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möglich konnte weder der Baron noch Herbert mit Eva geſprochen haben. Beſſelſtein hatte ja ſtrenge Weiſung, ſich mit ihr per Fiaker zu entfernen.
Jedenfalls aber mußte man etwas von ihm wünſchen; er
ging hinüber.
Auch Freda befand ſich im Zimmer des Barons. Sie hatte ihren Arm in den des Vaters gelegt und ſtand an ihn geſchmiegt. Plotzki wunderte ſich höchlich über dies nie ge⸗ ahnte Zeichen von Intimität zwiſchen Vater und Tochter.
„Wollen Sie mir vielleicht ſagen,“ begann der Baron, „was Sie vorgeſtern ſo eifrig in meinem Schreibtiſch zu ſuchen hatten?“
Plotzki's Wachsmaske blieb ruhig. Nur als er ſagte:„Ich? Das muß wohl ein Irrthum ſein!“ verrieth der Klang ſeiner Stimme ein unterdrücktes Zittern.
„Vielleicht,(“ nahm der Baron wieder das Wort,„iſt Ihnen unter den mancherlei Papieren und Schriftſtücken, welche Ihre indiskreten Augen zum Durchleſen reizten, auch dies hier zu Geſicht gekommen?“
Er hielt ihm das Teſtament entgegen.
Plotzki's Geſicht nahm eine unglaublich Miene an.
„Dies hier?— Ich weiß nicht— was ſoll es damit?— Wünſchen Sie vielleicht, daß ich es kopire?“
Er ſtreckte die Hand darnach aus.
Der Baron lächelte verächtlich.
„Sie übertreffen ſich ſelbſt in Ihrer Rolle. Ich rathe Ihnen— gehen Sie zur Bühne— als Intriguant— Sie werden in dieſem Fache unſtreitig Lorbeeren erringen. Hier jedoch iſt Ihre Schauſpielkunſt zu Ende, denn die Intriguen Ihrer ränkevollen Seele ſind durchſchaut. Beſſelſtein, dem eine höhere Summe, als Sie ihm boten, den Mund öffnete, hat Alles bekannt, auch daß er es war, der auf Ihr Diktandum die Briefe an mich und meinen Neffen ſchrieb. Auch Dinge aus Ihrer Vergangenheit ſind mir bekannt geworden, zum Bei⸗ ſpiel, daß Sie der Ehrenmann waren, der Louiſe Haller um ihr kleines Vermögen gebracht, ihr Jugend, Glück, ja das Leben geſtohlen. Regine hatte mir dieſe Epiſode aus dem Leben ihrer Schweſter mit allen Einzelheiten berichtet, ohne jedoch Ihres Namens dabei zu erwähnen. Sie ſelbſt haben ſich meiner Tochter Eva gegenüber als der frühere Verlobte Louiſe Haller's bekannt, natürlich aber das ganze Verhältniß höchſt unwahr geſchildert. Ich kenne genau die Wahrheit.— Und noch Eins: Beſſelſtein ſpielte ſeinen„Vater“ mit etwas zu viel Gefühl. Vielleicht ſchärfen Sie, als Regiſſeur, ihm für die Zukunft ein, ſich aller Anwandlungen zum jugendlichen Liebhaber, die nicht in die Rolle würdiger Väter paſſen, zu enthalten.— So!— Wir ſind am Ende. Ich ſchenke Ihnen jede etwaige Rechtfertigung. Das nöthige Reiſegeld und eine Summe darüber wird Wegener Ihnen ſofort auf Ihr Zimmer bringen. Hier iſt der neueſte Fahrplan. Ich glaube, es gehen heut' Abend noch mehrere Züge.“
Die Unterlippe feſt in die Zähne gekniffen, im Uebrigen aber mit alter Gelaſſenheit, ſtand Plotzki vor dem Baron. Sein Auge irrte zu Freda hinüber, als erwarte er von dieſer Hilfe.
Aber Freda begegnete ſeinem Blick mit Stolz und Feſtigkeit. 1
„Ich will ferner keine Gemeinſchaft mit Ihnen,“ erklärte
„
einfältige
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ſie,„und bereue nichts ſo ſehr, als daß mein Herz, das im Banne finſterer Mächte lag, ſo ſpät zur Erkenntniß des Guten gekommen. Reumüthig habe ich meine Schuld eingeſtanden und man hat mir verziehen. Nur die halbe Wahrheit be⸗ fanden Sie für gut, mir mitzutheilen. Denn Sie ahnten ſehr wohl, daß bei dem Gedanken, die eigene Schweſter zu opfern, mein Gefühl ſich doch wohl empören würde. Gehen Sie!“
„Nun wohl, ich gehe!“ ſagte Plotzki.„Denn auf Rühr⸗ ſzenen“— er warf einen perſiflirenden Blick auf den Baron, „bin ich nicht eingeſpielt. Auch überlaſſe ich gern das Be⸗ wußtſein, von uns Beiden der größere Ehrenmann zu ſein— Ihnen, Herr Baron! Ich zahlte ein von Louiſe Haller er⸗ borgtes Kapital nicht zurück, ich löſte ein gegebenes Wort nicht ein— wohl! Ich war wenigſtens frei, ich gehörte mir ſelbſt. Sie aber in niederträchtiger Feigheit ſpielten hier Ehemann und dort Liebhaber zugleich. Gewiß, Baron— Sie ſind der größere Ehrenmann!“
Er verbeugte ſich tief und ironiſch und verließ das Zimmer.
Freda zog ſanft die Hand des Barons, welche derſelbe vor die Stirn gelegt, an ihre Lippen.
„Mit ihm iſt der letzte dunkle Schatten gewichen, Papa! Gieb Dich nun nicht mehr quälenden Selbſtvorwürfen hin, es iſt jetzt Alles geſühnt. Komm', laß uns zu den Anderen zurückkehren, die beim fröhlichen Mahle vereint ſind; Nolding wird gern ſein Hoch auf das Brautpaar ausbringen wollen.“
Als Freda ſich wieder auf ihren Platz neben Herbert ge⸗ ſetzt, ergriff dieſer ſein Glas, ſah ſie lange bittend an und ſagte dann leiſe:
„Schweſter!“
Ein mattes Roth ſtieg in Freda's bleiche Wangen. So⸗ viel reine Selbſtloſigkeit zu üben, ward ihr doch entſetzlich ſchwer!
Aber tapfer ergriff auch ſie ihr Glas, drängte mit aller Willensſtärke das rebelliſche Blut zurück, ſagte freundlich nickend:„Bruder!“ und goß den Wein auf einen Zug hinunter.
Am ſpäten Abend erſt trennten ſich die Glücklichen.—
Am anderen Tage fuhr der Baron zu Fränzchen Schneller, um aus deren Munde noch einmal die Erzählung über Re⸗ gine zu vernehmen.
Fränzchen wollte vor Erſtaunen in die Erde ſinken, als ſie„ihren lieben Herrn Baron“ nun auch von der Sache nintereſſirt“ ſah.
Voll innerſter Bewegung nahm der Baron die Mit⸗ theilungen Fränzchen's entgegen und ſteckte das von letzterer ihm übergebene Tuch mit Reginens Namenszeichen in der Ecke als heilige Reliquie zu ſich. Auch Dolfi, der Regine an jenem Novemberabende in Fränzchen's Stube getragen, mußte kommen und jede Einzelheit, jedes Wort, das er mit ihr ge⸗ ſprochen, berichten.
„Die Welt braucht nichts von alledem zu erfahren, Herr Schneller,“ ſagte der Baron;„ich liebe ein unnöthiges Auf⸗ ſehen nicht. Mein Neffe Herbert wird Eva heiraten, damit findet der intime Verkehr zwiſchen uns ſeine vollſtändige Motivirung.“
„Wir werden ſchweigen, Herr Baron,“ verſicherte Dolfi.
„Ach Gott, Herr Baron,“ ſchluchzte Fränzchen,„wird die Sache ſich denn erledigen laſſen, ohne daß ich in's Zucht⸗ haus muß?“
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