616
Concordia.
„Grüß'’ Euch Gott, Herr Gerichtsdiener; woher denn und wohin denn noch heute Abend ſo ſpät, Herr Poſch?“ grüßte und fragte Inzeller den müden Gerichtsdiener aus Traunſtein.
„Ah, der Maria⸗Gſchwendner! Grüß'’ Gott, alter Schwede, auch beim Zeug'? Hier geht's ja recht luſtig'runter! Ein paar Geſchäfte, Zuſtellungen, hab' ich noch herinnen zu machen und dann ſchaue ich, ob mich Jemand mitnehmen kann auf ſeinem Wagen nach Traunſtein,“ erwiderte Poſch, dabei die Anweſenden Traunſteins muſternd.
„So, Zuſtellungen habt Ihr herinnen in der Mühle am Brandt?“ ſprach etwas gleichgiltig Inzeller darauf, aber be⸗ ſorgt zu dem Hieſel hinabſchauend, welcher neben der faſt vor Angſt zergehenden Müllerstochter ſchweigend daſaß und wie alle Uebrigen auf jedes Wort des Gerichtsdieners auf⸗ paßte.
„In der Mühl' eigentlich nicht, ſondern zu der alten Rumpelhütten am G'wänd droben muß ich noch hinauf,“ ſagte etwas verdrießlicher der erſchöpfte alte Bote, ſeinen weißen Schnurrbart mit den Fingern drehend.
Da zuckten Hieſel und Reschen zuſammen, während Poſch weitererzählte:
„Vor ungefähr fünf Jahren iſt auf dem Fellhorn am Grenzaufſeher Himmer ein Verbrechen, ein Mord begangen worden. Zwei Tiroler hat man die vorige Woche aufgegriffen und dieſe ſind ſehr verdächtig, dieſe Unthat begangen zu haben.“
Mit der größten Spannung horchte Alles auf, als Poſch fortfuhr:
„In dem alten Protokoll iſt eine einzige Zeugin vorhanden, die dort nicht recht zuläſſig war. Dieſe Zeugin iſt die Tochter des Hieſel's am Brandt, Wally Guttenbrunner, und dieſelbe ſoll ich nun vorladen zum Unterſuchungsrichter Berchthold.“
„Da müßt Ihr ſchon in den Himmel'naufkraxeln(ſteigen), wenn Ihr die Guttenbrunner⸗Wally vor's Gericht laden wollt; denn die arme Haut iſt voriges Jahr beim Brande in der Mühl' jämmerlich im Feuer um kommen,“ ſagte der zuhorchende Haſeneder⸗Loisl.
„Das iſt z'wider!“ murmelte der Bote;„aber ich muß dennoch zu dem Neſte hinauf, ſo müd' als ich bin, weil ich für den Bruder der Wally, den Hieſel am Brandt, ebenfalls etwas bei mir hab'!“
„So, ſo! für den Hieſel auch'was!“ fielen erſtaunt und halb neugierig mehrere Stimmen in der Runde. Hieſel er⸗ bleichte etwas bei ſeinem genannten Namen, blieb aber ruhig. Reslein, das herzige, auf Foltern der Angſt liegende Müllers⸗ kind, faltete ſtumm die kleinen Hände, und ihr eben herzu⸗ gekommener Vater bemerkte mit Bekümmerung das Ausſehen der Verlobten.
„Auch der Gang bleibt Euch erſpart, G'richtsdiener!“ ſprach jetzt der Kohlenbrenner⸗Bub' von der Laub⸗Au drüben darein, daß ihn Alles unwillig und erſtaunt anſah.„Heute Abend iſt das alte G'raffel eing'fall'en und der Hieſel am Brandt iſt ſchon längſt in's Kaiſerliche'nüber und ſteckt weiß Gott wo, bis ſich der G'ſpaß mit dem langbeinigen Jäger von Seehaus, der gottlob verſetzt worden iſt, verjährt hat,“ endete er, dem Gerichtsboten eine Grimaſſe ſchneidend. Der gutherzige Bub' wurde nicht zum Verräther an dem anweſen⸗ den Hieſel, und die dankbaren Blicke der Verlobten lohnten des braven Buben aus Freundſchaft gebrauchte Nothlüge. Im
gleichen Moment ſtand aber Hieſel auf und ging feſten Schrittes zu dem Gerichtsboten hinauf und grüßte artig mit dem Hute, indem er dann anhob:
„Der Reisberger⸗Natzi(Ignaz) von der Laub⸗Au, Herr G'richtsdiener, hat net gewußt, daß ich heut' wieder heim⸗ 'kommen bin! Wenn Ihr alſo für mich'was habt, ſo könnt Ihr mir's gleich geben! Morgen früh wär' ich aber ſo'naus⸗ 'kommen nach Traunſtein!“ Sein Herz war von Natur aus nicht furchtſam; ihm war das lange Schweigen eine Pein; es beſchämte ihn faſt vor ſeinen Kameraden.
