Jahrgang 
2 (1879)
Seite
614
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614 Concordia.

Auge funkelte plötzlich auf in unbeſchreiblicher, augenblicklicher Freude und Furcht, welche ihr die Nähe des gefürchteten Jägers und ihres Vaters minutenlang vergeſſen ließen.

Mit einer Innigkeit ſondergleichen lagen ſich die lang⸗ getrennten Liebenden Herz an Herz und die Glückſeligkeit dieſer Augenblicke erſten Wiederſehens ließen ſie ſtumm bleiben bei ihren ſtürmiſchen Liebkoſungen. Der Sonne abendliches Roth beſchien dieſes Bild ſeliger Momente mit roſigem Lichte, als hätte der Himmel ſelbſt ſeine Freude an der Wonne des Pärchens, als hätte er abſichtlich den Alles beglückenden Keim zärtlicher, inniger Liebe und Zuneigung in die Herzen der ſchuldloſen Kinder gelegt, deren Eltern in langen Jahren ſich todfeindlich begegneten und auswichen.

Die hat der Himmel für einander beſtimmt, flüſterte unwillkürlich das blinde Mütterchen, Thränen der Rührung vergießend, aber dennoch ſo laut, daß ihre Worte dem über⸗ raſcht daſtehenden Müller am Brandt in das Innerſte ſeines Vaterherzens eindrangen, einen bis jetzt nicht gefühlten, wohl⸗ thuenden Eindruck zurücklaſſend.

Der Förſter von Seehaus wande ſich ab, um ſeine Be⸗ wegung nicht verrathen zu müſſen. Eine Zähre wiſchte ſich der alte rauhe Forſtmann aus dem ergrauten ſtruppigen Vollbart. Der harte Jäger hatte das erſte Mal ſeit ſeinen Kinderjahren wieder geweint. Unbemerkt von Hieſel und Reschen entfernte er ſich, um die Hütte jetzt biegend, und ſchlug den engen Waldpfad zum baieriſchen Ruck ein.

Endlich blickte das Reslein am Brandt um ſich her.Wo iſt denn der Grauvogel, Dein Verfolger, armer Mathias? fragte ſie verwundert, nach dem Abweſenden umherſpähend.

Der iſt fort, liab's Reslein! antwortete jetzt Hieſel, und mit der Hand nach dem ſchon umdämmerten Waldpfad hinab⸗ deutend, erzählte der Flüchtling, nachdem er inzwiſchen auch ſeine Mutter innig begrüßt hatte, ſein Begegnen mit dem wilden Jäger dort oben am Jägerſteig des beleuchteten Fellns.

Alle hörten erſtaunt auf Hieſel's ſchlichten Bericht, der nun, von allen Seiten beſtürmt, ſeine Erlebniſſe in der Fremde daran reihte. Als er treuherzig ſein Herzleid in der Ferne, ſeine treue Lieb' zu ſeinem Reslein, die Sorge für die arme Mutter mitgetheilt hatte, blieben keine Augen mehr trocken, und ſelbſt der vorurtheilsvolle Müller am Brandt gab jetzt dem wackeren Burſchen freundlich die Hand und ſprach haupt⸗ ſächlich ſeine Freude darüber aus, daß Hieſel am Hallſtädter⸗ See in der bedeutendſten Sägemühle gearbeitet und ſeine Kenntniſſe in dieſem Geſchäft erweitert hatte.

Reflexe magiſch leuchtenden Alpenglühens floſſen über die glückliche Gruppe, nur die ſchwarze, hölzerne Hütte blickte finſter wie ſie war auf dieſelbe hernieder, ſo traurig und hoff⸗ nungslos, als könnte in ihrer Nähe unmöglich das bleibende Glück eines Menſchen erblühen. Auch die zuvor noch im erſten glücklichen Rauſche des Wiederſehens erfreuten Paare wurden plötzlich trauriger geſtimmt, denn jetzt kamen ihre Ge⸗ danken auf Hieſel's zukünftiges Loos. Das Gefängniß mit all' ſeinen Leiden und Entbehrungen trat düſter vor ihre Blicke und namenloſes Leid bemächtigte ſich Aller Herzen.

