Jahrgang 
2 (1879)
Seite
671
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unn luß

ene ald

dem

Unentſchloſſenheit einen Grund haben, und ich nahm mir vor, demſelben auf die Spur zu kommen.

Eines Tages rief mich der Graf auf ſein Zimmer, was er immer that, wenn er etwas beſonders Wichtiges mit mir zu beſprechen hatte.

Jago, ich werde heiraten! rief er mir beim Eintritt entgegen.

Dann gratulire ich, Herr Graf, erwiderte ich und reichte ihm die Hand. Ich wußte, daß die vornehmſten Familien den jungen, reichen und ſchönen Spanier mit Freuden auf⸗ genommen haben würden, wenn er um die Hand einer Tochter geworben hätte, und nahm daher als ſelbſtverſtänd⸗ lich an, daß ſeine Auserwählte dieſen bevorzugten Kreiſen angehöre.

Der Graf ſah mich eine Zeit lang prüfend an, dann ſagte er:

Du irrſt, Jago, wenn Du meine Braut für eine reiche Erbin hältſt; ſie beſitzt nichts, als ihr engelgleiches Aeußere und einen Ruf, an dem nicht der geringſte Makel haftet.

Sie ſind in der glücklichen Lage, auf die Mitgift Ihrer künftigen Gemahlin verzichten zu können, wenn ſie nur ſonſt Ihrem Stande ebenbürtig

Weiter kam ich nicht.

Schweig' mir von dieſen Albernheiten, herrſchte er mir

zu;iſt es etwa mein Verdienſt, daß ich als Graf geboren

bin, und iſt es die Schuld des Mädchens, das ich liebe, daß ihre Eltern in Armuth und Dürftigkeit leben?

Selten habe ich meinen Herrn ſo heftig geſehen, und ich ſuchte ihn durch einige paſſende Entſchuldigungen wieder zu beſänftigen.

In acht Tagen reiſen wir, fuhr er ruhiger fort;am Tage vor der Abreiſe werde ich mich mit Emmy in der kleinen Schloßkapelle trauen laſſen.

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Emmy war eine Blumenverkäuferin, die täglich in dem Café, wo der Graf verkehrte, kleine Sträußchen feilbot. Ich hatte längſt bemerkt, daß ſie ihm beſonderes Jutereſſe einflößte, aber nicht den entfernteſten Gedanken an eine tiefere Leidenſchaft gehabt. Nun, Herr, es iſt die alte Geſchichte, die ſchon oft da war und noch öfter wiederkehren wird; ich will mich kurz faſſen. Der vornehme ſpaniſche Edelmann wurde in der Schloßkapelle, die ihm auf ſeine Bitten vom Fürſten bewilligt worden war, mit der armen deutſchen Blumenverkäuferin getraut. Bei der Feierlichkeit war Niemand zugegen, als der Vater und ein Bruder der Braut und ich, aber gerade das hatte mein Herr bezweckt; ſtill und ohne Aufſehen ſollte die heilige Handlung vor ſich gehen. Mit ſeinem adelsſtolzen Oheim war der Graf wegen dieſer Verbindung gänzlich zerfallen.

Der Erzähler machte eine Pauſe und verſank in Nach⸗ denken. Alte Erinnerungen ſchienen ihn lebhafter als ſonſt zu beſchäftigen.

Am Tage nach der Trauung, fuhr der alte Kaſtellan fort,befanden wir uns auf der Reiſe nach dem Süden, und eine herrliche Zeit ging für uns auf. Die jungen Cheleute ſahen ſich Alles an den Augen ab, und es war faſt rührend, zu ſehen, wie ſie ſich mit Aufmerkſamkeiten überhäuften. Gegen mich waren Beide, beſonders aber die Gräfin, ſehr gütig, und ich wünſchte nur, daß dieſes angenehme Verhältniß

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mein Leben lang fortdauern möchte; beſſer konnte ich es nicht vom Schickſal verlangen. Ueber Genua kehrten wir endlich im Herbſte nach Spanien zurück.