Der Gerichtsbote ſuchte nun eine Weile in den Akten herum und brachte endlich ein großgefaltetes verſiegeltes Schreiben hervor, das die Adreſſe an Hieſel am Brandt, be⸗ ziehungsweiſe an Mathias Guttenbrunner am Brandt bei Ruhpolding, trug.
„Das iſt's, das gehört Dir, wenn Du der Hieſel am Brandt biſt!“ ſagte der Bote, und eine etwas freundlichere Miene machend, ſetzte er bei:„Meine Gratulation, Du glück⸗ licher Wildſchütz am Brandt, und ich bitt' um meine vier Kreuzer Zuſtellungsgebühr!“
Hieſel, ſowie der neugierige, um den Boten herumſtehende Kreis Burſche und Mägde waren ſtark verſucht, des Boten Worte als beißenden Spott hinzunehmen, aber ſein ruhiger Ernſt dennoch wieder, mit dem er zu ſprechen gewöhnt war, theilte die Anſichten unter ihnen, während Hieſel aber ſchon ſeinen Geldbeutel aus der Taſche zog und, denſelben offen vor dem Gerichtsdiener liegen laſſend, etwas bitter ſagte: „Vier Kreuzerln kriegt Ihr ſo wie ſo, aber einen Zwanziger zahl' ich extra, wenn Ihr mir dies Schreiben gleich auf der Stelle vorleſ't. Ich kann mir die Schniegſeln und Hakeln der ſtudirten Herr'n net guat zuſamm'buchſtabiren, und da könnt' ich von mein' ſakriſchen Glück als Wildſchütz leicht etwas überſehen, ich g'waltiger Glücksvogel von jeh'! Ihr ſeid’s die Schriften beſſer gewöhnt, alſo leſ't mir's vor, mein Glücks⸗ ſchreiben, wenn ich bitten dürft', aber net gar z'laut, daß net Alles erſchreckt und umfällt über mein groß Glück, Herr G'richtsbot', wollt' ich ſag'n.“
Der Gerichtsbote ſchaute den Sprechenden ſcharf an und klärte das Mißverſtändniß am beſten dadurch auf, daß er das Schreiben von Hieſel erbrechen ließ und daſſelbe ziemlich laut vorlas. Reslein näherte ſich ängſtlich und ſchüchtern ihrem Verlobten, der ſeine Ruhe vollſtändig gewonnen hatte. Der Müller am Brandt ſtand neben dem Pärlein und kein Laut ſtörte jetzt den zu leſen beginnenden Boten:
„Dem Gütlersſohn Mathias Guttenbrunner, genannt Hieſel am Brandt, zu Brandt, Gemeinde Ruhpolding, wird hiemit bekannt gegeben, daß ihm ſeine vom königlichen Be⸗ zirksgerichte zu Traunſtein wegen Vergehens des Jagd⸗ frevels und Widerſtandes zuerkannte Gefängnißſtrafe von einem Jahr und elf Monaten im Gnadenwege erlaſſen wurde. Seine Majeſtät der König begnadigen den Ver⸗ urtheilten Mathias Guttenbrunner in beſonderer Rücſſicht auf die große Nothlage ſeiner Familie und in Anerkennung, daß Guttenbrunner bereits drei Menſchen das Leben ge⸗ rettet hat.
München, den 8. September 1863.
Das kgl. Oberappellgericht.“
„Da, G'richtsdiener, habt Ihr zwoa Kaiſergulden!“ ſchrie Hieſel zuerſt.
—
G


