reiſenden.
610 Concordia.
„Sie, Fränzchen, in's Zuchthaus? Weshalb denn?“
„Nun, der Herr von Plotzki, als er vor einigen Tagen hier war, ſagte mir doch, es ſtehe Alles ſchon vor den Ge⸗ ſchworenen und ich würde beſtraft werden und müßte in's Zuchthaus. O du mein Gott!— Aber er verſprach mir, als mein Vertheidiger auftreten zu wollen.“
„Plotzki iſt ein Schurke vom Wirbel bis zur Zehe, Fränz⸗ chen,“ ſagte der Baron,„und als ſolcher bereits entlarvt. Er hatte ſeine Zwecke, die ihn wünſchen ließen, von Ihnen Alles zu erfahren, was dieſe Angelegenheit betrifft. Sie anzuklagen, daran denkt kein Menſch. Herrn von Plotzki habe ich für immer die Thür gewieſen; er iſt geſtern Abend abgereiſt.“
„Daß Dich doch“—— machte Fränzchen ergrimmt.„Und meine hundert Thaler hat er mitgenommen!“
„Hab' ich Dir's nicht geſagt?“ höhnte Dolfi.„Denken Sie nur, Herr Baron, giebt das Schaf hier ihm hundert Thaler und verſpricht ihm obendrein noch mehr, nur wenn er ſich ihrer annähme. Mir hat ſie's natürlich nicht geſagt, bis ich's ſo zufällig'rauskriegte.“
„Das war allerdings nicht klug, Fränzchen,“ lachte der Baron.„Sie hätten zuerſt Ihren Mann um Rath fragen ſollen, ehe Sie ſo tief in den Geldbeutel langten.“
„Ach, Herr Baron, ich war ja zu ſehr in der Angſt.“
„Aber ein braves Weib ſind Sie doch, Fränzchen,“ ſagte der Baron und gab ihr die Hand.„Daß Sie Regine ſo freundlich aufgenommen und ſpäter die kleine Eva bei ſich behalten haben, werde ich Ihnen nie vergeſſen. Wenn Ihre Tochter heiratet, bekommt ſie von mir die Ausſteuer und tau⸗ ſend Thaler mit in die Ehe. Jetzt aber lebt Beide wohl. Man wartet meiner daheim mit Ungeduld.“
Auch zur alten Hanna, die er jede Woche einmal beſuchte, fuhr der Baron; jedoch in Eva's Begleitung.
Rein närriſch vor Freude wurde Hanna, als ſie Eva wiederſah. Noch verſchrumpfter, noch mumienhafter ſchien ſie geworden; wie ein Netz aus tauſend Fädchen zog ſich kreuz und quer in dieſem uralten Geſicht Falte an Falte.
„Gott ſei Dank, daß mein Reginchen wieder da iſt,“ lachte ſie, Eva's Hände drückend und küſſend.„Jetzt, lieber Rolf, laſſen wir ſie nicht mehr fort, denn es dauert immer ſo lange, che ſie wiederkommt.“
Der Baron zog Eva vor Reginens Bild und ſtand lange
davor. Als er ſich endlich abwandte und Eva an ſein Herz zog, ſchimmerte eine Thräne in ſeinem Auge.