Jahre vergingen, aber die Zuneigung der beiden Gatten hatte nicht an Innerlichkeit und Wärme verloren. Die Gräfin hatte ihren Gemahl mit zwei Töchtern beſchenkt, die indeſſen wieder ſtarben, noch ehe ſie zum Bewußtſein ge⸗ langten, und die Wünſche des gräflichen Paares waren nun auf einen Erben und Träger des altadeligen Namens ge⸗ richtet. Es war, als wenn der Himmel das Glück Diego's und ſeiner Gattin vollkommen machen wollte; auch dieſer Wunſch wurde erfüllt, und eines Tages erhielt das ganze Perſonal vom oberſten Verwalter bis zur niedrigſten Magd zur Feier der Ankunft des Stammhalters reiche Geſchenke. Die Freude war aber von kurzer Dauer; drei Tage ſpäter wehte die ſchwarze Fahne vom Schloßthurme und bald darauf trug man die Gräfin im Sarge hinaus in den Park an ihr Lieblingsplätzchen, wo ſie in die Erde gebettet wurde.

Laſſen Sie mich ſchweigen, Herr, über den Jammer, der über uns hereinbrach; der Graf war halb wahnſinnig, hatte Anfälle von Tobſucht, und Niemand außer mir durfte e wagen, ihm unter die Augen zu treten. Halbe Tage ver⸗ brachte er in dem Zimmer, in welchem die Gräfin geſtorben war, und er hatte ſtrengen Befehl ertheilt, Alles genau ſo ſtehen und liegen zu laſſen, wie es bei Lebzeiten Emmy's ge⸗ weſen war.

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Eines Tages es mochten etwa vier Wochen nach dem Tode der Gräfin ſein befand ſich mein Herr wieder einmal in der Stube ſeiner Frau in dumpfes Hinbrüten verſunken. Der kleine Knabe lag in der Wiege und ſchlief, neben ihm ſaß die Wärterin, mit einer Handarbeit beſchäftigt. Plötlich ſprang der Graf zum Lager des Kindes, ergriff blitzſchnell daſſelbe und eilte damit zum offenen Fenſter. Ehe die ent⸗ ſetzte Wärterin es verhindern konnte, ſchleuderte der Vater das unglückliche Weſen, das er für die Urſache des Todes ſeiner Frau hielt, in einem Anfalle von Raſerei zum Fenſter hinaus, das nach dem Garten führte.

Es war ein glücklicher Zufall, daß ich gerade an dieſer Stelle mit dem Umgraben von Beeten beſchäftigt war; das kleine, in Betten wohlverwahrte Weſen fiel auf die lockere Erde und hatte nicht den mindeſten Nachtheil davongetragen. Ich errieth ſofort den Zuſammenhang, nahm das Kind haſtig auf und trug es in meine Wohnung, wo es wenigſtens vor⸗ läufig vor den Angriffen ſeines Vaters geſichert war.

Meine Sorge war unbegründet, denn kaum hatte ich den kleinen Carlos in meinem eigenen Bett in Sicherheit gebracht, als auch ſchon der Graf in mein Zimmer geſtürzt kam. Er war leichenblaß, eilte auf ſein Kind zu und weinte und lachte vor Freude, als er es unverſehrt ſah. Sofort nach ſeiner unnatürlichen That war ihm die Beſinnung zurückgekehrt; er hatte vom Fenſter aus noch geſehen, daß ich das kleine Weſen aufhob und forttrug, und war mir auf dem Fuße gefolgt, um das einzige Vermächtniß ſeiner verſtorbenen Gattin, wenn mög⸗ lich, zu retten.

Abermals ſchwieg der Kaſtellan, aber in ſeinem Geſichte ſpiegelte ſich die mächtige Erregung wider, die er bei jener ſchrecklichen Scene empfunden haben mußte. Es bedurfte

Keiniger Zeit, ehe der alte Mann den Faden ſeiner Erzählung

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