612 Concordia.
dem ſprechenden Jäger und ließ ſich zwiſchen Geröll auf das ſpärliche Alpengras nieder.
„Ich hab' es Deinem ſeligen Vater nie mehr vergeſſen, daß er mir vor acht Jahren am Fellhorn drüben das Leben gerettet, als der von mir angeſchoſſene Sechszehnender wie ein wüthendes Unthier auf mich losſtürzte, um mich an ſeinen mächtigen Stangen aufzuſpießen wie einen Heubuſchen. Da brach noch zur rechten Zeit das verwundete Thier, von der ſicheren Kugel Deines Vaters getroffen, vor mir zuſammen, ſonſt wär' ich Dir heut' kaum mehr begegnet. Ich werde den Sohn meines Lebensretters nicht als Gefangenen mitnehmen,“ ſagte der Waidmann, ſichtlich etwas erregt,„er mag un⸗ gehindert zu ſeiner Mutter hinunterziehen und ihr ſagen, wie der wilde, verſchrieene Grauvogel gehandelt, als ihm der ſteck⸗ brieflich verfolgte Wildſchütz vom Brandt in die Hände gelaufen iſt. Nun geh' Deiner Wege! und wenn Du Deine Strafe, Deine zwei Jahr', verbüßt, ſo beſſere Dich, armer Teufel, vielleicht kann ich Dich unterbringen im niederen Forſtdienſte, damit Du ungeſtraft Deiner Leidenſchaft fröhnen kannſt!“
Dieſe Enthüllungen des Jägers erfüllten des geſpannt zu⸗ hörenden Hieſel's Bruſt mit erfriſchendem Muthe und lauterer Dankbarkeit. Er ſprang auf und ging raſch zu dem nun ſchweigenden Forſtwart hin; deſſen Hand kräftig ſchüttelnd, hob er jetzt an:
„Herr Forſtner! Das hab' ich bei meiner Seel' net ge⸗ glaubt von Euch, wie guat Ihr ſein könnt.— Ihr habt durch Eure Red' den verzagten Bub'n wieder vollſtändig aufgricht' und gern tret' ich jetzt mein Straf' an, die ich verdient hab'! — Aber Eure Wort' ſind mir unvergeßlich und mit mein' Leben ſteh' ich für das Eure, wie es mein Vater gethan, dem es'gönnt war, einem braven Mann, wie Ihr es ſeid, das Leben zu retten. Nehmt meinen Dank, Forſtwart, und mein Verſprechen, daß ich in meinem Leben nicht wieder auf's Wildern ausgeh'!“
Die ſonſt in dem Geſichte des Aelplers liegende Ent⸗ ſchloſſenheit kam wieder auf demſelben zum Vorſcheine und aus ſeinen tiefbraunen Augen leuchtete muthige Treuherzigkeit, mit erwachender Freude gepaart. Ruhig und gefaßt ſchien jetzt der Wildſchütz ſeinem unausbleiblichen harten Geſchick entgegenzuſehen, und einen Blick in das Thal werfend, rief er reſignirt aus:„Reſerl! Mütterl! in zwei Jahren bin ich, wenn's Gott's Will' iſt, wieder bei Euch. Da kann ich wieder frei aufathmen in unſerer friſchen Bergluft herinnen und zu⸗ höchſt oben in den Forſten iſt dann Euer Hieſel der glücklichſt' Bua, wenn er als Kohlenbrenner wieder ehrlich und rechtſchaffen daſteht. Meine erſparten hundert Kaiſergulden bring' ich der Mutter, die wird ſie nothwendig brauchen, und werd' ich wohl heut' mein Reſerl treffen? Die muß ich ſeh'n und ging's in's hölliſche Feuer! Ob ſie mich noch gern hat, oder gar ſchon ein' Andern g'heiratet hat, nun— dann ſag' ich beim Mütterl allein und vielleicht für alleweil b'hüt' Gott!“
„Doch nein, ſie kann net ſo ſein, mein einzig's Dirnerl; Ihre treuen, blauen Aeugerln haben net g'logen, als ſie mich ſo innig ang'ſchaugt haben, wie ich von ihr fort hab' müſſen, als wollten ſie nochmal ſagen, was ihr liab's Göſcherl(Münd⸗ chen) ſchon tauſendmal ſagte: Hieſel, ich hab' Dich gern und bleib' Dir treu für's Leben!“
Die alte Spindeluhr des Förſters zeigte auf ſechs Uhr. Die Sonne küßte bereits mit ihrem goldenen Saume das
Laubholz der weſtlichen Höhen und Förſter und Wilddieb er⸗ mannten ſich endlich zum Gehen. Der Forſtwart, welcher ſich nur etwas ergehen wollte, ſtieg nun mit dem Hieſel den Jägerſteig nieder, während ſich tauſend Fuß unter ihnen, un⸗ bemerkt von Beiden, der Müller Thalhofer mit der blinden Mutter und ſeinem herzlieben Reschen der Hütte am Brandt näherte———
„So, jetzt ſind wir endlich heroben!“ ſagte der lautauf⸗ athmende Müller zu ſeinen Begleiterinnen, als er mit den⸗ ſelben vor der Hütte beim Hieſel am Brandt anlangte.„Weil es ſo angenehm warm außen noch iſt, nehmen wir hier gleich vor der Thüre Platz, nicht wahr, Mütterl?“ fragte das Reslein, und ihrer Anſicht ſchloſſen ſich Mutter und Thalhofer an.
