Jahrgang 
2 (1879)
Seite
652
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652 Concordia.

fort Bericht über die Ausführung des ihm ertheilten Auf⸗ trages zu erſtatten.

Dieſer Bericht verſtärkte den gegen William Stoone bereits vorliegenden Verdacht, Sir Robert Burton ermordet zu haben, ſo bedeutend, daß der Unterſuchungsrichter es vorläufig auf⸗ gab, noch weiter nach anderen, der That etwa verdächtigen Perſonen forſchen zu laſſen.

8. Kapitel.

Auf Travellshouſe herrſchten bereits ſeit faſt zwanzig Jahren ſehr trübe Verhältniſſe, welche in der Hauptſache dem in England zum Zwecke der Erhaltung des großen Grund⸗ beſitzes beſonders ſtark ausgebildeten Majoratsweſen welches man eben ſo gut ein Unweſen nennen könnte entſprangen.

Es giebt kaum einen engliſchen Senſations⸗Roman, in welchem nicht das Majorat oder Fidei⸗Kommiß die Motive zu den Haupthandlungen des Ganzen hergeben müſſen, und dies iſt von einer gewiſſen Bedeutung.

Sind auch die in dieſen Machwerken geſchilderten Familien⸗ Verbrechen, ſo weit ſie die gegenwärtige Zeit betreffen, nichts als wilde Phantaſien, ſo haben ähnliche Ereigniſſe doch in der Vergangenheit geſpielt, und für die Gegenwart hat die gedachte Inſtitution noch andere bedenkliche Kalamitäten herauf⸗ beſchworen.

Der Großgrundbeſitz in England bildet eine Pairie, deren Aufgabe es iſt, eine Hauptſtütze der Krone zu ſein, als ſolche im Oberhauſe zu wirken oder am Hofe zu glänzen, ſowie Land und Volk im Auslande durch einen auffällig zur Schau getragenen, blendenden Luxus zu vertreten.

Dieſe Aufgaben werden auch hinlänglich gelöſt, doch welche Opfer ſolches dem Lande und dem Volke koſtet, das wird meiſtens überſehen oder vertuſcht ſelten zur Sprache ge⸗ bracht, und dann von den Anhängern des Syſtems todt⸗ geſchrieen. 6

Vor allen Dingen ſchafft dies Letztere aus den zum größeren Theile ſo gut wie erblos bleibenden Sproſſen der Ariſtokratie, welche alles Mögliche, nur nicht arbeiten lernen, ein Heer von Stellenjägern, welche zwar der Mehrzahl nach in den vielen Kolonien Britanniens ein Unterkommen finden, jedoch auch ihr reſpektables Kontingent zu den verkommenen Exiſtenzen des Landes, um nicht einen ſchlimmeren Ausdruck zu wählen, liefern.

Die nicht ſelten recht ſchlechte Verwaltung der engliſchen Kolonien iſt alſo zum Theil ebenfalls eine Folge des Majorats. Doch mitunter bewirkt das Ausſterben der direkten Erbfolger, daß die Pairie auf ein, lange Zeit in obſkurer Jämmer⸗ lichkeit lebendes Individuum kommt und mit ihm zugleich moraliſcher Schmutz und Gemeinheit ihren Einzug in das Erbe einer edlen und hiſtoriſch berühmten Familie halten.

Andererſeits kann man ſich leicht die Empfindungen eines Vaters denken, der, mit Töchtern geſegnet, ſich ſagen muß, daß dieſelben nach ſeinem früher oder ſpäter eintretenden Tode den reichen Beſitz der Familie mit dem Rücken anſehen müſſen unter gewiſſen Umſtänden ſogar als Bettlerinnen fortgeſchickt werden können.

Schmerzlich wird es überhaupt jedem Beſitzer ſein, den Mangel des direkten männlichen Erben beklagen zu müſſen, der nach ihm die Herrſchaft auf dem Familienbeſitze weiter⸗

führen könnte, und in dieſer Lage befand ſich Lord Travells auf Travellshouſe, obgleich er ſonſt reich genug war, ſeine einzige Tochter ſtandesgemäß auszuſtatten oder zu verſorgen.

