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Concordia. 615
„Hieſel! Deine Anklag' war gerecht, aber furchtbar, und wie glühendes Blei iſt jedes Wort in meine Ohren ein'drungen und zum Herzen'nein'gangen, daß es faſt z'ſprungen wär'! Aber, Bua, daß wenn Du Alles vergeben kannſt, was ich ang'richt' hab', ſo biſt Du der beſt' Menſch in die Berg' herinnen. Dein Mütterl kann ſtolzer ſein auf Dich, als ich auf meine Grundſtück' und Mühlen, und mit Freuden ſchlag' ich ein, Dich meinen Schwieger zu nennen, wenn Dich mein wetterlauniſcher Herzkäfer mag.“
„Darum braucht Ihr Euch net zu kümmern, Vater!“ jubelte das Reslein am Brandt, ihrem Geliebten eiligſt um den Hals fallend, ſo ſtürmiſch und wild, daß der Hieſel bei⸗ nahe das Gleichgewicht verloren hätte.
„Das iſt unſerm liaben Herrgott ſein Werk! Gott wird dieſen Ausgang auch ſegnen,“ ſtammelte bewegt die blinde Mutter, ihre magere Hand dem Müller zur Verſöhnung hin⸗ haltend, der ſie lange und feſt in der ſeinigen hielt.
Die blinde Mutter hatte ein Herz voll ſeltenen Edel⸗ muthes und wahrhaft chriſtlicher Frömmigkeit. Sie verſchwieg ſtets ihrem Sohne die unſelige Prozeßſache ihres Gatten mit dem Müller Thalhofer und verhinderte auch Erſteren daran, den Kindern davon zu erzählen. Sie wollte als Mutter nicht den Haß und die Rachſucht in das Herz ihres Kindes ein⸗ pflanzen, während ſie dem ſchuldloſen Reschen ohne Rückhalt die ganze Liebe ihres reinen, tieffühlenden Mutterherzens eut⸗ gegenbrachte, obwohl ſie Enkelin des Mannes war, der aus verächtlichem Eigennutz ihre ganze Familie in ſo namenloſes Elend ſtürzte. Sie willigte in das längſt ſchon geahnte Ver⸗ hältniß und Bündniß der jungen Leutchen und ſegnete die nun auf ſie zukommenden Glücklichen.
Der Müller Thalhofer dagegen wandte ſich an den ver⸗ ſöhnlichen guten Hieſel und rief mit freudeerſtickter Stimme:
„Hieſel, mein guater Nachbar! Net nur mein Herzkäferl, das Reſerl, ſondern Alles dazu, Haus und Hof, Wald und Felder geb' ich Dir gern, und der Müller Thalhofer, der 'giebt ſich in d' Ruh' auf dem bairiſchen Ruck⸗Gütl droben.“
Das junge Paar vergaß in dieſer Stunde alles frühere oder kommende Leid; ihre Zukunft lag noch roſiger vor ihnen, als der Glimmer des entzückenden Abendrothes auf den Bergen.
„Aber jetzt müſſen wir endlich wieder hinunter zu unſeren Gäſten,“ ſagte der überglückliche Vater Reslein's,„das Feuer⸗ werk wird ſchon losgebrannt, welches die Traunſteiner eigens mit hereingenommen haben! Kommt Alle herunter! auch Du, Hieſel, mußt mit, da unten wirſt Du net gfreſſen und ſchlecht angeſchaut werden, dafür will ich ſorgen, es iſt meine Pflicht!“ ſchloß der Müller, als eine Rakete knallend in der dunkelnden Abendluft platzte.„Der Spänglermeiſter, Herr Karl, hat ſchon damit angefangen— nun tummelt Euch ein biſſerl, daß wir hinunterkommen, bevor uns die Gäſte verlaſſen!“ eiferte Thalhofer und drängte die immer noch plaudernden jungen Leutchen, das blinde Mütterchen bei dem Arme führend, zum Gehen.