Für den kleinen dicken Mann war der Anſtieg des ſteinigen Hügels faſt ein beſchwerlicher, und ermüdet ſetzte ſich dieſer, kaum an der Hütte angekommen, ſchon auf die Hausbank nieder. G
Nachdem man ſich eine Weile ausgeruht hatte, als Thal⸗ hofer wieder mehr zu Athem kam, hieß jener der Mutter und ſeiner Tochter, näher zu kommen, die nun auf alten Holzſtühlen in der unmittelbaren Nähe des zur Unterredung drängenden Müllers Platz nahmen. Schweigend erwarteten dieſelben, was ihnen der Müller wohl Wichtigers zu erzählen hatte, als Thal⸗ hofer mit ernſter Miene und die Hand der alten Blinden in die ſeine legend, begann, nachdem er noch einmal, wie vor einer länger andauernd zu haltenden Rede, ſich Athem holte:
„Vor Allem ſollt Ihr, Mutter, wiſſen, daß ich ein großes Unrecht, welches Euch und Eurer Familie geſchah, gut machen will!“
Ueberraſcht horchten die Zuhörenden auf und Thereſens Blick ruhte beſorgt auf dem weiter ſprechenden Vater, der jetzt einen Augenblick wiederholt tief Athem ſchöpfte, den Druck eines langjährigen Geheimniſſes endlich von ſeiner beengten Bruſt frei machend durch die erſten Worte eines Geſtändniſſes.
„Als vor neunundzwanzig Jahr' mein Vater Wendelin Thalhofer am Sterbebette lag, da mußte ich allein zu ſeinem Lager in die Kammer hinaufkommen. Zwei Stunden nach dieſer Unterredung ſtarb derſelbe in den Armen ſeines Weibes, meiner nun ſelbſt ſchon längſt verſtorbenen Mutter, welche, tröſt' ſie der liebe Gott, von Allem nichts wußte.—— — Ihr wißt, Nachbarin,“ wandte ſich der Sprechende an das blinde Mütterchen,„daß Euer ſeliger Mann, der Gütler Mathias Guttenbrunner, genannt Hieſel am Brandt, einen langjährigen Prozeß mit meinem Vater, dem Müller, führte?“
„Ja, leider Gott, der uns faſt Alles g'nommen hatt',“ ſeufzte die alte Guttenbrunnerin, war aber bereits wieder ſtill, als der Müller fortfuhr:
„Nun, eben die unſelig' Prozeßſach' veranlaßte meinen ſterbenden Vater ſeinerzeit, mich zu ihm zu rufen. Er er⸗ zählte mir, dabei immer ſchwächer werdend, daß es ſich in dem weitläufigen Rechtsſteit um die ſogenannte Scharfberger⸗ Leite und um die große Redlinger⸗Wieſe unten einerſeits und wieder anderſeits um das Beſitzrecht des Reizenſteiner Hoch⸗ Forſtes handelte.
„Dieſe Grundſtücke waren alle Eigenthum Eures Mannes; ſie machten ſo ziemlich, den ſteinigen Hügel vor uns aus⸗ genommen, das ganze Beſitzthum deſſelben aus, bis nun anno Vierunddreißig der langwierige Prozeß dieſe Grundſtücke an meinen Vater brachte. Euer Mann und Ihr ſeid durch den
————
——.,——
— ᷣ———


