, ſeinen Bundesgenoſſen heut' noch zu ſehen.
„In irgend einer Schnapskneipe wird er jetzt den Reſt des Geldes, welches ich ihm gab, vertrinken, der elende Lump!“ dachte er—„dann im Rinnſtein ſeinen Rauſch ausſchlafen und bis morgen früh dort feſtliegen— wobei natürlich der neue Anzug zum Teufel geht!“
Er beſchloß, bei der Schnellern Erkundigungen einzuziehen, machte ſich auf den Weg nach der Lehmgaſſe und war in kurzer Zeit dort.
„Alles in beſter Ordnung, in beſter Ordnung, mein Wertheſter!“ grinſte die Schnellern, mit den beringten Händen wie unſinnig in der Luft herumfuchtelnd und zähnefletſchend wie ein Höllenhund, ihm entgegen.„Sie ſind Alle fort und wir haben gewonnenes Spiel. Suchen Sie ſich nur jetzt Ihren reſpektablen Herrn Vater, der wohl irgendwo auf der Gaſſe liegen wird. Gratulire! Gratulire!“
Damit ſchlug ſie dem Verblüfften die Thür vor der Naſe zu und ließ nur noch aus der Ferne die liebliche Muſik ihrer ſchlürfenden Pantoffel auf ihn wirken.
„Sie hat getrunken, das iſt klar!“ dachte Plotzki, dem dieſe kurze Abfertigung nicht behagte.„Mehr aus ihr heraus⸗ bringen zu wollen, dürfte indeß für heut' vergebene Mühe ſein.“ Er hielt es für das Beſte, ſie nüchtern werden zu laſſen. Morgen früh würde ſie ſich entſchieden zugäuglicher zeigen.
Er begab ſich nun nach Hauſe.
Sollte wirklich der eine Theil des Anſchlags mißglücken, der andere mußte gelingen. O, es war ſehr ſchlau von ihm geweſen, ſich auf beiden Seiten zu decken.— Freda's war er ja ſicher.
Nachdem er einige Minuten auf ſeinem Zimmer verweilt und eben zu dem Entſchluß gekommen war, in den Salon hinüberzugehen, beſchied ein Diener ihn in das Zimmer des Barons.
Plotzki wurde ſtutzig. Sollte das etwa im Zuſammen⸗ hange ſtehen mit Lehmgaſſe Nr. 82—— Aber nein! Un⸗
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