Kaum hatten die nun abwärtsſteigenden Paare die Nähe der Hütte verlaſſen, als ſich unter donnerähnlichem Gekrach ein mächtiges Felsſtück vom G'wänd ablöſte und unter laut⸗ lärmendem Getöſe auf die hölzerne Hütte vom Hieſel am Brandt niederſtürzte, das alte baufällige Gebäude zerſtörend und begrabend, als hätten die Elemente dieſes traurige Heim langjährigen Leidens und Elends nicht länger in dieſem ſonſt
ſo traulichen, glückathmenden Bergthälchen dulden wollen. Die Hütte des Hieſel's am Brandt ward zertrümmert, und drei tiefrothe Sternlein eines ſchwärmenden Feuerwerkskörpers ſanken nieder und erloſchen auf der vernichteten Stätte des Unglücks. 3
7. Kapitel.
„Der ſieben Ellen lange Haſeneder⸗Loisl von der Rom⸗ berger⸗Leite, der, einmal umgefallen, ſchon eine Viertelſtunde den anderen Wettläufern voraus war, als er wieder aufſtand, hat das erſte Beſt' bei dem Laufen erhalten!“ ſagte lachend und ſcherzend die gemüthliche Bachhäublwirthin von Traun⸗ ſtein, als die glücklich der Gefahr Entgangenen vom Hügel zu der luſtigen Menge eben wieder zurückkamen. Der muntere Zitherſpieler Loisl näherte ſich tanzend und ſpringend der ihm zuwinkenden Wirthsfrau, welche es übernommen hatte, die Preiſe an die Burſche zu vertheilen. Loisl ſteckte die vier Guldenſtücke in ein zu beſcheidenes, winziges Geldbeutelchen, aber er ſah dabei ſo glücklich aus, als wäre er reich wie Herr Rothſchild. Seinen faſt kegelförmigen, weißen Strohhut, den beſtändig eine lange, gebogene gelbe Hahnenfeder zierte, warf er hoch in die Luft, und einen Purzelbaum ſchagend, machte er Platz für die übrigen Preisträger. Bald hierauf erklangen ſeine lieblichen Zitherweiſen und Alles tanzte und ſprang um den drolligen Schnellläufer und Muſikanten herum oder ſchaute einer eben ziſchend die Luft durchſchneidenden feurigen Rakete nach, die Herr Karl abbrannte.
Herr Doktor Silberhorn ging wiederholt zu der blinden Mutter des Hieſel's hinüber und lud ſie ein, nächſte Woche beſtimmt nach Oedhof zu kommen. Er verſicherte, daß ohne jede größere Gefahr der Mutter das Augenlicht wiedergegeben werden könne. Hieſel's Mutter litt an dem grauen Staar, und dieſen hatte Herr Silberhorn, der Schüler des berühmten Gräfe, ſchon hundertmal glücklich operirt. Das Mütterlein, von Reschen und ihrem Sohne beſtürmt, ſagte für Mittwoch künftiger Woche zu.
Während nun Alles plauderte und ſcherzte, kam noch ein Gaſt an, der mit ſtaubbedeckten Stiefeln eben über die Mühl⸗ bachbrücke herüberſchritt, als Thereschen mit dem Hieſel bei den Ruhpoldingern Platz nahm. Hieſel's Erſcheinen machte Alles von ihm reden; der kecke Beſuch des Flüchtlings, wie ſie annahmen, gefiel den muthigen Burſchen der Thäler, ſie begrüßten ihn beſonders herzlich, und Manche ſagten ſich ſtill, daß es ein Glück für den Wildſchützen ſei, weil der Grauvogel ſchon fort wäre.
Da plötzlich erſchraken Hieſel und Reſerl zugleich, und Letztere, erblaſſend, mußte ſich an ihrem Geliebten feſthalten. Der neu Angekommene näherte ſich zufällig dem Tiſche der Ruhpoldinger; es war der bekannte Gerichtsdiener Poſch vom Bezirksgerichte Traunſtein. Der ſonſt ſo mürriſche alte Ge⸗ richtsbote ſah aber heute eben nicht ſo abſonderlich bärbeißig aus; gar freundlich grüßte er ſeine bekannten Traunſteiner Bürger. Die Bauernburſche rückten ihre federgeſchmückten grünen Hüte etwas wie zum Gruße oder Zeichen der Achtung, als der Bote vorüberkam, während ſie unvillkürlich theil⸗ nehmend zu dem flüchtigen Hieſel hinüberſchauten. Poſch ſetzte ſich zu dem Maria⸗Gſchwendner, legte einen Pack Akten vor ſich auf den Tiſch, nachdem bereits eine dienſtfertige Magd ein friſches Maß Bier vor denſelben hingeſtellt hatte.
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