Jahrgang 
2 (1879)
Seite
654
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Acht Tage ſpäter traf der junge Gärtner mit ſeinen Hab⸗ ſeligkeiten in Travellshouſe ein und bezog das im Gemüſe⸗ garten befindliche Garten⸗ und Treibhaus, in welchem er ſich

ſo gut es ging wohnlich einrichtete.

9. Kapitel.

William Stoone war, als er nach Travellshouſe kam, etwas über vierundzwanzig Jahre alt; er war nicht eben hoch, doch kräftig gebaut; ſein ganzes Weſen und Benehmen kenn⸗ zeichneten den ruhigen, beſonnenen Menſchen; ſein Bildungs⸗ grad ward bereits angedeutet.

Zur Haushaltung des Lord Travells gehörte außer ihm und ſeiner Tochter eine alte, ſtets verdroſſene und mürriſche Wirthſchafterin, von der hauptſächlich noch zu bemerken ſein dürfte, daß ſie viel geiziger wie der Lord ſelbſt war. Zu ihrer Unterſtützung im Hauſe waren zwei Mädchen vorhanden; ein drittes hatte hauptſächlich die beiden im Hofe gehaltenen Kühe und zwei Ziegen abzuwarten.

Das männliche Dienſtperſonal in Travellshouſe beſtand aus einem alten Bedienten, der ſo faul wie dumm war, einem großmäuligen, dummdreiſten Kutſcher und zwei Stallknechten. Kutſcher und Knechte hatten die vier Wagen und zwei Reit⸗ pferde des Lords unter ihrer Aufſicht.

Zu einem Umgange für den, mit dem großſtädtiſchen Leben, ſowie den erlaubten Genüſſen und Unterhaltungen der Hauptſtadt vertrauten Gärtner eignete ſich keine der zuletzt genannten Perſonen, und William Stoone leiſtete auch von vornherein Verzicht darauf, mit ihnen in nähere Verbindung zu treten.

Dagegen nahm er ſeine Aufgabe vom Augenblicke des An⸗ zuges ab ſehr ernſt. Noch an dem Tage ſeiner Ankunft ſchlug er ein paar kernfaule Bäume des Parkes nieder und verſorgte das Herrenhaus, wie ſich ſelbſt mit Brennholz.

Am anderen Tage ſchloß er mit einigen Geſchäftsgenoſſen der lumgegend Uebereinkommen wegen Lieferung von Gemüſen ab, und verſorgte ſchon in den nächſten Tagen das Haus mit ſolchen, obgleich er noch nicht dazu verpflichtet war und die⸗ ſelben aus ſeiner Taſche bezahlen mußte.

Es lag ihm indeſſen daran, ſich im Herrenhauſe günſtig einzuführen und die nachbarlichen Kollegen zu gewinnen, da er ſpäter genöthigt war, Sämereien und Pflanzen von ihnen zu entnehmen.

Ein ſonderbarer Dank ward ihm für das ſo bereitwillig gebrachte Opfer zunächſt von der alten Wirthſchafterin. Die⸗ ſelbe erklärte ihm bei Gelegenheit der erſten Lieferung für die Küche, daß er auf ein Frühſtück nicht zu rechnen habe, weil dergleichen in Travellshouſe nicht Sitte ſei.

Die ebenfalls anweſenden Hausmädchen kicherten und machten höhniſche Bemerkungen dazu; am lauteſten lachte ein noch ſehr junges Frauenzimmer, welches William bisher nicht geſehen und deſſen Stellung im Hauſe er daher auch nicht kannte.

Stoone erklärte der Wirthſchafterin, daß er ſich nicht als Dienſtmann des Lords betrachte und deshalb auch keinen An⸗ ſpruch auf regelmäßige oder gelegentliche Beköſtigung in deſſen Küche mache. Die anderen Frauenzimmer beachtete er gar nicht und entfernte ſich nach einem kurzen Gruße.

