Concordia. 653
das Schreckgeſpenſt des Lords. Statt ſich mit dem muth⸗ maßlichen Erben in Verbindung zu ſetzen— vielleicht eine Heirat deſſelben mit der Tochter anzubahnen, war er nur beſtrebt, möglichſt hohen Ertrag aus der Beſitzung zu ziehen, was die Entwerthung derſelben zur Folge hatte.
Er verpachtete die Einkünfte von den Flecken und Dörfern, die großen wie die kleinen Güter, die Meiereien und ſelbſt die Aecker des Familienſitzes Travellshouſe. Sobald die Pächter nur den hohen Pachtzins pünktlich zahlten, konnten ſie wirth⸗
ſchaften, wie ſie wollten. Erſatz oder Verbeſſerungen im Be⸗
ſitzſtande wurden abſolut nicht vorgenommen. Die eingehenden Summen häufte der Lord in ſeinen feſten Geldſpinden auf. Für wen— danach fragte er wohl nicht weiter. Der zu⸗ ſammengeſcharrte Mammon machte ihm Freude— das war Alles!
Bei ſeiner Nachſicht gegen die Pächter in gewiſſer Be⸗ ziehung gingen die Geſchäfte zwiſchen jenen und dem Lord auch meiſtens glatt von ſtatten. Nur ein Gegenſtand war Lord Travells ſtets ſehr unangenehm: zu dem großen Park, dem Ziergarten und einem bedeutenden Gemüſegarten in Travells⸗ houſe wollte ſich kein Pächter finden, und doch konnte er ſich lange nicht entſchließen, jene Ländereien für eigene Rechnung bewirthſchaften zu laſſen. Die Umgebung der alten Beſitzung verwilderte daher in hohem Grade und machte den Aufenthalt in den weitläufigen, von nur wenig Perſonen bewohnten Baulichkeiten immer unheimlicher. Nothgedrungen faßte der Lord daher endlich den Entſchluß, einen Fachmann zur Be⸗ wirthſchaftung der gedachten Territorien anzuſtellen.
Lord Travells wendete ſich nach London, dem Tummel⸗ platze ſeiner jüngeren Jahre, und erließ eine jener prahleriſchen Aufforderungen, welche entworfen werden, vertrauensſelige Leute anzulocken, in den zweckdienlichen Blättern.
Eine Woche ſpäter traf in Travellshouſe ein junger Mann ein, ſich bei Lord Travells um die ausgeſchriebene Stelle eines Gartenverwalters oder Obergärtners zu bewerben. Dieſer junge Mann nannte ſich William Stoone.
William Stoone war der Sohn eines früheren Bank⸗Be⸗ amten in London und hatte eine gute Schulbildung erhalten. Später erlernte er die Kunſt⸗ oder Zier⸗ und Gemüſegärtnerei in der Nähe der Hauptſtadt. Durch den Tod ſeiner Aeltern zu einigem Vermögen gekommen, beſuchte er längere Zeit die Königliche Gärtnerſchule bei London und erwarb auf derſelben eine Hauptprämie von fünfzig Pfund. Seine Abſicht war eigentlich, ſich durch die in ſeinem Beſitz befindlichen Mittel ſelbſtſtändig zu machen, doch als er die Aufforderung Lord Travells' zu Geſicht bekam, beſchloß er, derſelben zu folgen, um vielleicht Gelegenheit zu erhalten, ſich mit der ſelbſtſtändigen Leitung einer größern Gärtnerei vertraut zu machen.
William Stoone's Zeugniſſe waren ſämmtlich vortrefflich, ſeine Perſon erſchien anſprechend, und ſein Benehmen wie ſeine Sprache verriethen ſofort den gebildeten Mann. Lord Travells begrüßte und empfing den jungen Mann daher ſehr freundlich; er konnte ſogar ungemein freundlich und zuvor⸗ kommend ſein, wenn es ſein Vortheil erheiſchte.
