Concordia. 619
Ausgang dieſes Grund⸗ und Bodenſtreites faſt gänzlich verarmt, und als dann vier Jahr' darauf der Hieſel und etwas ſpäter die unglückliche Wally auf die Welt''kommen ſind, ging bei Euch die bitterſte Noth an. Euer Mann war ſeitdem bis zu ſeinem Weggang der Todfeind meines Vaters. Als ihm der Müller freiwillig einen Theil Feld und Holz wieder ablaſſen wollt', war der Guttenbrunner net zu bewegen, daß er'was angenommen hätt'. Mein rechtmäßiges, mir geſtohlenes Eigen⸗ thum will ich entweder ganz, oder gar nichts! ſagte ſeiner— zeit Euer Mann und drohte meinem Vater, ihn mit der Holzaxt zu erſchlagen, wenn er net gleich Eure Hütte verließe.“
„Ich kann mich noch gut erinnern an den furchtbaren Auftritt!“ redete jetzt die blinde Muter darein. Es war an einem Lichtmeßtag, und ich ſah das ſchreckliche Geſicht meines Mannes und Euren vor Angſt zitternden Vater, denn damals war ich noch net blind, aber der Müller Thalhofer, Euer Vater, hat von den Gerichten Recht'kriegt und ſo konnte ja Alles nichts helfen. Mein Mann, Gott wird's ihm verziehen haben, hat Eurem Vater viel Bosheiten an'than, aber er glaubte immer, im Recht zu ſein!“
„Das war er auch, Euer Mann, Guttenbrunnerin!“ fiel jetzt Thalhofer in die Rede der Blinden,„d'rum laßt mich ausreden,“ während die Mutter und Reschen nun erſtaunt aufſtanden. „Zwei Tiroler, welche als Hauptzeugen eidlich vernommen worden ſind, haben falſch ausg'ſagt, und ſo hat Euer Mann verloren, wenn er gleich hundertmal im Recht war. Das hatt' den Vater am Sterb'bett noch'druckt und hatt' mir auf'tragen, die Sach' in's Reine zu bringen.“
Die blinde Mutter zog, nachdem ſie dieſes Geſtändniß des verſtorbenen Müllers am Brandt erfahren hatte, ihre Hand aus der des Sprechenden, während Thereſe erröthend die Augen niederſchlug und ſich das Geſicht mit den Händen ver⸗ hüllte, als ſchämte ſie ſich der That ihres Großvaters.
„Gott vergeb' Eurem Vater, was er uns an'than hat!“ ſagte nach einem peinlichen Schweigen die etwas erregter ge⸗ wordene Blinde, dabei ihr bebender Mund fortſibrirte, als hätte ſie noch wem Vergebung zu ſagen, aber die traurigen Erinnerungen ließen ſie ſchweigen.
„Und mir mag er auch vergeben!— weil ich ſo lange geſchwiegen hab'!“ ſetzte Thalhofer reumüthig hinzu. Thereſe hielt ſich näher an Hieſel's Mutter, als befürchtete ſie ſchon, deren Liebe verloren zu haben. Nach innerem, langen Kampfe wagte ſie dann an ihren Vater die Frage zu richten:
„Aber Vater! warum thut Ihr denn erſt heute, was ſchon vor neunundzwanzig Jahr' Eure Pflicht g'weſen wär' und g'ſchehen hätt' müſſen? Ja, Vater, verzeiht es mir, wenn ich ſo red’! aber ihr habt Euch verſündigt, darum ſind wir auch abgebrannt. Dem liaben Gott ſei Dank, daß Ihr endlich das Unrecht des Großvaters auf'deckt habt. Nun werdet Ihr ab⸗ helfen?“
„Das hab' ich mir auch denkt, mein liab's Kind, und es war der Wille Gottes, daß gerad' die Wally den Brand ſtiften mußte. Es war ſein Fingerzeig, endlich das himmel⸗ ſchreiende Unrecht an den Guttenbrunner'ſchen wieder gut machen zu müſſen, das mein Vater verſchuld't hat; aber ſchau', Reſi! ich hab's ſchon tauſendmal, ja faſt alle Tag' feſt vorgehabt, mit der Guttenbrunnerin d'rüber zu reden, aber ich ſchämte mich immer, dem eigenen Vater ſeine Schuld aufzudecken. Ich hab' dem Hieſel ſeine Rach' gefürchtet und
den Fluch der alten Mutter. Jetzt aber, am Jahrestag unſeres Unglücks, hab' ich mir vorgenommen, muß es endlich an's Tageslicht kommen! Mein einziges Kind ſoll Zeuge ſein von der Reue ihres ſchuldigen Vaters und ſeinem Geſtändniß,“ ſeufzte der Müller.
