8443 Concordia.
die wenigen Geſchäftsverbindungen, welche noch aus beſſerer Zeit übrig geblieben waren, mußten daher um ſo ſorgfältiger gepflegt werden..
Eines Tages rief Bernhard— dies war der Name des Kaufmannes— ſeinen älteſten Sohn in ſein Privatkomptoir, um ihm mitzutheilen, daß das Intereſſe der Firma eine Ge⸗ ſchäftsreiſe nach Schleſien, Ungarn und Galizien unbedingt nöthig mache.
„Es iſt hierzu eine durchaus zuverläſſige Perſönlichkeit er⸗ forderlich,“ ſagte der alte Bernhard,„und ich habe Dich aus⸗ erſehen, dieſe für unſer Haus vielleicht folgenſchwere Reiſe zu unternehmen. Du biſt in alle Verhältniſſe des Geſchäfts ein⸗ geweiht und haſt als künftiger Beſitzer deſſelben jedenfalls mehr Intereſſe an dem Wohl und Wehe, als dies bei einem Fremden der Fall ſein kann.“
Der junge Kaufmann reichte ſeinem Vater die Hand.
„Du ſollſt mit mir zufrieden ſein,“ rief er, indem das Gefühl, ſeine geſchäftliche Tüchtigkeit anerkannt zu ſehen, ihm die Wange höher färbte;„ſage mir, welcher Art meine Miſſion iſt.“
Der Chef öffnete ſeinen Schreibtiſch.
„In dieſem Packete findeſt Du Deine Vollmachten und Inſtruktionen; prüfe ſie genau und mache Dich für morgen früh reiſefertig. In T., am Fuße der Karpathen, beſitzt mein Jugendfreund Baron Waltersdorff ein ſtattliches Gut; bei Ueberreichung dieſes Briefes wird er Dich ſicher mit offenen Armen aufnehmen.“
Der junge Mann begab ſich in ſein Zimmer, um die ihm übergebenen Papiere durchzuſehen und die nöthigen Vor⸗ bereitungen zur Reiſe zu treffen. Er kannte die Gefahren, denen er entgegenging, ganz genau, aber der ehrenvolle Auf⸗ trag und die Sehnſucht, den Komptoirſtaub einmal von den Füßen zu ſchütteln und andere Menſchen und fremde Gegenden kennen zu lernen, ließen ihn nicht weiter darüber nachgrübeln. Mit Anbruch des anderen Tages ſaß er wohlgemuth im Sattel und trabte zu einem der öſtlichen Thore Brünns hinaus.
Bei der Mangelhaftigkeit der damaligen Verkehrsverhält⸗ niſſe war das Reiſen zu Pferde nicht blos das ſchnellſte, ſondern auch angenehmſte; waren ſchon in den Ebenen die Straßen oft kaum zu Wagen paſſirbar, ſo war dies noch in weit höherem Grade im Gebirge der Fall, wo die ſchmalen Saumpfade kein anderes Verkehrsmittel als Maulthiere und mit den Wegen vertraute Pferde zuließen.
Ein kräftiges Roß trug den jungen Bernhard, ſeine Börſe war wohlgefüllt und aus den Halftern vorn am Sattelknopf blitzten drohend die Kolben von zwei guten Piſtolen. Gegen den Angriff einzelner Räuber glaubte er ſich hinreichend ge⸗ ſichert und bei einem Ueberfall durch eine ganze Bande ver⸗ traute er auf die Schnelligkeit ſeines Pferdes. Sein über⸗ ſtrömender Jugendmuth wünſchte nichts ſehnlicher, als daß ihm irgend ein Abenteuer begegnen möge; er fühlte die Kraft in ſich, es mannhaft zu beſtehen.
Am zweiten Tage um die Mittagszeit langte Bernhard in T. an. Wie ſein Vater vorausgeſagt hatte, empfing ihn der alte Freiherr nach Durchſicht des ihm überbrachten Briefes mit äußerſter Liebenswürdigkeit und war hocherfreut, von ſeinem Jugendfreunde wieder einmal etwas zu ver⸗ nehmen.