Doch würden Zuvorkommenheit und Freundlichkeit hier kaum von Nutzen geweſen ſein, wenn nicht andere Gründe William Stoone vermocht hätten, die Stellung zu übernehmen. Schon beim Betreten des Gutshofes hatte der junge Mann
erkannt, woran es hier fehlte; noch mehr war ſolches der
Fall, als ihn der Lord durch Park und Gärten führte. Aber es ſagte dem thatkräftigen jungen Manne zu, aus der Wüſtenei etwas zu machen, und deshalb erklärte er ſich bereit, in Travellshouſe zu bleiben, doch nicht als Gärtner oder Be⸗ amteter im Dienſte des Lords, ſondern in anderer Weiſe.
Lord Travells fragte etwas verwundert, wie er das zu verſtehen habe.
„Eure Herrlichkeit wollen gegen Lohn einen Gärtner an⸗ ſtellen,“ erwiderte der junge Mann,„welcher Park und Blumen⸗ garten in Ordnung bringen und auch aus dem Gemüſegarten noch etwas herauswirthſchaften ſoll. Der Menſch, welcher unter den obwaltenden Umſtänden auf das Anerbieten ein⸗ ginge, könnte nur ein Dummkopf oder ein Schelm ſein. Die ſofortige Herſtellung von Park und Ziergarten verlangen mindeſtens eine baare Summe von tauſend Pfund; die ſofortige Ausnutzung des Gemüſegartens erfordert eine Arbeitskraft, welche ich auf der Beſitzung vermiſſe. Durch die Anſtellung eines Gärtners würden daher die erſten Zwecke gar nicht erreicht und höchſtens einiges Gemüſe für das Haus erzielt werden. Sicherer und billiger würde ſich Alles herſtellen laſſen, wenn man es auf die Zeit ſchöbe und die Garten⸗An⸗ lagen Jemand zur eigenen Bewirthſchaftung überließe!“
„Aber ich finde ja keinen Pächter dazu!“ rief der Lord heftig.
„Einen Pächter und einen Pachtvertrag habe ich auch nicht im Sinne!“ antwortete William Stoone;„doch, darf ich Eurer Herrlichkeit einen Vorſchlag machen?“
„Sprechen Sie, junger Mann!“ erwiderte der Lord lebhaft.
„Eure Herrlichkeit überlaſſen mir Park, Zier⸗ und Küchen⸗ garten auf zehn Jahre zur Bearbeitung und Ausnutzung!“ begann der Gärtner;„innerhalb dieſer Friſt vollziehe ich die Reinigung und Durchplänterung des Parkes und ſtelle deſſen Gänge her. Von dem herausgeſchlagenen Holze verſorge ich das Haus mit Brennmaterial; das übrige verbleibt mir. Sobald der Ziergarten in Ordnung und der Gemüſebau im Gange, verſorge ich das Haus auch mit Blumen und Ge⸗ müſen. Die Beſtimmung über weitere Erträge bleibt mir jedoch überlaſſen, oder vielmehr dieſe Erträge bilden den Er⸗ ſatz für meine Auslagen und Arbeiten!“
Lord Travells ſah den jungen Mann einen Augenblick ſtarr an.
„Und ich habe nicht nöthig, einen Schilling zu zahlen?“ fragte er eifrig.
„Keinen Schilling!“ erwiderte Stoone beſtimmt.
„Topp— Ihr ſeid mein Mann!“ rief der Lord,„machen wir die Sache ſchriftlich!“
„Wie Eure Herrlichkeit für gut befinden!“ ſagte der Gärtner.
„Folgt mir, Mann!“ ſchloß der Lord, und Beide begaben ſich in das Herrenhaus.
Lord Travells war über das getroffene Abkommen ſo glück⸗ lich, daß er eine Flaſche Wein bringen ließ und dem Gärtner ein Glas davon anbot. Sodann machte er ſich an die Ab⸗ faſſung des ſchriftlichen Vertrages. Auf dergleichen verſtand ſich der Pair von England ausgezeichnet.
Nach zwei Stunden ungefähr verließ William Stoone mit einem von beiden Theilen unterzeichneten Vertrags⸗Exemplar, in welchem Alles wohl verklauſulirt war, Lord Travells und deſſen Beſitzung wieder.
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