„Im Aeußeren biſt Du ihr ähnlich,“ ſagte er,„gleiche ihr auch innerlich. Sie war das beſte, edelſte Weib und immer⸗ dar wird ihr Andenken in meinem Herzen ein geheiligtes bleiben. Als ich ſie verloren, blieb dies Zimmer meine Welt, meine heiligſte Stätte, mein Paradies, in dem ich ihren Manen lebte. Manchen Nachmittag habe ich in jenem Lehn⸗ ſtuhle dort verbracht, all' die Stunden ſeligen Glückes, welche ſie mir geſchenkt, mir vor die Seele zaubernd und ſchier ver⸗ zweifelnd, mein Leben ohne ſie hinbringen zu müſſen. Nun habe ich Dich gefunden und blauer Himmel und Sonnen⸗ ſchein lacht rings um mich. Gott ſegne Dich, meine Eva!“
Der Baron fragte Hanna, ob ſie nicht lieber mit ihnen kommen und bei ihnen wohnen wolle, anſtatt hier in der Abgeſchloſſenheit weiter zu leben. Aber Hanna ging nicht darauf ein. Hier in dieſer Stube wolle ſie ſterben, ſagte ſie, und lange würde es auch nicht mehr dauern, ſo würden ihr die alten Augen zufallen; denn jetzt wäre ja das Reginchen wieder da und ſie brauche nun nicht mehr zu warten und nicht mehr zu ſuchen.
Nur als Eva erklärte, mit dem Baron wieder fortgehen zu müſſen, fing ſie heftig zu weinen an, ließ ſich aber endlich durch das Verſprechen beruhigen, daß erſtere ſie recht, recht oft beſuchen wolle.
Wirklich hatte ſie wahr prophezeit; denn als Eva wenige Tage nachher, diesmal in Herbert's Begleitung, ſie zu be⸗ ſuchen kam, ſaß ſie kalt und ſteif in dem alten Lehnſtuhle. Sie ſchien ſanft eingeſchlummert zu ſein.
Kurze Zeit darauf führte Herbert ſein Weibchen heim, nahm den Abſchied und lebte mit Eva fortan auf ſeinen Gütern.
Frau von St. Etienne ging mit ihnen.
Auch Baron Rolf und Freda verließen die Stadt, um die Stille des Landlebens aufzuſuchen, die Beiden mehr ſym⸗ pathiſch war, als das Geräuſch der Welt.
Da die Beſitzungen des Barons an diejenigen Herbert's grenzten, ſo bildete ſich ein naher, angenehmer Verkehr, der von beiden Familien auf's Eifrigſte gepflegt wurde.
Freda blieb unvermählt.
Das Reſerl am Brandt.
Erzählung aus den Bergen von A. Weiß.
6. Kapitel.
Hätte das ſchwache Auge des Menſchen den Scharfblick eines Falken, ſo hätte um die Zeit, als Reschen gegen fünf Uhr von der Küche dem Feſtplatze ſich näherte, mancher Gaſt auf dem ſteilen Jägerſteig des hohen Fellns eine abwärts ſteigende oder wieder ſtille ſtehende menſchliche Geſtalt wahr⸗ nehmen müſſen. Der ſchön geformte 4900 Fuß hohe Felln, der ſich gen Oſten ausdehnend weſtlich an den etwas höheren Hoch⸗Gern(5300 Fuß) anlehnt, macht von der Eiſenbahn⸗ ſtation Bergen einen herrlichen Eindruck auf den Vorüber⸗ Die Nordſeite dieſes Berges mit ihren bewaldeten Vorhügeln, das lachende, kleine Weißachthal zu ihren Füßen
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luß.) 3 mit dem zum Bahnhofe hinaufſchauenden Spitzthürmlein des Dörfleins Bergen nächſt der romantiſch gelegenen Maximilians⸗ Hütte liegt in anheimelnder Stille vor uns, während von einem nach Siegsdorf ſich hinziehenden grünen Höhenzuge ein kleines Wallfahrtskirchlein(Maria Eck), zum Beten ladend, gar freundlich in's anmuthige Thälchen niederguckt. Im Hintergrunde dieſes reizenden Bildes erhebt ſich der ſchlanke kegelförmige Bergrieſe Felln. Seine mit bald himmelblauem, bald zart violettem Aether umſchleierten Granitfelſen ragen hoch in die Lüfte, mit den Wolken liebkoſend, und blicken hinaus auf das ſich vor ihm ausbreitende Hügelland und üppige Gefilde des Chiemgaues.—
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