Der jetzige Lord Travells hatte in jüngeren Jahren auch nicht die entfernteſte Ausſicht, das Oberhaupt der Familie zu werden, wohl aber mit Mangel, Noth und Entbehrung in jeder Form zu kämpfen. anderen Agnaten mit Tode abgingen und Sir Roger Malcolm, wie er ſich früher nannte, nachdem er ſchon über fünfzig Jahre alt geworden, zur Lordſchaft und in den Beſitz der Herrſchaft Travells gelangte.

Dieſe letztere umfaßte zwei Marktflecken, doppelt ſo viel große Dörfer, ein halbes Dutzend größere und ein Dutzend kleinerer Güter oder Meiereien; außerdem einige bedeutende Waldungen, See'n, Moore und ſonſtiges Zubehör.

Der neue Erbe brachte aus ſeinen früheren kleinlichen Verhältniſſen eine Neigung zur Sparſamkeit mit, welche in beſcheidener Lage angemeſſen und auch nützlich geweſen wäre. Auf der weitläufigen Beſitzung, deren Verwaltung er allein nicht zu überſehen vermochte, gewann ſeine Sparſamkeit die Bedeutung der Knauſerei, welche, ſtets am unrechten Orte an⸗ gewendet, nur den Erfolg hatte, daß er überall betrogen oder übervortheilt wurde.

Ein zweiter Mißgriff des alten Jünglings beſtand darin, daß er ſich mit einer blutjungen, gebildeten Dame vermählte, die von ihren Angehörigen zu dieſer Verbindung förmlich ge⸗ zwungen werden mußte.

Ungefähr nach Jahresfriſt beſchenkte Lady Travells ihren Gemahl mit einer Tochter, und nach zehn Jahren irdiſcher Hölle legte ſie ſich eines Tages nieder, um nicht wieder auf⸗ zuſtehen. Lady Travells ſtarb an gebrochenem Herzen, ward aber mit Glanz und Pomp in der Leichenhalle der Familie beigeſetzt..

Die letzten Jahre dieſer Ehe glichen einem furchtbaren Kampfe zwiſchen den beiden unpaſſenden Cheleuten. Lord Travells zürnte ſeiner Gemahlin hauptſächlich, weil ſie ihm keinen Sohn ſchenkte, und da ſich ſeine Neigung zur Spar⸗ ſamkeit allgemach zum ſchmutzigen Geiz ausbildete, ſo kann man ſich leicht denken, auf welche Weiſe der Kampf von ſeiner Seite geführt wurde.

Wie die Frau, haßte Lord Travells auch das Kind der⸗ ſelben, die kleine Anna, welche deshalb mit neun Jahren als völlig verwaiſt betrachtet werden durfte. Die erſte Erzieherin des Kindes nach dem Tode der Mutter war eine Schneider⸗ mamſell weil ſie ſo billig zu haben war. Die zweite Gouvernante war eine alte, ſtumpfgewordene Perſon, welche aus demſelben Grunde, wie die erſte, zu ihrem wichtigen Amte berufen worden. Ein ebenfalls ſchon alter Geiſtlicher ertheilte dem Mädchen Religionsunterricht zum Zwecke der Konfirmation. Als Lady Anna ſechszehn Jahre zählte, hörte jeder eigentliche Unterricht für ſie auf und die Wirthſchafterin des Hauſes ward beauftragt, ihr die nöthige Anleitung zur Führung eines Hausweſens zu geben. Es war ein dornen⸗ voller Pfad, den das heranwachſende Mädchen zu durch⸗ wandeln hatte.

Es iſt lächerlich, aber demungeachtet wahr, daß Lord Travells der Tochter ebenfalls hauptſächlich deswegen grollte, weil ſie ein Mädchen und fein Knabe war. Daß ein Seiten⸗ verwandter ſpäter an ſeine Stelle treten ſollte, war ſeit Jahren

Doch das Schickſal wollte, daß alle