Dann ſich an die nun weinende alte Mutter Hieſel's wendend, fragte er dieſelbe mit faſt gebrochener, flehender Stimme:
„Arme, durch mich und mein' Vater ſo elend gemachte Mutter, könnt Ihr mir mein Unrecht wohl verzeihen? Auch dor Hieſel wär' kaum ſo unglücklich worden und in's Wildern 'angen, wenn ich früher'was eingeſtanden hätt'! Unſer Herrgott ſei mir gnädig in meiner Sterb'ſtund', denn jetzt ſeh' ich's erſt vollſtändig ein, was ich eigentlich für Leid und Elend über Euch, Mutter,'bracht hab', daß ich ſo lang nichts ſagte; aber immer wollt' ich mein' Vater verſchonen, der als ehren⸗ geachteter Mann weit und breit bekannt war.“
Dabei zog er eine Brieftaſche aus ſeinem blauen Tuchſpencer und legte ſie in den Schoß der Guttenbrunnerin.
„Hier, Mütterl, ſind 6500 Gulden für Euch! denn ſo viel ſind die Eurem Mann unrechterweiſe abgenommenen Grundſtücke ſicher werth, und als Schmerzensgeld, als kleines, für Eure langen, unverdienten trübſeligen Jahre, ſchenk' ich Euch mein Reizenſteiner⸗Gütl wie es geht und ſteht, und morgen gleich müßt Ihr mit mir zum Notar nach Traunſtein hinaus, daß die Schenkung beurkundet wird. Aber lieber nochmal ſoviel geb' ich Euch, Mutter, bevor Ihr Jemandem das Unrecht meines Vaters erzählt!— Schont den Verſtorbenen, um das bitt' ich Euch, und unſer Herrgott wird Euch barm⸗ herzig ſein, Guttenbrunnerin!“
„Ja, liab's armes Mütterl!“ flehte jetzt das in Thränen ſchwimmende, ſchamerfüllte Reslein am Brandt vereint mit ihrem zerknirſchten Vater.„Vergebt, ich bitt' Euch kniefällig, meinem Vater und vergeßt das groß' Unrecht meines Groß⸗ vaters; lieber verzicht' ich auf mein ganzes Erbtheil der ſeligen Mutter. Das ſoll auch noch Euch gehören, aber nur verzeiht 's meinem Vater und verdammt mich net, Mütterl, ſondern habt's mich noch liab wie bisher. Alles, Mütterl, ſoll Euch gehören, keinen Pfennig will ich als mein rechtmäßiges Gut anſehen, bis Ihr net dem Vater vergeben habt und mir ſagt, daß Ihr mich net veracht'!“
Der Blinden bitteres Geſicht erhellte ſich, als ſie die ſanfte Stimme des Reſerl's am Brandt, bittend an ſie gerichtet, ver⸗ nommen hatte, und nach ihrem Liebling herumtaſtend, zog ſie denſelben mit zärtlicher Gewalt an ſich heran, und das noch immer weinende, flehende Kind des Müllers mit ihren dürren, zitternden Händen ſtreichelnd und liebkoſend, ſprach ſie in einem untrüglich', liebevollen, rückhaltsloſen Tone eben:„Du herzliab's Patſcherl(Ungeſchickte)! wer wird denn einem un⸗ ſchuldigen Engerl, wie Du biſt, bös ſein können?“ als Reslein einen lauten, nicht unterſcheidbaren Freuden⸗ oder Schreckensruf ausſtieß, denn in demſelben Moment erſchien an der Ecke der Hütte der gefeite Jäger von Seehaus mit dem Hieſel am Brandt.
„Jeſus, Maria und Joſef, mein Bua in den Krallen des Grauvogel's!“ ſchrie ſie entſetzt auf und warf ſich wie ſchützend zwiſchen den Förſter und Hieſel, dem Letzteren an die Bruſt.
„Hieſel, mein einziger Bua, Du kommſt— endlich ſeh' ich Dich wieder! aber auf wie lang'?“ Und ihr mattblickendes
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