„Bleiben Sie hier, ſo lange es Ihnen gefällt,“ ſagte der Baron zu ſeinem Gaſte.„Ich kann Ihnen zwar auf meiner einſamen Beſitzung nicht die Zerſtreuungen bieten, welche das Leben in der Stadt gewährt, wenn Sie aber ein Freund von Jagd und Fiſchfang ſind, ſoll es Ihnen an Abwechſelung nicht fehlen.“
„Ich muß verbindlichſt danken,“ erwiderte der Kaufmann, „aber meine Geſchäfte ſind dringlicher Natur, und ſobald ſich mein Pferd etwas erholt hat, gedenke ich aufzubrechen.“
„Wo denken Sie hin?“ rief der Baron Waltersdorff. „Sie würden mit Anbruch der Nacht in den gefährlichſten Theil des Gebirges kommen und ganz unfehlbar ein Opfer der Räuber werden.“
„Nun, ich bin gut bewaffnet,“ nahm Bernhard das Wort; „aber iſt es denn wirklich ſo unſicher? Derartige Gerüchte werden gewöhnlich etwas übertrieben.“—
„Da iſt nichts von Uebertreibung; ſchon Mancher hat das Gebirge betreten und iſt verſchwunden, Niemand weiß wohin. Die Gensd'armerie wagt ſich nicht hinein in die Schluchten und Wälder, Militär iſt nicht verfügbar und ſo bleiben die Ban⸗ diten unbehelligt. Schlagen Sie ſich wenigſtens die Weiter⸗ reiſe für heute aus dem Sinne und laſſen Sie morgen früh bei Zeiten ſatteln; Sie haben dann den Tag vor ſich und ich werde Ihnen zur Begleitung durch das Gebirge einen zu⸗ verläſſigen Diener mitgeben.“
Der junge Kaufmann vermochte nichts einzuwenden und nahm daher das Anerbieten des Freiherrn dankend an.
Als Bernhard ſich am nächſten Morgen mit Tagesgrauen in den Stall verfügte, fand er einen Reitknecht des Guts⸗ beſitzers mit ſeinem Pferde beſchäftigt. Er theilte ihm mit, daß er auf Befehl ſeines Herrn ihn begleiten werde, bis er jenſeit der Karpathen nichts mehr von jenem Raubgeſindel zu befürchten brauche. Sorgfältig prüfte der Diener das
Riemen⸗ und Sattelzeug der beiden Pferde, legte daſſelbe auf
und ſchob ſchließlich zwei mächtige Reiterpiſtolen in die Sattel⸗ taſche. Eine Viertelſtunde ſpäter verließen die beiden Reiter das Gehöft und vom Fenſter herab winkte der Baron dem ſcheidenden Gaſte noch herzliche Grüße und Glückwünſche für die Reiſe zu.
Wohlgemuth ritt Bernhard in den friſchen Morgen hinaus; die Hufe der Pferde ſtreiften die in der Sonne funkelnden Thautropfen von den Gräſern, die Lerchen jubelten ihr helles Morgenlied in die blaue Luft hinein und hier und da huſchte ein aufgeſcheuchtes Häslein in kurzen Sätzen über den Weg. In geringer Entfernung von den beiden Reiſenden aber dehnten ſich, ſo weit das Auge reichte, dunkle Tannenwälder aus, durch welche ſich die Straße über Berge und zwiſchen mächtigen Felſen in vielfachen Windungen dahinſchlängelte, hier in einer ſchwarzen, finſteren Schlucht zu verſchwinden ſchien, um drüben auf der Höhe wieder zum Vorſchein zu kommen.
Dem jungen Manne ward doch etwas bange um's Herz, als ſie den gefürchteten Wald betreten hatten. Sein Begleiter ritt am äußerſten Rande des Weges dahin, wo das kurze, aber dichte Gras den Hufſchlag der Roſſe dämpfte. Unwill⸗ kürlich folgte Bernhard ſeinem Beiſpiele, ſich dicht hinter dem Diener des Barons haltend; kein lautes Wort, das zum Ver⸗ räther hätte werden können, wurde gewechſelt, jedes unnöthige Geräuſch vermieden.
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