Aehnlich war oder blieb ſein Benehmen in der nächſten

354 Concordia.

Zeit gegen das ganze Dienſtperſonal des Gutes. Er ſprach nie mehr wie nöthig und that, als höre oder verſtehe er Scherze und vertrauliche Aeußerungen nicht.

Lord Travells wußte die beginnende Thätigkeit des jungen Gärtners jedoch beſſer zu ſchätzen; er ſuchte ihn eines Tages bei der Arbeit im Garten auf, und ſprach ihm ſehr wortreich ſeine Anerkennung aus. Endlich reichte er dem Belobten herablaſſend ſeine Hand.

Ihr ſeid ganz mein Mann, William! ſagte er dabei, Euch habe ich lange geſucht. Schaltet und waltet wie Ihr wollt, in Park und Garten. Ich werde Euch niemals hin⸗ dernd in den Weg treten!

Das war jedenfalls mehr werth, wie jeder kleine Vortheil, welchen man ihm in der Küche bieten konnte.

William Stoone hatte ſchon gleich am erſten Tage ſeiner Anweſenheit die beiden Ziegen, welche unbeirrt überall umher⸗ ſchweiften, mit beſorglichen Blicken betrachtet. Er fand ſich auch bald wiederholt veranlaßt, die Thiere aus dem Bereiche ſeiner Thätigkeit zu vertreiben.

Dies zog ihm eines Tages die heftige Zurechtweiſung des ſchon erwähnten jungen Mädchens zu, und da er jene etwas ungebührlich fand, erlaubte er ſich die Frage, mit welchem Rechte jenes in dem beliebten Tone zu ihm ſpreche.

Stoone wußte allerdings, daß Lord Travells eine Tochter hatte; unmöglich konnte er dieſelbe jedoch in dem faſt dürftig gekleideten jungen Mädchen, welches mit den rohen Dienſt⸗ boten auf ſo vertrautem Fuße ſtand, vermuthen.

Zu ſeiner größten Verwunderung mußte er jetzt erfahren, daß ihm die Tochter des Lords, Lady Anna Travells, den Verweis ertheilt hatte.

William Stoone ſuchte ſo ſchnell wie möglich und ſo weit es ſich überhaupt noch thun ließ ſein Staunen zu unterdrücken.

Verzeihen Sie mir gütigſt, Lady! ſagte er höflich,ich hatte bisher nicht die Ehre, Sie zu kennen. Die ertheilte Rüge wäre ſonſt anders von mir aufgenommen worden. In der Hauptſache wird es zwar immer auf daſſelbe hinauslaufen; denn ſoll der Garten bearbeitet werden, müſſen die Thiere demſelben fern bleiben. Sie ſind im Stande, in wenigen Stunden die Frucht einer monatelangen Thätigkeit zu zer⸗ ſtören. Ich erlaube mir daher mit geziemendem Reſpekt zu bitten, die Thiere nicht mehr, wie bisher, ſich ſelbſt zu über⸗ laſſen, ſondern unter Aufſicht zu ſtellen, oder im Stalle zu laſſen. Lieben Sie vielleicht Blumen, meine gnädige Lady?

William hatte zuerſt ruhig und ernſt, doch beſcheiden ge⸗ ſprochen; die zuletzt von ihm geſtellte Frage ward von einem freundlichen Lächeln begleitet.

Lady Anna ſah den jungen Mann einige Zeit erſtaunt, mit weit geöffneten Augen an; dann ſenkte ſie den Blick ver⸗ legen zur Erde.

Ob ich die Blumen liebe? wiederholte ſie, wie mit ſich ſelbſt ſprechend,o ja; doch ich habe keine! werdet Ihr Blumen ziehen?

Ganz gewiß, Lady! erwiderte der junge Mann,und dabei würden mir die Ziegen erſt recht hinderlich ſein!

Sie werden nicht mehr in den Garten kommen! ſagte Lady Anna ſchnell, wendete ſich ab, trieb ſelbſt die Thiere aus dem Garten und verſchwand mit denſelben.

Von dieſem Tage ab brachte William Stoone jeden Mor⸗ gen, neben anderen Sachen, auch ein Blumenbouquet, wie es

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