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Concordia.
Aufguß für den Dienſteifer des jungen Beamten. Seine ganze ſchleunige Expedition ſchien dadurch in's Waſſer fallen zu ſollen. Die Ueberraſchung raubte ihm daher auch für einen Moment die Sprache.
„So iſt er nicht mehr hier?“ fragte er endlich mit un⸗
ſicherer Stimme.
„In Travellshouſe—? nein!“ antwortete der Lord,„doch in der Nähe— ja—]! habe den nichtsnutzigen Burſchen erſt geſtern wieder gewittert!“
Dieſe Andeutung war Lebenselexir für Saunders; er ward förmlich länger bei der Rede des Lords.
„Eure Herrlichkeit können mir vielleicht auch ſeinen jetzigen Aufenthalt nennen?“ fragte er eifrig.
„Kann ich— ja!“ erwiderte Lord Travells;„er hat ſich in Chelmsborough, zwei Meilen von hier, feſtgelegt— lungert da herum— mir zum Aerger!“
„Meinen Dank, Mylord!“ ſagte Saunders lebhaft.„Ver⸗ zeihen Eure Herrlichkeit meine Zudringlichkeit. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen!“
Saunders wendete ſich ab, um mit gewohntem Eifer ſeine Aufgabe, auf Grund der erhaltenen Auskunft, weiter zu ver⸗ folgen.
„Aber— nun— Mann,“ rief jedoch der Lord,„weshalb wollt Ihr denn den Burſchen verhaften?!“
Saunders zögerte einen Moment mit der Antwort.
„Er ſteht in dem dringenden Verdachte,“ ſagte er endlich, ein ſchweres Verbrechen verübt zu haben, Mylord!“
„Nur eins—?!“ rief der Lord heftig,„‚zehn— zwanzig — dreißig—! behaupte ich—! beruft Euch auf mich, wenn es ſein muß!— Der Kerl müßte mindeſtens hängen, wenn
noch Recht und Gerechtigkeit in England herrſcht—! das behaupte ich!“
Saunders ſtutzte. Er ſchien einen Moment Luſt zu haben, weitere Fragen an den alten heftigen Herrn zu richten. Da fiel ihm jedoch wohl ein, daß der Gärtner angeblich fort— gejagt worden ſein ſollte, und er wußte zur Genüge, daß dieſe hohen Herren jedes kleine Verſehen oder Vergehen ihrer Diener für ein todeswürdiges Verbrechen hielten. Auf die Leiden⸗ ſchaftlichkeit des alten Herrn war überhaupt kein Gewicht zu legen. Er lächelte daher ſchließlich nur infolge der Aeußer⸗ ungen deſſelben.
„Es ſcheint wirklich,“ ſagte er leichthin,„als ob es dahin kommen würde.“
„Soll mich freuen— ja, ſoll mich ſehr freuen!“ rief Lord Travells in ſeiner lebhaften Weiſe, während er dem Beamten das Geleite bis auf den Flur gab.
Saunders machte, daß er davonkam. Er beſtieg ſein Pferd und verließ den Gaſthof. In welcher Richtung Chelms⸗ borough lag, hatte er vorher bereits an einem Wegweiſer er⸗ ſehen. Er ſprengte in dieſer Richtung davon und erreichte in kurzer Zeit den genannten Ort.
Saunders ſtieg vor dem Wirthshauſe ab, ließ ſein Pferd einſtellen und trat in das Haus, um eine kleine Erfriſchung zu nehmen. So nebenbei zog er Erkundigungen über den Mann ein, welchen er ſuchte. Der Wirth gab ausreichenden Beſcheid und nach kurzem Aufenthalte machte ſich Saunders, ſein Pferd zurücklaſſend, wieder auf den Weg, den erhaltenen Winken zu folgen. Sehr bald befand er ſich vor dem Hauſe, in welchem William Stoone wohnen ſollte.
Es war dies ein nettes, ſogenanntes Farmerhaus, weiß getüncht, mit rothem Ziegeldache. Thür und Fenſter waren ſauber gehalten. Der Vorgarten ließ noch im Spätherbſte erkennen, daß er gut benutzt und ſorgſam gepflegt worden.
Saunders hatte nach den Auslaſſungen des Lords bereits geglaubt, es mit einem Menſchen zu thun zu haben, der zum Herumtreiber und Vagabunden herabgeſunken war. Doch Je⸗ mand, der in ſolchem Hauſe eine ſtändige Wohnung hatte, konnte kein Landſtreicher ſein.
Während Saunders noch, über ſeine Beobachtung ſinnend, daſtand, ward die Thür des Hauſes geöffnet und eine ſauber gekleidete Frau in mittleren Jahren trat auf die Schwelle.
„Wollt Ihr zu uns, Sir?“ fragte dieſelbe freundlich; „Robertſon iſt zwar nicht zu Hauſe— aber das ſchadet nicht. Tretet nur ein; ich kann auch mit Euch verhandeln, oder Ihr mögt warten, bis Jener kommt. Ein paar Stunden werden allerdings vergehen—“
Die freundliche Frau ſchien ſehr redſelig zu ſein. Saunders war zu ihr in den Flur getreten, während ſie ſich zurückzog.
„Ich will zu Stoone!“ ſagte er, einen familiären Ton anſchlagend;„iſt er da?“
„Ach, zu Mr. William!“ meinte die Frau,„ja wohl, Sir; ſeid gewiß ein Freund von ihm; na, das iſt nur gut, er be⸗ darf auch der Aufmunterung, vielleicht gar des Troſtes, der arme Junge; er iſt ſonſt immer ſo ruhig und heiter. Doch die Nacht iſt er nicht daheim geweſen, und als er heute Morgen nach Hauſe kam, war er ganz blutig. Er ſpricht kaum ein Wort, ſondern ſitzt, mit dem Kopfe in den Händen, ſtill da; hat auch heute noch keinen Biſſen zu ſich genommen. Er ſieht faſt ſo aus wie damals, als ihn vor etwa drei Monaten die Herren in Travellshouſe ſo zu Schanden geſchlagen hatten; vielleicht iſt er wieder mit ihnen zuſammengetroffen—“
Saunders riß bei dieſen Worten der redſeligen Frau Augen, Ohren, Naſe und Mund auf. Endlich ſog er, ſo tief er nur konnte, die Luft ein. In einer Minute erfuhr er hier durch die Plauderhaftigkeit einer Frau mehr, als er viel⸗ leicht in drei bis vier Tagen unter vielen Anſtrengungen hätte erforſchen können.
„So, ſo!“ ſagte er, jedoch anſcheinend ruhig;„führt mich nur zu ihm.“
Während Beide die Treppe hinanſtiegen, brachte Saunders, ohne daß die Frau es bemerkte, ſein Bleiſtöckchen und die beiden mitgeführten Puffer in handrechte Lage. Der Weg ging ſpäter über einen Vorboden zur Thür eines Giebel⸗ zimmers. Die Frau öffnete jene und ſteckte den Kopf in das letztere.
„Beſuch, William!“ rief ſie in munterem Tone;„nun macht ein anderes Geſicht, Mann— aber was ſehe ich— Ihr habt Euch ja noch nicht umgekleidet— nicht einmal ge⸗ reinigt— ſchämt Euch!— Na, Ihr werdet ihn entſchuld igen müſſen, Sir— tretet nur ein.“
Die letzten Worte galten ihrem Begleiter. Saunders trat vor und in das Zimmer, ſo wie die Frau ſich zurückzog. Er befand ſich dadurch in einem geräumigen, reichlich ausgeſtatteten und ſauber gehaltenen Gemache. An einem in demſelben be⸗ findlichen Tiſche ſaß ein junger Mann von vielleicht ſechs⸗ bis ſiebenundzwanzig Jahren, deſſen Geſicht bleich und über⸗ nächtig erſchien, deſſen Kleidung und lange Stiefeln reichliche Spuren des böſen Wetters und der ſchlechten Wege an ſich
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