Jahrgang 
2 (1879)
Seite
611
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Concordia. 611

So impoſant und maleriſch ſich gen Norden der hohe Felln repräſentirt, ſo ſteril iſt ſeine nach dem Brandt abfallende Südoſt⸗Seite. Einige zerriſſene Klüfte, eine kahle Wand und endloſes Stein⸗Gerölle mit einzelnen, dem Wetter trotzenden Hoch⸗Edeltannen bis hinunter zum Hieſel am Brandt ſind des ſchönen Berges eintönige Rückanſicht.

Wir ſchauen von der ſogenannten Schneid' hinab zur Thalhofer⸗Mühle, oder verfolgen abwechſelnd den ſich halb verſteckenden Jägerſteig, der in endloſen Krümmungen nach der alten Hütte, die wir ſchon kennen, ausmündet. Ueber⸗ raſchter blicken wir auf, denn auf dem eben erwähnten Steig begegnen wir dem lange in Oeſterreich flüchtig geweſenen Hieſel am Brandt.

Er blieb eben ſtehen und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. Seine Rehaugen lugten hinunter zum Brandt, ſie hingen lange an der freundlich hinaufgrüßenden Mühle. Seine Züge, von Schwermuth und Trauer umflort, nahmen einen etwas heiteren Ausdruck an, als er halb freudig, halb weh⸗ müthig vor ſich hinſeufzte:

Endlich nach langer, langer Zeit ſeh' ich dich wieder, du liabes, ſchönes Heimatsthal! Dort unten ſind ſie, meine Liabſten auf der Welt, mein treues Reſerl am Brandt, mein Alles, und mein guat's Mütterl, wenn ſie noch lebt!

Und des Flüchtlings braune Augen erglänzten, während er jetzt ſeinen Blick von der Mühle weg zu ſeiner Hütte am Hügel hinſchweifen ließ. Er weinte in der Freude des Wieder⸗ ſehens. Die Söhne des Berglandes hängen mit beſonderer, grenzenloſer Liebe an ihren heimatlichen Bergen und Thälern, und er, der arme Burſche, war doch hier aufgewachſen mitten in dem ſtillen, allem Weltgetöſe entrückten Plätzchen. Das bei den Kindern der Alpen ſich in der Fremde ſo bitter ein⸗ ſtellende Heimweh, ſeine feſte, innige Liebe zu Reschen und Mutter haben den flüchtigen Wilderer nicht mehr länger in der Ferne gelaſſen, ſie zogen ihn mächtig in die unvergeßliche Heimat zurück. Er konnte dem Drange des ſehnſüchtigen Herzens nicht länger Widerſtand leiſten; Alles, Schande und Strafe, vergeſſend, eilte er nach Jahresfriſt dem traulichen heimiſchen Boden entgegen, der Hütte am Brandt zu. Nach einem ängſtlichen, ſcheuen, forſchenden Späherblicke um ſich und in's Thal ſeufzte er erleichtert auf, eine halbe Stunde wohl ſprachlos, wie verloren in die Beſchauung ſeines theuerſten

Fleckens verſunken bleibend.

Da ſtörte ihn plötzlich ein derber Handſchlag, der gewaltig ſeine breite Schulter getroffen, aus ſeiner langwährenden Be⸗ trachtung auf. Sich zuſammenfahrend umwendend, erblaßte zum Tode des Aelplers Geſicht. Der Grauvogel von Seehaus ſtand vor dem erſchrockenen Burſchen. Sein Todfeind, wie er wähnte, war das erſte Begegnen auf heimiſchem Boden und ſein lautpochendes Herz erfüllte ſich mit wildloderndem Haſſe, ſein Sinn mit mächtigem Erhaltungstriebe der goldenen Freiheit.

Verzweiflung und Wuth, Angſt und Entſetzen wechſelten in den Zügen des überraſchten, aufgegriffenen Wilderers vom Brandt. Gar ſchnell reifte in ſeinem erregten Gehirn der gräßliche Gedanke, der unſelige Entſchluß, durch ein Verbrechen ſeinen Gegner unſchädlich zu machen.Wenn ich den Förſter über das G'wänd'nunterſtoße, ſagte er ſich ſelbſt,ſo bin ich frei und gerettet. Als er aber jetzt dem kalten, ſtechenden

5 Auge des nichtsfürchtenden Jägers begegnete, ſtand er machtlos

dem alten Waidmann gegenüber; aber auch Hieſel's gutes Herz ſiegte ſchon über die wildtoſenden Leidenſchaften ſeines erhitzten Gehirns.