Das iſt meine Schuld! ſeufzte der Müller, und wieder⸗ holte vor dem verurtheilten Flüchtling die bereits gemachten Enthüllungen der vergangenen troſtloſen Jahre, welche für die Angehörigen des aus Noth zum Wildſchützen gewordenen Hieſel's ſo verhängnißvoll wurden. Der flehende innige Blick

aus Reslein's bittenden thränenden Augen dämpften die ge⸗ rechte Aufwallung in Hieſel's lautſchlagender Bruſt, und als der Müller am Brandt reumüthig geendet, ging der unglück⸗ liche Burſche mit Reslein zu dem jetzt ſtumm vor ſich hin⸗ brütenden Thalhofer hin, indem er mit faſt ſchluchzender Stimme anhob:

Müllner! da ſchaut Euch mein blindes, verkümmertes Mütterl an! Denkt an meinen aus Gram zu früh ge⸗ ſtorbenen armen Vater, an meine unglückliche Schweſter, an die wahnſinnige Wally, der wir in unſerer unverſchuld'ten Armuth nicht einmal die nothwendige ärztliche Pfleg' anthun konnten!

Dem Müller wankten bei dieſen grellbeleuchteten, er⸗ wähnten Folgen ſeines unrechten langjährigen Schweigens die Kniee und mit gefalteten Händen horchte er auf die weiteren Anklagen des Flüchtlings.

Schaut auf die baufällige Hütte hin und auf das werth⸗ loſe Geröll' um uns her, das iſt Alles, was uns Euer Vater noch'laſſen hatt'. Erinnert Euch noch an die harten, ſpötti⸗ ſchen Wort', die Ihr mir vorig's Jahr z' Lichtmeß'geben habt, als ich um Arbeit bitt' hab' und endlich was mir jetzt bevorſteht, weil ich aus Noth einen Gemsbock'runter⸗ ſchießen hab' müſſen, daß mein Mütterl net verhungert iſt. Im Kaiſerlichen drüben bin ich herumg'irrt und's Heimweh und die Sorg' für meine arme Mutter hätten mir ſchier das Herz ab'druckt. Jetzt bin ich heim'kommen, um morgen ſchon wieder'nauszugehen auf's Traunſteiner Gericht, um mich zu ſtellen. Das Zuchthaus, Müllner, das hätt' ich mein' Lebtag' net denkt, iſt mein zukünftiges Loos, und ich dank' nur unſerm Herrgott dafür, daß es mein braver Vater nimmer erlebt hat. Vor einem halben Jahr iſt ein Traunſteiner Holzhändler nach Hallſtadt kommen, und der hat mir's mit'theilt, daß ich drei⸗ undzwanzig Monat' Straf''kriegt hab'. Und hätt' ich net an mein Mütterl denkt, ſo wär' ich in den See'neingeſprungen!

Hör' auf! ich bitt' Dich, Mathies, hör' auf, das iſt ſo traurig, ſo ſchrecklich, daß mir faſt's Herz bricht, unterbrach ihn jetzt jammernd das weinende Reslein, und ihre Einſprache lautete ſo ſchmerzvoll und rührend, daß Hieſel ſofort inne⸗ hielt in den erdrückenden Anſchuldigungen gegen ihren Vater, ſo gut zu ihr aufſchauend, als könnte er dem ſchuldloſen Mädchen nichts abſchlagen. Plötzlich nahm er Reslein's bebende Hand und trat hart an den faſt zuſammenbrechenden Müller heran.Da, ſagte er, auf das untröſtliche Müllers⸗ Kind an ſeiner Seite hinweiſend,Müllner, iſt die Bruck über die weitklaffende Schlucht, welche uns auf Lebtag lang' nun trennen müßt'. Hier vor uns ſteht das Engerl, das uns ausſöhnen kann und dem zu Liab' ich Alles vergeſſen will, was Ihr uns an'than habt. Ihre, dem Reſerl, treue, aufrichtige Liab' iſt es, die mich bis jetzt net verzweifeln hat laſſen, und dies brave Herzerl, Müllner, das mir entgegen⸗ ſchlagt, das Herz Eures Kindes, das mein gehört, das laßt mir und raubt es mir net, dann ſollt Ihr meinetwegen glück⸗ lich ſein mit Eurem großen Beſitz und alles Uebel und Leid ſei Euch vergeben.

Du herzensguater Bua, Du! Gott g'ſegn Dich dafür! warf hier das Reslein ein, ihren dankbaren Blick auf dem Geliebten ruhen laſſend, während des Müllers Bruſt erleichtert aufathmete, der nun, den Hieſel bei den Händen erfaſſend, erwiderte: