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trugen. Außerdem waren Jacket und Beinkleid ſtellenweiſe und die rechte Hand faſt ganz mit Blut beſudelt.
„Ich danke, Miſtreß!“ ſagte Saunders, ſich zurückwendend zu der Frau. Dieſe verſtand den Wink ſofort, ſchloß die Thür und begab ſich nach unten, wie man im Zimmer deut⸗ lich hören konnte.
„Gärtner William Stoone— wie?“ fragte der Beamte, ſich dem Bewohner des Gemaches wieder zukehrend.
Dieſer hatte dem Fremden beim Eintritt einen forſchenden Blick zugeworfen; da derſelbe jedoch nicht grüßte und außer⸗ dem nicht zu ſeinen Bekannten gehörte, ſo hatte er ſeine Lage oder Stellung nicht verändert, ſondern abgewartet, bis der⸗ ſelbe ſich an ihn wenden werde. Auf die Anrede des Fremden hob der Befragte den Kopf.
„Mein Gewerbe und Name!“ antwortete er kurz, ſein Ge⸗ ſicht voll dem Beamten zugewendet.
Saunders ſah jetzt in ein zwar bleiches, aber regelmäßiges,
fanſprechendes Antlitz; die klaren, blauen Augen deſſelben ver⸗
riethen zwar Trauer oder Kummer, doch war der Blick der⸗ ſelben vollkommen ruhig.
„Ich bin Kriminalbeamter!“ ſagte Saunders,„und habe einige Fragen an Euch zu richten, Stoone!“
In William Stoone's Zügen oder Blicken zeigte ſich bei dieſer Mittheilung des Beamten nicht die geringſte Ver⸗ änderung.
„Fragt, Sir,“ ſagte er in völlig ruhigem Tone,„ich werde antworten!“
„Ihr habt am fünften April dieſes Jahres,“ fuhr Saun⸗ ders fort,„in Salisbury, bei dem Eiſenwaarenhändler Myers, ein Meſſer mit Hirſchhornſchale, ſogenannter Genickfänger, ge⸗ kauft— wie?“
„Ob es gerade am fünften geweſen, weiß ich nicht!“ ant⸗ wortete Stoone,„doch ſonſt ſind Zeit und Thatſache richtig!“
„Wo habt Ihr das Meſſer?“ forſchte Saunders weiter.
„Ich habe es vor einigen Wochen,“ erwiderte der Gärtner, „entweder auf dem Wege nach Salisbury, oder in der Stadt ſelbſt verloren!“
„Ah— wirklich?“ ſtieß der Beamte etwas ſpöttiſch her⸗ vor und fuhr dann fort:„Ihr ſeid während der letzten Nacht auch nicht zu Hauſe geweſen?“:
„Nein!“ erwiderte Stoone kurz und jetzt ſichtlich muthig.
„Wo waret Ihr während der Nacht?“ fragte Saunders weiter.
Zum erſten Male zeigte ſich eine wirklich lebhaftere Reg⸗ ung auf dem Geſichte Stoone's. Doch es war nicht etwa Schreck, Furcht oder Angſt; vielmehr Aerger, oder gar Zorn.
„Wozu die Frage?“ ſtieß er heftig hervor;„ich bin von Niemand abhängig und kann zu jeder Tages⸗ oder Nachtzeit gehen, wohin ich will!“
„Unter gewöhnlichen Umſtänden,“ fuhr der Beamte fort, „wäre ich auch nicht berechtigt, eine ſolche Frage an Euch zu richten. Ich frage auch nicht für mich, ſondern eigentlich in Eurem Intereſſe; denn könntet Ihr ſofort und beſtimmt nach⸗ weiſen, wo Ihr während der Nacht geweſen, ſo würde Euch das viele Unannehmlichkeiten ſparen! Wollt Ihr jetzt meine Frage beantworten?“
„Nein— wenigſtens vorläufig nicht!“ erwiderte Stoone kalt.
„Ihr ſeid verwundet!“ bemerkte Saunders;„wodurch und bei welcher Gelegenheit ſeid Ihr verletzt worden?“
Concordia.
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„Auch das wollt Ihr wiſſen, Sir?“ rief Stoone, während ein ſpöttiſches Lächeln über ſein leicht gefärbtes Geſicht flog; „ich merke wohl, worauf es abgeſehen iſt. Nun gut, ich will dieſe Frage beantworten. Ich bin über einen Zaun geſtiegen und habe mir dabei die Hand zerriſſen. Aber wie ſich vor Gericht ausweiſen wird, habe ich das Recht, über den ge⸗ dachten Zaun zu ſteigen!“
Saunders hörte nicht auf ſeine Rede, wie es ſchien; er hatte in die Taſche gelangt und ein Papier aus derſelben hervorgeholt. Er entfaltete daſſelbe und nahm es in die linke Hand. Sodann zog er mit der frei gewordenen Rechten ein Piſtol hervor und ſpannte den Hahn deſſelben.
„Gärtner William Stoone!“ begann er mit lauter Stimme, jedes Wort ſcharf betonend,„ich verhafte Euch im Namen Ihrer Majeſtät und des Geſetzes, auf Grund dieſes richter⸗ lichen Befehles: wegen Verdachts, in der verfloſſenen Nacht den Squire Sir Robert Burton ermordet zu haben!“
William Stoone hatte den Eingang zu dieſer, jedem Eng⸗ länder ſehr geläufigen Formel mit großem Gleichmuth an⸗ gehört. Einen Briten in ſeiner Wohnung zu verhaften, dazu gehören ſchon ſtarke Beweiſe für ſeine Schuld. Er wußte dies recht gut, und in der Meinung, daß ihm nichts zur Laſt gelegt, alſo auch nichts bewieſen werden konnte, was ſeine Verhaftung rechtfertigen dürfte, erwartete er ruhig den er⸗ läuternden Endreim des Ganzen.
Doch die wenigen Worte des fürchterlichen Refrains er⸗ ſchütterten ihn mächtig. Er ſaß plötzlich wie erſtarrt da; ſein Geſicht ſah leichenähnlich aus; die Augen ſtierten halb erloſchen auf Saunders.
„Sir Burton ermordet?!“ entrang es ſich endlich in ſonder⸗ barem Tone ſeiner Kehle,„ich der That verdächtig?! Ich glaubte, Ihr wäret einer anderen Angelegenheit wegen hier! An dem Tode des Squire bin ich unſchuldig, Sir!“
„Ich muß Euch feſſeln!“ ſagte Saunders, ohne auf ſeine Rede zu achten;„wollt Ihr es gutwillig dulden?“
Stoone erholte ſich ebenſo ſchnell, wie er moraliſch nieder⸗ geſchmettert worden. Das Blut ſchoß ihm gewaltig nach dem Kopfe.
„Auch das noch!“ rief er, und es ſchien einen Augenblick wirklich, als denke er daran, Widerſtand zu leiſten.
„Nicht vom Platze gerührt!“ rief Saunders, das Piſtol auf ihn richtend.
William Stoone ſuchte ſich zu faſſen.
„Fürchtet nichts!“ ſagte er, ſich zur Ruhe zwingend,„ich werde mich gutwillig fügen. Iſt der Squire todt, ſo kann noch Alles gut werden und ich verſäume durch eine kurze Haft nichts. Meine Unſchuld am Tode Sir Burton's wird bald an den Tag kommen!“
„Streckt die Hände vor!“ befahl Saunders.
Gleich darauf war William Stoone mit den ſogenannten Müffchen verſehen, welche die Feſſelung eines Menſchen be⸗ wirken, ohne auffallend bemerkt zu werden.
Die Rüſtung für den Aufbruch nahm nur wenig Zeit in Anſpruch und zur Verwunderung der Wirthin verließen die Beiden, Stoone noch ſo wortkarg wie bisher, in einer Weiſe das Haus, aus der ſie nicht klug werden konnte.
Zwei Stunden ſpäter lieferte Saunders ſeinen Arreſtanten an das Grafſchaftsgefängniß zu Salisbury at wd ging, ſo⸗