Unſer Herrgott will's net, daß ich glücklich werd'. Mein Reſerl hat er einem Anderen beſtimmt, ſonſt würdet Ihr net der Erſte g'weſen ſein, der mir in der Heimat begegnet iſt, ſprachen endlich des muthloſen Flüchtlings Lippen.Ich folg' Euch ohne Widerred', wohin Ihr mich bringt, fügte er bei. Und nur um das bitt' ich Euch, daß ich meine alte Mutter ſehen und grüßen darf, bevor Ihr mich mitnehmt nach Traunſtein hinaus, endete der ſich freiwillig gefangen gebende Hieſel.

Das iſt auch vernünftig von Dir, Hieſel am Brandt! antwortete hierauf der bärtige Förſter, den Wildſchützen nicht aus den Augen laſſend.Aber wer hat denn vom Mitnehmen nach Traunſtein geſprochen? fuhr er weiter.Und was glaubſt Du und hältſt Du denn eigentlich von dem Stand eines königlichen Forſtwartes? Meinſt Du, ich bin ein patrouillirender Gensd'arm, der nach längſt abgeurtheilten, aber flüchtigen Verbrechern herumſtreift? Da kennſt Du den alten Grauvogel ſchlecht! Hier bin ich weder in meinem Revier, noch haſt Du Waffen bei Dir, alſo kannſt Du meinet⸗ halben Deiner Wege ziehen! Was Anderes, Hieſel, iſt's drüben am Thurnbach-Horn! Dort wenn ich Dich, anſtatt der Limpöck, mit dem Stutzen in der Hand angetroffen hätt', wärſt Du mir nicht entgangen, kecker Menſch. Aber auch kaum nach Traunſtein wärſt Du ſpaziert, ſondern hinunter vielleicht für immer in die ſchwarzgähnenden Schluchten, den Geiern und Füchſen zur Aeſung.

Erſtaunt, faſt verblüfft ſtand der Burſche ob des pflicht. ſtrengen Förſters Antwort vor demſelben, nicht wiſſend, ſoll er das Vernommene als Wahrheit oder teufliſchen Hohn hin⸗ nehmen.

Herr Forſtwart, ſagte hierauf der gefangene Burſche, Ihr wißt net, was ich ſeit einem Jahr ausgeſtanden hab' wie ein gehetztes Wild bin ich herumgeirrt, bis ich endlich an Hallſtädter⸗See Arbeit gefunden hab'. Aber die Ruh' hab⸗ ich für alleweil' verloren und das Heimweh, ſowie die Sorg um mein altes, blindes Mütterl haben mich endlich in Eure Händ''bracht. Darum aber laßt Euxen Spott, ſondern ſchießt mich lieber'nunter, daß ich todt an der Hütten drunt' lieg, bei meiner Mutter und eing'raben werd' auf der hei⸗ miſchen Erd'!

Da ſoll ich meiner Lebtag keinen Gemsbock oder Hirſchen mehr ſchießen, wenn ich anders denkt hätte, als wie ich ſprach, ſchaltete etwas ärgerlich der wahrheitsliebende, rauhe Jäger ein. Was ich ſag', hat Grund, Hieſel, das darfſt Du mir glauben, und faſt einen kameradſchaftlichen Ton annehmend, fuhr der Jäger dann weiter, ſich vor dem jetzt etwas beruhig⸗ teren Burſchen auf ein Felsſtück niederſetzend:Mein Dienſt verlangt, daß ich ſtreng und gewiſſenhaft hin, aber da täuſcht Ihr Euch alle gewaltig in mir, wenn Ihr meint, da drinn' in der rauhen Jägerbruſt wär's ſo kahl, wie das Geſtein unſerer Berg! Nein, Hieſel, da ſeid Ihr alle am Holz⸗ weg, die Ihr mich ſcheut als wie den leibhaftigen Teufel! Auch da drinnen ſchlägt ein Herz, das nur bittere Erfahrung und der langjährige gefahrvolle Forſtdienſt hart, aber nicht ge⸗ fühllos gemacht haben.

Der aufhorchende Wildſchütz näherte ſich unihr vertraulich